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Neue BND-Zentrale in Berlin:Der gebaute Unfall

Als "offen" und "in der Mitte der Gesellschaft angekommen" bezeichnet der BND seine neue Zentrale. Das ist ein Ärgernis, das sogar noch größer ist als der größenwahnsinnige Bau selbst.

Der Koloss von Berlin, der an diesem Freitag von Angela Merkel zur feierlichen Eröffnung beehrt wurde und unter dem Begriff "Zentrale des Bundesnachrichtendienstes" bekannt ist, hat mit seinem Namensvetter, dem Koloss von Rhodos, ein paar verstörende Dinge gemein. Erstens die Bauzeit: Für die 30 Meter hohe Bronzestatue der Inselhauptstadt Rhodos, die in der Antike vor etwa 2300 Jahren zu den sieben Weltwundern gehörte, benötige man zwölf Jahre. 13 Jahre sind es bei der neuen, kolossal großen und in titanischer Absicht 36 Fußballfelder besetzenden XXL-BND-Zentrale, die seit 2006 nach Plänen der Architekten "Kleihues + Kleihues" an der Chausseestraße in Berlin-Mitte entstanden ist.

Ob der Entwurf dem architektonischen Vorbild von Ceaușescus Parlamentspalast in Bukarest oder doch eher dem italienischen Rationalismus der 1930er-Jahre nacheifert, ist nicht geklärt. Man könnte es aber rein größentechnisch, das spricht für Bukarest, vermuten. Allerdings fügt sich der Bau auch in die bizarre Geschichte der Überwältigungsarchitektur weltweit. In Deutschland dürfte die BND-Zentrale jedenfalls zu den größten Bauvorhaben des Landes zählen. Die Agentenbleibe umfasst hinter den 14 000 dunkel getönten Fenstern insgesamt 260 000 Quadratmeter. Die Öffnungen der Fassade könnte man, da unendlich repetitiv und gleichförmig schmal dimensioniert, einem delirierenden 3-D-Drucker zuschreiben, dessen Steuerung Amok lief. Die 14 000 Fenster könnten auch 14 000 Schießscharten sein.

Umzug nach Berlin

So sieht die neue Geheimdienst-Zentrale aus

Zugegeben: In Bukarest sind es 105 000 Quadratmeter mehr, und auch Hitlers Reichskanzlei war um gut einhundert Meter länger. Fast muss man angesichts der neuen BND-Zentrale also von neuer Bescheidenheit sprechen. Halbwegs fertig war das Quartier solcher Bescheidenheit übrigens schon 2016 - aber ein seltsam langwieriger Umzug von Pullach nach Berlin kam hinzu. Von 100 000 Umzugskartons ist die Rede. Man wusste ja gar nicht, dass in Pullach so viel Bürokram zu erledigen war.

Zweitens aber, um bei den Analogien der Kolosse zu bleiben, ist die Technik zu nennen. Die komplizierte Gusstechnik, in der der antike Koloss gefertigt wurde, war lange geheim - konnte aber später rekonstruiert werden. So war das auch mit den Bauplänen des geheimsten Geheimhauses Deutschlands, die lange extrem gut bewacht, dann aber versehentlich verlegt wurden und später im Internet wieder aufgetaucht sind.

Und drittens muss man sagen: Auch der Berliner Koloss sollte ursprünglich nicht ganz so teuer werden. Immerhin: Beim antiken Vorbild verachtfachten sich letztlich die Baukosten, in Berlin stieg die Bausumme "nur" von den ursprünglich veranschlagten 720 Millionen Euro auf etwa 1,1 Milliarden Euro. Im Spiegel-Interview bezeichnete der Chef der monumentalen Behörde, Bruno Kahl, die Kostensteigerung als "im Rahmen". Eine Überlast von knapp 400 Millionen Euro, für die jetzt die Steuerzahler aufkommen müssen, als "im Rahmen" zu bezeichnen: Wie man auf so eine Idee kommen kann, gehört vermutlich zu jenen Staatsgeheimnissen, die jetzt in Berlin eine neue repräsentativ gedachte Bleibe haben. Eine Bleibe, die sich selbst paradoxerweise "offen" und "in der Mitte der Gesellschaft angekommen" nennt.

Das ist - abgesehen von der Architektur, die man nur megaloman nennen kann - ein Ärgernis, das sogar noch größer ist als der größenwahnsinnige Bau selbst. Die BND-Zentrale steht nun schon so lange in Berlin herum, hinter ihrem elend martialischen Zaun und einem elend kafkaesken Fassadenkleid, so dass man sich immer wieder ein Bild von ihrer Nachbarschaftsverträglichkeit machen konnte. Ergebnis: der Bau ist der gebaute Unfall einer von Anfang an falschen Idee.

Wie soll ein Nachrichtendienst "offen" sein?

Vormals war der BND in Pullach in alten, hingeduckten Nazi-Bauten untergebracht, einigermaßen versteckt im Wald an der Isar. Wer dort vorbeiradelte, dem schrie die Anlage hinter Stacheldraht und ostentativ herumschwenkenden Kameras zu: "Verschwinde. Ich bin geheim, das geht dich nichts an - und eigentlich bin ich gar nicht da." Jetzt, da sich der BND im neuen Haus in Berlin auch ein neues Image geben wollte, ruft das Haus immer noch "Hau ab!" - aber jetzt behauptet es nicht mehr, es sei eigentlich gar nicht da, es sagt im Gegenteil: "Ich bin ja so was von da und angekommen." Doch mit der Mitte der Gesellschaft hat das nichts zu tun. Und wie soll das auch gehen: Wie soll ein Nachrichtendienst "offen" sein?

Der brachiale Bau, entstanden dort, wo zuvor Kasernen, die Polizei und ein Stadion beheimatet waren, steht jetzt inmitten der Stadt und wirkt sich auf seine Umgebung aus wie eine Kreissäge: Die gewaltig überdimensionierte Anlage, die für etwa 4000 Mitarbeiter eher konventionelle Zweier-Büros zum Agentengehege stapelt, zersägt das ganze Areal und ruiniert Nachbarschaften und Sichtbeziehungen. Wer das neue Haus umrundet, fühlt sich an den vormals nahen Todesstreifen erinnert. In kleinteilig und heterogen bebauter Umgebung ist der homogene Baukörper, festungsartig ausgebaut, der neue Souverän. Undurchlässig, abweisend, abwehrend, dominant - da kann das neue Besucherzentrum, in dem man vielleicht Kaffeetassen mit "007"-Aufdruck einmal wird kaufen können, noch so um Offenheit bemüht sein.

Es hätte aber auch nichts genutzt, wenn der Bau aus Glas wäre. Denn die Trutzburghaftigkeit ist keine Frage des Materials oder der Architektur. Sie ist eine Frage der stadträumlichen Situierung, mangelnder Durchwegung und absurder Größenverhältnisse. Tatsächlich ist der BND ja auch eine Behörde, die anders als ein Kulturzentrum nicht der Offenheit, sondern dem Schutz der Sicherheit dient. Das ist eine respektable und wichtige Aufgabe in Zeiten des Terrors. Und ja, es gibt Geheimnisse in der Welt - und es muss sie geben. Diese Behörde ist wichtig, die Mitarbeiter verdienen ein entsprechendes Gehäuse. Doch mit der Gesellschaft versöhnt man sich nicht, in dem man mitten in der Stadt die Größe von 36 Fußballfeldern mit einer Armada aus abgetönten und abhörsicheren Schießschartenfenstern besetzt, sondern indem man diskret, kontrolliert und demokratiefreundlich seinen Job erledigt. Wichtiger als ein neues Monumentalzeugnis der eigenen Wichtigkeit wäre für das Verhältnis des BND zur Öffentlichkeit ein skandalfreies Dasein.

Der BND-Horror also: größer als gedacht, teurer als gedacht, später fertig als gedacht. Aber so stadtunverträglich und gigantomanisch wie erwartet. Der Konstrukteur des Kolosses von Rhodos ging übrigens bankrott und brachte sich später um. Das kann Deutschland als Bauherr des Kolosses von Berlin zum Glück nicht passieren.

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