Bühnenfassung: Axolotl Roadkill Original!

Helene Hegemanns Skandalroman "Axolotl Roadkill" erlangte seine volle Aufmerksamkeit erst, als bekannt wurde, wie freizügig Hegemann sich bei anderen Autoren bedient hatte. Das Thalia Theater hat die Sex- und Alltagsorgie nun auf die Bühne gebracht.

Von Till Briegleb

Axolotl Roadkill ist kein so gutes Buch, wie es die Flut euphorischer Rezensionen Anfang des Jahres der Öffentlichkeit vermittelte. Zuviel in dieser Collage einer chemisch durchgeschleuderten Jugendverzweiflung wirkt konstruiert und angeberisch hingerotzt, sprachlich unbeholfen ins Neunmalkluge vergrößert oder pubertären Provokationsgelüsten folgend, als dass Helene Hegemanns Debütroman wirklich als literarisches Porträt eine Dekadenz-Epoche genügen würde. Hegemanns Einblick in die manisch-depressive Wirklichkeit einer Berliner Szene-Jugend macht aus ihr weder einen weiblichen Rimbaud, die ihre Hölle im Berghain hat, noch ist Axolotl Roadkill ein Anwärter auf die Nachfolge berühmter Jugenderregungs-Romane wie On the Road, The Buddha of Suburbia oder Irre. Ausdrucks- ohne Formwillen und eine verwässerte Breite von Extrem-Momenten führen diese literarische Samplewut einer 17-Jährigen lediglich auf das Niveau des Versuchs.

Rasanter Spott über die Selbstinszenierung Jugendlicher: Die Schauspielerinnen Lisa Hagmeister und Birte Schnöink in Axolotl Roadkill.

(Foto: dpa)

Als solcher betrachtet ist der "Skandalroman" - der seine volle Aufmerksamkeit ja erst erlangte, als bekannt wurde, wie freizügig sich Hegemann bei anderen Autoren bedient hatte - aber auch nicht so schlecht wie manch andere ambitionierte Bekenntnisliteratur. Jedenfalls kann man aus dem kurzatmigen Textmaterial Hegemanns etwas machen, wenn man das in Angriff nimmt, was die Autorin selbst unterlassen hat: den Roman in Hinblick auf seine wesentlichen Qualitäten zu überarbeiten. Das haben jetzt der Regisseur Bastian Kraft und der Dramaturg Tarun Kade unternommen, die für die Bühnenadaption des Romans am Hamburger Thalia Theater eine neue Textfassung erstellten.

Ohne Hegemanns Prinzip der Tagebuch-Collage aufzugeben, verdichten Kraft und Kade die Betrachtungen über Party, Psycho und Palaver auf wesentliche Textstellen und entspannen dabei Hegemanns Sprache von ihrem anstregenden Originalitätskrampf. Vor allem geben sie dem Zickzack des Textes eine stabile Balance aus Parodie und Ernst. Die reale Verzweiflung des Mädchens Mifti, das als Kind seine drogenabhängige Mutter bei einem Fenstersturz verloren hat, und die begabte Verwahrlosung, mit der sie das Trauma zu vergessen meint, vermischen sich in der Bühnenfassung nicht mehr so penetrant in Hegemanns posenreichem Kunstdeutsch.

Bastian Krafts Inszenierung auf der Thalia-Bühne in der Gaußstraße schafft einen wohl austarierten Rhythmus aus manisch und depressiv. Die traurigen Erinnerungen an eine völlig gestörte Mutter und die Verletzungen, die Heldin Mifti bei sich selbst diagnostiziert, setzen eine Art szenische Interpunktion in die ansonsten hemmungslose Revue, die dieser junge Regisseur aus den Beschreibungen des gierigen Lebens macht. Im Kontrast zu Tempo und Witz, die er mit seiner Kostümbildnerin Dagmar Bald und in dem Bühnenbild von Peter Baur entfesselt, wirken die stillen Momente der Selbstbetrachtung als kluge Gegenbehauptung.

Die Sex-, Drogen-, Club- und Alltagserlebnisse befreit Kraft dagegen von ihrem Coolness-Faktor und veranstaltet mit einer Orgie an Requisiten und pointierten Szenen einen rasanten Spott über die Selbstinszenierung Jugendlicher. Der Lebensweg ist hier ein Supermarkt-Laufband, das über eine Varieté-Bühne führt. Der Konsum- und Erlebniszwang bildet sich in einer solchen Schlagzahl von symbolischen Gegenständen auf dem Laufband ab, dass die Bühnenarbeiter hinter der Kulisse zwei Stunden lang zwischen Lager und Bühne hin und her joggen müssen. Und die handelnden Personen haben übertriebene Zirkus-, Pop- und Glamour-Attribute, wie sie in den Videos alternativer Rockbands oder von Lady Gaga auftauchen.

Die Lächerlichkeit elterlicher Fürsorge

So ausstaffiert, erfinden Lisa Hagmeister, Birte Schnöink, Cathérine Seifert, Victoria Trauttmansdorff und Sebastian Zimmler eine spielwütige Groteske nach der anderen. Die blasierten Dialoge verwandeln sich in Volkstheater, die absurden Erlebnisse in große Komödie, die Lächerlichkeit elterlicher Fürsorge in knappe Sketche. Kuriert von den Ansprüchen, irgendwie intellektuell sein zu müssen, funktioniert Hegemanns Materialsammlung als Skizze einer ziellosen Bildungsbürger-Jugend, die dazu neigt, aus allem eine Pose zu machen. Der erstaunliche Effekt dieser Revue ist, dass Mifti, obwohl sie von allen Schauspielern abwechselnd und manchmal auch gemeinsam gespielt wird, in dieser Fassung mehr Persönlichkeit gewinnt, als im Original.

Während Hegemann ihre teilweise autobiografisch gezeichnete Heldin mit einer Kälte behandelt, die Abgeklärtheit selbst in der größten Krise suggeriert, ist Bastian Krafts lebenspralles Spiel mit den Schwächen und Sehnsüchten Miftis auf hilfreiche Art menschlich. Die fünf Versionen Miftis (inklusive einer männlichen) schaffen unkomplizierte Möglichkeiten, sich mit der zentralen Frage von Hegemanns Figur zu beschäftigen: Was ist eigentlich "echt"? Gerade in dem titanischen Exzess des schönen Scheins, der hier in bewundernswerter Schlagfertigkeit abläuft, erscheint der Wunsch nach etwas Authentischem als wahrer Roadkill der Beschleunigung - und das Leiden daran wirklich vernehmbar.

Kraft, der nach seiner Amerika-Inszenierung mit Philipp Hochmair nun mit Axolotl Roadkill seine zweite überzeugende Inszenierung im Thalia in der Gaußstraße abgeliefert hat, muss man nach dieser Übung als ebenso großes Talent registrieren wie seinen Kollegen Antú Romero Nunes, dem hier mit Atropa von Tom Lanoye eine formstarke Antiken-Modernisierung gelungen ist. Der Krise in der deutschen Kulturpolitik entspricht ganz offensichtlich keine Krise im Theater.

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