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Bullussa-rabi:Ich bin so schön

Einer der ältesten Texte der Weltliteratur, der Hymnus an Gula, stammt offenkundig von einer Frau.

Von Harald Eggebrecht

Der Hymnus, der Gula, der altmesopotamischen Göttin der Heilkraft gewidmet ist, hebt mit großem Ton an: "Die Göttin, die fähigste unter allen Göttern, die Heiligtümer bewohnen:/ Ich bin die Fürstin, Herrin, bin herrlich und erhaben,/ ich bin hoch an Stellung, bin weiblich, besitze Würde!/ Ich bin herausragend unter den Göttinnen!/ Am Himmel ist mein Stern, auf Erden mein Name groß!". In zehn ungleich langen Abschnitten preist diese stolze Hymne die Göttin und ihren Gatten, den Wasser- und Kriegsgott Ninurta. Sie ist um 1300 v. Chr. entstanden und wir kennen sogar den Namen ihres Dichters: Bullussa-rabi.

So dachte man bislang. Doch nun haben Altorientalisten um Professor Enrique Jimenez an der Ludwig-Maximilians-Universität in München herausgefunden, dass Bullussa-rabi keinesfalls ein männlicher, sondern ein weiblicher Name ist. Allerdings gibt es diesen im antiken Zweistromland sehr bekannten Hymnus nur in siebenhundert Jahre jüngeren Abschriften. Er war so berühmt, dass er nicht nur zum Erlernen der Keilschrift in Schulen verwendet wurde, sondern sogar zeitgenössische Parodien auf ihn verfasst wurden, wie Enrique Jimenez im Gespräch mit Hubert Filser erzählt hat: "Die Mesopotamier fanden die Hymne damals lustig, weil sie es so verrückt fanden, dass eine Göttin über sich in der 'Ich-Form' spricht."

Die Phase zwischen 1400 und 1300 v. Chr. war, so Jimenez, ein Goldenes Zeitalter der Literatur, "eine Renaissance", in der viele bedeutende Texte geschrieben wurden. Man kennt sie kaum aus originalen Quellen, sondern vor allem aus Abschriften, die in der Bibliothek des Königs Assurbanipal (668-631 v. Chr.) in Ninive aufbewahrt worden sind. Der Autorenname stand am Ende des Hymnentextes, allerdings ohne Hinweis auf das Geschlecht, für das es in der Keilschrift jeweils ein Zeichen gibt. Zu Zeiten von Assurbanipal waren alle Autorennamen als männlich gekennzeichnet. Also meinten die Mesopotamier, dass die siebenhundert Jahre älteren Texte ebenfalls von Männern stammten, auch wenn Geschlechtsmarkierungen fehlten. Dem folgten - man möchte sagen: natürlich - auch die Altorientalisten unserer Tage.

Bis eben Jimenez' Mitarbeiter Zsombor Földi sich bei seiner Arbeit am Projekt "Electronic Babylonian Literature" auf die Suche nach dem Namen Bullussa-rabi machte. Er fand ihn in neun Verwaltungsdokumenten aus der Entstehungszeit der Hymne, als König Nazi-Maruttasch regierte, der offenbar ein Literatur-Fan war. In all diesen Dokumenten ist Bullussa-rabi ein Frauenname. Die Sensation war perfekt: Die berühmte Hymne hat eine Frau verfasst! Ob es gar die war, die in den Verwaltungsdokumenten erwähnt wird? Das könnte sein, sei aber unwahrscheinlich, so Enrique Jimenez. In den alten Katalogen der Bibliothek von Assurbanipal fanden sich weitere Hinweise auf Hymnen von Bussula-rabi, alle an Göttinnen gerichtet. Man kann vermuten, dass es eine Spezialität der dichtenden Frauen war, denn etwas Vergleichbares gibt es bei den männlichen Autoren nicht.

Die Spurensuche nach Bullussa-rabi geht jedoch weiter. Und auch nach weiteren Autorinnen, die bisher für Männer gehalten wurden! Jimenez nimmt an, dass die Hymne in der damals für Literatur und Religion bedeutenden Stadt Nippur entstanden ist. Dort hat 1972 der amerikanische Archäologe McGuire Gibson ein Gula-Heiligtum ausgegraben, dessen älteste Reste aus der Zeit um 3000 v. Chr. stammen.

© SZ vom 24.10.2020

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