Bürgerkrieg in Syrien "Ich hoffe, die Syrer werden einander einmal vergeben können"

Als Aleppo 2016 evakuiert wurde, fotografierte Karam Al-Masri einen weinenden Mann in den Trümmern.

(Foto: AFP)

Als einer der letzten Fotoreporter berichtete Karam al-Masri aus Aleppo. Eindrücklich und berührend blickt er zurück auf die syrische Tragödie.

Protokoll von Ulrich von Schwerin, Istanbul

Karam al-Masri wurde 1991 in Aleppo als Sohn zweier Lehrer geboren. Zu Beginn der Proteste im April 2011 wurde er einen Monat vom Regime inhaftiert. Nachdem er im Herbst 2013 als Fotograf für die Nachrichtenagentur AFP zu arbeiten begonnen hatte, geriet er in die Hände der Terrormiliz Islamischer Staat, der ihn sechs Monate gefangen hielt. Während der Belagerung im Herbst 2016 berichtete er als einer der letzten Reporter aus dem Ostteil Aleppos. Karam al-Masri verließ die Viertel der Rebellen zusammen mit den letzten Einwohnern Ende Dezember. Nach einem Monat im Umland der Stadt reiste er nach Istanbul, wo dieses Gespräch stattfand. Inzwischen ist er nach Frankreich ausgereist, um dort zu studieren und weiter als Fotograf für AFP zu arbeiten.

Als im Frühjahr 2011 die Proteste in Syrien begannen, bin ich das erste Mal festgenommen worden. Ich ging damals noch zur Schule und betrieb mit einem Freund eine Gruppe auf Facebook, in der wir Posts gegen Baschar al-Assad veröffentlichten. Wir hatten gesehen, was in Tunesien, was in Ägypten passierte, deshalb wollten wir auch eine Revolution in Syrien. Wir wollten auch Veränderung. Wir wollten Demokratie, keinen Präsidenten für immer und ewig.

Als mich das Regime festnahm, hatte ich große Angst, dass sie mich nie mehr rauslassen würden. Aber nach einem Monat verkündete Assad eine Amnestie, und sie ließen mich gehen. Als später die Proteste auch Aleppo erfassten, schloss ich mich den Demonstrationen an. Wir sangen Lieder, wir dachten, das Regime würde fallen und Assad würde gehen wie Ben Ali in Tunesien. Wir hatten keine Vorstellung, dass es diesen Krieg geben würde. Es ist ein Albtraum.

Ich habe Angst, dass ich ihr Gesicht vergesse

Ich bin Fotoreporter geworden, weil ich der Welt zeigen wollte, was in meiner Stadt passierte. 2013 berichtete niemand mehr aus Aleppo, weil es zu gefährlich war und ausländische Journalisten Gefahr liefen, von Daesch (Islamischer Staat) entführt zu werden.

Seit meiner Kindheit liebte ich es, Fotos zu machen. Ich hatte zu Hause viele Alben, doch ich habe sie alle in Aleppo verloren, alle Bilder meiner Mutter. Nun habe ich Angst, dass ich allmählich ihr Gesicht vergesse.

Krieg in Syrien Früher Zivilisten, heute Lebensretter
"Die letzten Männer von Aleppo" im Kino

Früher Zivilisten, heute Lebensretter

Die erschütternde Doku "Die letzten Männer von Aleppo" begleitet die "Weißhelme" bei ihrer lebensgefährlichen Mission in den Trümmern des syrischen Bürgerkriegs.   Filmkritik von Martina Knoben

Das Fotografieren habe ich mir selber beigebracht, indem ich anderen Fotografen im Internet folgte. Als ich im Herbst 2013 für die Nachrichtenagentur AFP zu arbeiten begann, hatte ich zuerst nur eine Amateurkamera. Ich hoffte, mit meinen Bildern etwas ändern, die Öffentlichkeit beeinflussen zu können. Und tatsächlich haben viele Zeitungen meine Fotos gedruckt; einmal sah ich eines meiner Fotos sogar im UN-Sicherheitsrat.

Der Sicherheitsrat wollte das Regime damals zwingen, den Einsatz von Fassbomben zu stoppen. Sie verursachen riesige Schäden, zerstören ganze Gebäude, nichts kann ihnen widerstehen. Als das Regime begann, Fassbomben in den Rebellenvierteln im Osten Aleppos einzusetzen, gab es dort noch keinen Zivilschutz, keine Bulldozer. Die Leute starben unter den Trümmern, weil ihnen niemand helfen konnte. Jedes Gebäude war wie ein Grab.

Die Kommunikation als Journalist im Ostteil Aleppos war schwierig. Es gab dort keine Telefonleitung, kein Handynetz, doch konnten wir über Satellit Internet empfangen. Allerdings war das gefährlich, da die russischen Flugzeuge dich über die Signale ausfindig machen konnten. Eines Tages feuerte ein Flugzeug eine Rakete auf meinen Satellitenempfänger auf dem Dach, doch ich hatte Glück und nur die oberen zwei Stockwerke wurden zerstört.

Am 28. November 2013 nahm Daesch mich fest

Zu den Rebellen hatte ich keinen Kontakt, doch sie ließen mich meine Fotos schießen. Nur im letzten Jahr gab es Probleme mit der Al-Nusra-Front (heute Fateh al-Scham), weil sie mich oft davon abhielten, Fotos und Videos in den Vierteln zu machen, die sie kontrollierten. Al-Nusra war aber nicht wie Daesch, dessen Kämpfer zu 90 Prozent Ausländer waren. Al-Nusras Kämpfer waren zumeist Syrer, daher konnte man mit ihnen sprechen.

Am 28. November 2013 nahm Daesch mich fest, als ich Fotos in einem Viertel machte, das von Fassbomben getroffen worden war. Sie nahmen mich fest, weil ich eine Kamera hatte. Ich hatte sie gerade zwei Wochen zuvor gekauft. Meine erste halbprofessionelle Kamera. Damals war Daesch sehr mächtig in Aleppo, doch später wurden ihre Kämpfer von der Freien Syrischen Armee aus der Stadt vertrieben.

Literatur Ganz von vorn anfangen - was für eine unverzeihliche Untertreibung
Neuer Roman von Olga Grjasnowa

Ganz von vorn anfangen - was für eine unverzeihliche Untertreibung

Amal und Hammoudi gehören zu den Happy Few der syrischen Oberschicht. Dann kommt der Krieg. Mit ihrem Roman "Gott ist nicht schüchtern" gelingt Olga Grjasnowa das schonungslose Porträt einer Generation.   Buchkritik von Frauke Meyer-Gosau

Die ersten 45 Tage steckte mich Daesch in einen sehr kleinen Raum, nur ein Meter mal ein Meter. Sie gaben uns kein sauberes Wasser, nur ein halbes Brot und etwas Reis. Ich hatte nur eine Minute pro Tag für die Toilette. Wenn ich länger brauchte, schlugen sie mich mit einem Stock. Einmal pro Sekunde. Zuerst war ich in Aleppo inhaftiert, doch später brachten sie mich aufs Land, weil sie angegriffen wurden.

Ich teilte das Gefängnis mit vielen Anführern der Freien Syrischen Armee. Andere Journalisten waren ebenfalls dort, Amerikaner, Spanier und Libanesen. Und ein amerikanisches Mädchen, für das sie Lösegeld wollten. Für mich wollten sie kein Lösegeld, mich wollten sie töten. Sie sagten, ich arbeite für eine ausländische Agentur, für die kuffar (Ungläubigen), daher müsse ich getötet werden.