Bühnen Halle Mittendrin in Heterotopia

Ein junges Team versucht, die Oper und das Theater neu zu beleben - mit Wagners "Fliegendem Holländer", Jelineks "Wut" und mit viel Freude am Spektakel. Dafür wurde eine Raumbühne geschaffen.

Von Helmut Schödel

Flaute herrschte lange Jahre im Theaterleben von Halle, sodass man sich spät, aber doch entschloss, die Windmaschinen wieder anzuwerfen. Halle, Händelstadt, Franckesche Stiftungen, fast 20 000 Studenten an der Martin-Luther- Universität. Die Stadt floriert. Aber aus der Oper und dem "Neuen Theater" für Schauspiel war die Luft raus. Man musste also einen Intendanten finden, der etwas vorhat und will, und so kam man auf den 1979 in Köln geborenen Florian Lutz, den man wegen seines performativen Zugriffs bereits in die Nähe von Opernregisseuren wie Peter Konwitschny oder Hans Neuenfels rückt. Als frische Kraft soll der junge Operndirektor das gesamte Theaterleben in Halle beleben, auch das Schauspiel unter der künstlerischen Leitung von Matthias Brenner, wobei dieser selbst auch kein Mann der Flaute ist. Es ist eine glückvolle Konstellation.

Wie rückt man ein glanzloses Opernhaus in das Zentrum der Interessen einer Mittelstadt? Lutz und sein Ko-Direktor Veit Güssow haben sich "ästhetische Zeitgenossenschaft" und "gesellschaftliche Relevanz" als zentrale Leitlinien für ein Musiktheater der Gegenwart auf die Fahne geschrieben. "Nachdenklich", "subversiv" und "sinnlich" wollen sie sein - und das explizit auch vor dem Hintergrund, dass die AfD im März bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt aus dem Stand 24,2 Prozent der Wählerstimmen errungen hat. In ihrem Wahlprogramm forderte die Partei, "klassische deutsche Stücke" zu spielen, und zwar so, "dass sie zur Identifikation mit unserem Land anregen".

Der neue Intendant inszenierte zum Einstand gleich mal die klassische deutsche Oper "Der fliegende Holländer" von Richard Wagner - aber nicht als großes Romantikwerk, sondern als Spektakel mit Happening-Charakter, um den ewigen Vorwurf des Elitären gegen die Oper gar nicht erst aufkommen zu lassen. Die Hallenser wurden nicht nur in das Opernhaus eingeladen, sondern in die Oper selbst, mitten ins Geschehen. Sebastian Hannak hat dafür extra eine Raumbühne geschaffen, die vom überbauten Parkett bis in die entlegensten Winkel der Hinter- und Seitenbühne reicht, er nennt sie "Heterotopia".

Also fand sich ein Teil der Zuschauer auf der Bühne wieder, gleich neben dem Chor und wie ein Teil von ihm. Oder hinter der Glasfront eines Wohnhauses, in dem die eifrigen Bewohnerinnen ihren Hausarbeiten nachgingen. Sie schauten auch in den Orchestergraben wie in einen Klangpool oder in den weiß überbauten Zuschauerraum, wo an einer Tafel serviert wurde. Den Zuschauern auf der Bühne wurden die gelben Jacken des Chors übergestülpt. Es war, als feiere eine junge Oper, befreit von Pathos und Inbrunst, Kindergeburtstag mit dem "Fliegenden Holländer".

"Der fliegende Holländer" ist in Halle eine romantische Oper ganz ohne Romantik

Auf die Bühne wurden die Besucher mit verbundenen Augen und an Tauen von Stewardessen geführt, die aus Zuschauern Zuhörer machten, damit sie beim Anhören der Ouvertüre mit einem Blick nach innen in die schwarze Seele von Wagners Musik vordringen konnten. Einem Klang nachlauschen, der draußen in der geschäftigen Stadt nicht zu hören ist, aufgehoben mit unseren Mythen im Opernhaus. Wobei es mit dem Klang umständehalber ein bisschen haperte im Raumbühnen-Theater. Wenn einem der Holländer (Heiko Trinsinger) vor allem den Rücken zudreht und ad spectatoris singt, erhöht es das Musikerlebnis nicht unbedingt. Aber hier heiligt der Zweck in der Tat die Mittel.

Der Regisseur Lutz sieht den Holländer mit seinem Schiff voll Schatzkisten als Wirtschaftskapitän auf dem Meer des Weltmarktes, der sich nicht um das Wohl der Arbeiterschaft sorgt, sondern egozentrisch sein privates Glück sucht, das er nur durch die ewige Liebe einer treuen Frau erlangen kann. Auf Videowänden sieht man fortwährend Livecam-Bilder oder Videofilme mit AfD-Parolen und anderen politischen Botschaften, auch Flüchtlinge, überhaupt Dokumente von draußen.

In dieser Reizüberflutung könnten einem Hören und Sehen vergehen. Aber dann wird man immer wieder durch die Nähe der Umstände ins Geschehen gerissen. Ein Zaun trennt das Ufer vom Übrigen. Dahinter: Flüchtlinge. Davor: streikende Arbeiter. Mittendrin: der alte Ford von Erik (Ralph Ertel), den Senta (Dorothea Herbert) mit ihrem fixen Traumbild vom großen Holländer-Kapitän im Kopf ablehnt. Hätte sie einen Traum von einem Sänger im Kopf, hätte sie an diesem Abend unbedingt Ralph Ertel nehmen müssen. Am Ende wird sie weinend auf dem Kühler der Rostlaube stehen. Natürlich hat man auf den Erlösungsschluss verzichtet.

"Der fliegende Holländer" in Halle ist eine romantische Oper ohne Romantik. Eher eine Einführung in ihre Herstellung. Eher ein höchst gelungener Einführungsabend von großer Attraktivität für die Stadt. Mutig wäre es, würde Lutz den "Holländer" in Halle noch einmal inszenieren: als romantische Oper, "Der fliegende Holländer - das Original". Der fliegt schließlich auch im Guckkasten und dann vielleicht mit einem Orchester, das wirklich mitspielt.

Die Saison wurde mit einem zweiwöchigen Theaterfest eröffnet, zu dessen Höhepunkten neben Richard Wagner Elfriede Jelineks Stück "Wut" gehört, zu Gast in der "Heterotopia"-Raumbühne: das "Neue Theater". Auch hier geht es um Theaternähe - man lernt die Drehbühne ausführlich kennen, auf der das Publikum platziert ist und in stets wechselnde Perspektiven geschickt wird: zum überbauten Zuschauerraum, vor Videowalls und vor das dreistöckige Wohnhaus hinter der Glasfront. Auch Eriks Rostschüssel spielt in Henriette Hörnigks Inszenierung mit.

Der Abend kreist drei Stunden lang wie die Drehbühne um die eigene Achse. "Singe den Zorn!", wiederholt sich die wütende Autorin, die sich an das Blutbad in der Redaktion der französischen Satirezeitschrift Charlie Hebdo und dem jüdischen Supermarkt in Paris erinnert, zusätzlich im Kopf die ertrinkenden Flüchtlinge. "Das Totenreich ist eröffnet, die Leiter ist da, der Nachen ist da, der Kahn, alles da; gestern sind wieder ein paar Hundert ersoffen." So wird die Aufführung zu einem furiosen Totentanz. Überall liegen Leichen herum, kopfunter oder mit aufgerissenem Mund. Die Drehbühne führt uns an einem Schauplatz vorbei, da sind nach dem Terror nur noch ein Bein und eine Hand zu sehen. Es "verblutet das Wort im Mund" heißt es im Text. "Singen Sie den Zorn."

"Zschäpe!", schreit es und: "Was sagt Ihnen Auschwitz?" Dazwischen immer wieder diese Sprachspiele, die heftiger treffen können als jeder steile Tragödienvers: "Er führt seine Morde aus wie Hunde."

Auch in "Wut" kommt das Meer vor - das Meer, in dem die Flüchtlingsboote versinken

Das kräftig wütende Ensemble wird von Elke Richter angeführt, die Elfriede Jelinek mit klassischer Zopf-Frisur spielt, eine strenge Herrscherin im Reich ihrer aus Gründen misanthropischen Weltschau. Man sieht eine fast tragikomische Schriftstellerin, die alles bemerkt, alles schreibt und nichts ändern kann. Der letzte Satz des Abends heißt: "Ich höre das Wasser." Also das Meer, auf dem die Flüchtlingsboote versinken. Hier schließt sich "Wut" in Halle mit dem "Fliegenden Holländer" kurz.

Elfriede Jelinek hat einen Text geschrieben, uraufgeführt im April an den Münchner Kammerspielen, den man als politisches Theater von heute bezeichnen könnte. Politik degeneriert darin unter den herrschenden Umständen zum bloßen Material, und was man politisches Schreiben nennen könnte, wird Fiktion. Es ist ein aufregender, schwieriger Abend, der das Hallenser Publikum trotzdem anlockt.

Natürlich hat Florian Lutz inzwischen ein "Opern Café" eingerichtet, das sein Theater in der Stadt verorten soll. Die Stadt reagiert positiv darauf. Die Leinen sind los. Die Flaute hat ein Ende.