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"Bullet Train" im Kino:Die Fahrscheine, bitte

Lesezeit: 3 min

Brad Pitt fährt Zug. Und ein paar andere Sachen passieren in "Bullet Train" natürlich auch noch. Ein Actionfilm, den man lieb haben muss.

Von Juliane Liebert

Brad Pitt steigt in einen Zug. Also, ja, seine Figur, der Auftragsmörder Ladybug, steigt in den Zug. Aber Ladybugs Charme ist so dicht an Brad Pitts Charme modelliert, dass die Differenzierung nahezu unnötig ist.

Brad Pitt steigt in einen Zug, um für seine Auftraggeberin (Sandra Bullock) einen Koffer zu stehlen. Ein einfacher Job, aber er hat kein gutes Gefühl dabei, denn er ist vom Pech verfolgt - in letzter Zeit ging alles, was schiefgehen kann, schief. Er hat sogar eine Therapie angefangen deswegen, und sein Therapeut hat ihm beigebracht, dass Gewalt nicht die Antwort ist. "Dein Therapeut weiß nicht, was du für einen Job machst", erinnert ihn Sandra Bullock vergeblich. Hätte er mal auf Sandra Bullock gehört!

Aber nein, Ladybug ist sich sicher: Man kann Dinge auch anders lösen. Durch Reden beispielsweise. Brad Pitt entscheidet sich also, keine Schusswaffe mitzunehmen. Steigt in den Zug - ein japanischer Shinkansen, findet den Koffer sofort, nimmt ihn an sich - und damit könnte der Film vorbei sein. Wäre da nicht seine Pechsträhne und die Tatsache, dass noch fünf oder sechs andere Killer in diesem Zug sitzen. Zwei von ihnen - sie nennen sich Tangerine und Lemon - haben den Sohn des Weißen Todes, des brutalsten Gangsterbosses Japans, bei sich. Sie haben ihn vor seinen Entführern gerettet. Der Sohn ist im Gesicht tätowiert und nicht besonders dankbar. Sie unterhalten sich über "Thomas, die kleine Lokomotive", und dann passiert schnell viel auf einmal.

Lauter Killer an Bord, aber am schlimmsten ist natürlich der Schaffner

Es gibt von allem viel in diesem Film: Es wird viel brutal getötet und viel geredet. Es gibt drei Plot-Twists die Minute. Am bedrohlichsten wirkt zwischen all den Killern - sehr realistisch - der Schaffner. Er ist rundlich und streng. Brad Pitt und alle anderen Killer laufen ständig vor dem Schaffner weg. Das wäre noch mal ein super Extrafilm gewesen. Oder eine Romanze zwischen Brad Pitt und einer japanischen Toilette. In einer Szene föhnt sich Brad Pitt nämlich die Haare mit der Pustefunktion einer japanischen Toilette. Sie heißt vermutlich nicht Pustefunktion. Aber sei's drum. Man fühlt da was. Was Tiefes.

Es gibt ferner eine extrem giftige Giftschlange, wahre Bruderliebe, tödliches Mineralwasser ... Auch das wäre ein guter Film. Der Mineralwasserkiller. An sich sind Franchises ja eine Plage, aber bei "Bullet Train" denkt man sich doch, das allererste Mal vielleicht: Wäre eine "Bullet Train"-Franchise nicht ... göttlich? "Bullet Train 2 - Die Wiederkehr des Schaffners". "Bullet Train 3: Flush me - Brad und die kurze Liebe einer schlauen Toilette". "Bullet Train 4: Der Mineralwasserkiller". "Bullet Train 5: Lemon und Tangerine".

Letzteres ist sogar ernst gemeint, denn am Anfang nerven die Dialoge zwar ein wenig, weil man kurz befürchtet, in einen knallbunten Tarantino-Abklatsch reingelaufen zu sein. Aber die Schauspieler Brian Tyree Henry und Aaron Taylor-Johnson schaffen es, dass man ihre Killerfiguren binnen kürzester Zeit lieb gewinnt. Wie mit ihnen ist es mit dem ganzen Film. Er ist kein besonders origineller Film, kein besonders guter Film, kein besonders tiefsinniger Film, kein außergewöhnlich witziger Film. Aber irgendwie hat man ihn lieb. Wenn man brutale Tötungsszenen und aus den Augen laufendes Blut mag. Er gibt einem dieselbe basale Befriedigung, wie fünf Eis hintereinander zu essen oder einmal alle Getränke auf der Karte zu bestellen. Man weiß, es ist keine gute Idee, aber zugleich ist es eine sehr gute Idee, vielleicht die beste Idee, die man je hatte. Auch wenn einem hinterher mit ziemlicher Sicherheit eine Weile schlecht ist.

Bullet Train, USA 2022 - Regie: David Leitch. Buch: Zak Olkewicz. Mit: Brad Pitt, Joey King, Aaron Taylor-Johnson, Brian Tyree Henry, Andrew Koji. Sony, 126 Minuten. Kinostart: 4. August 2022.

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