"Bullshit Jobs":Wo Graeber sein anthropologisches Metier verlässt, wird er beliebig

Die Mühe, Bullshit-Jobs in Unternehmen selbst zu untersuchen - für einen Anthropologen wäre das ja naheliegend gewesen -, hat er sich nicht gemacht. Bereits sein Buch über Schulden war vor allem dort brillant, wo Graeber in seinem Metier der Anthropologie war. Je stärker er sich der Gegenwart annäherte, desto schwächer wurde es. In "Bullshit-Jobs" ist es ähnlich, nur, dass das Buch anders gegliedert ist. In der ersten Hälfte, der Gegenwartsdiagnose, ist es ungenau, lesenswert hingegen sind seine historischen Rekonstruktionen der Arbeitsethik, die moderne Gesellschaften bis heute dominiert und dazu führt, dass wir immer noch glauben, dass menschliche Würde vor allem aus der Erwerbsarbeit entspringt.

Dass sich Bullshit-Jobs vermehren und überall ansetzen wie Schimmel in feuchten Räumen, liegt für Graeber am Manager-Feudalismus, wie er es nennt. In diesem bilden die wirtschaftlichen Eliten einen eigenen Stand und ihr Status bemisst sich nach der Anzahl ihrer Untergebenen. Im Manager-Feudalismus, ein Resultat der Ausdehnung der Finanzmärkte, geht es nach Graeber nicht mehr um Wertschöpfung, sondern um die Aufteilung von Beute - deshalb gehören Unternehmensanwälte, die Graeber als Bullshit-Job-Typus "Schläger" einordnet, auch zur größten Gruppe der Bullshit-Jobs.

Graeber streut in seiner Argumentation auch immer wieder verschwörungstheoretische Elemente ein. Er nimmt an, dass die politischen und wirtschaftlichen Eliten Bullshit-Jobs auch deshalb schaffen, damit die Leute nicht auf dumme Gedanken kommen und eine bessere Gesellschaft einfordern. Wenn es denn so einfach wäre.

Intellektueller Populismus statt sauberer Analyse

Der seltsame, holzschnittartige intellektuelle Populismus verbaut Graeber die saubere Analyse seiner eigenen These. Das ist auch insofern irritierend, da er in seinem letzten Buch "Bürokratie. Die Utopie der Regeln" bereits eine vielversprechende analytische Fährte gelegt hatte, die er aber aus ungeklärten Gründen nicht mehr weiterverfolgt. Diese Spur führt zu einer systemischen Erklärung von Bullshit-Jobs. Es ist gerade die Ausbreitung von Marktmechanismen, die zur Vermehrung von Regeln, Bürokratie und schließlich sinnlosen Tätigkeiten beiträgt. Anders als der Mythos es will, regelt der Markt ziemlich wenig außer den unmittelbaren Transaktionen. Für Qualität, Sicherheit, Umweltschutz, Arbeitsschutz braucht es Verträge und Regeln und schließlich Dritte, die das alles koordinieren. Hier liegt eine der Quellen der Bullshit-Jobs. Auch Unternehmensfusionen erzeugen häufig nur sehr begrenzt Effizienzgewinne, da die verschiedenen Management- und Kostensysteme nun koordiniert werden müssen.

Eine andere Ursache liegt in den Veränderungen der Tätigkeiten selbst. Im modernen Kapitalismus, in dem sich auch Organisationen wie Quasimärkte verhalten sollen, verbringt man einen Großteil seiner Zeit mit Finanzierungsanträgen, Gutachten, Evaluierungen, der Entwicklung von Strategien, Gremiensitzungen - und nicht mehr mit dem eigentlichen Zweck seiner Arbeit. Jeder Universitätsangehörige kann ein Lied davon singen. Diese Problemlage erwähnt auch David Graeber, systematisiert sie aber nicht. Wie so vieles bleibt sie nur an- und wird nicht zu Ende gedacht. Das ist bedauerlich, denn das Phänomen ist wirklich wichtig. Ihm wäre eine bessere Untersuchung zu wünschen gewesen.

Oliver Nachtwey ist Professor für Sozialstrukturanalyse an der Universität Basel. Im Jahr 2016 erschien sein Buch "Die Abstiegsgesellschaft. Über das Aufbegehren in der regressiven Moderne".

© SZ vom 04.09.2018/cco
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