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Bühne:Der Hanns kann's

Eisler on the Beach; Deutsches Theater Berlin

In Edward Hoppers Welt: Maren Eggert (l.) mit Simone von Zglinicki.

(Foto: Arno Declair)

Kommunisten-Familie im US-Exil: Jürgen Kuttner und Tom Kühnel zeigen "Eisler on the Beach" am Deutschen Theater Berlin. Eine raffinierte Collage mit "bolschewistischer" Musik.

Geschichtsvergessenheit kann man dem Regie-Duo Jürgen Kuttner und Tom Kühnel nicht vorwerfen. Ihre Ausgrabungen, von Peter Hacks bis zur neoliberalen Ikone Ayn Rand, verbinden echtes Interesse mit kluger Ironie. Kein Wunder, dass ihr Abend über den Komponisten Hanns Eisler in den Kammerspielen des Deutschen Theaters Berlin mit einem Klingelton seines kommunistischen Solidaritätslieds beginnt: "Vorwärts, und nicht vergessen . . ." Das ist übrig geblieben vom alten Klassenkampf-Pathos, eine nette Melodie.

In "Eisler on the Beach", laut Untertitel eine "kommunistische Familienaufstellung", begegnen wir den Geschwistern Eisler im amerikanischen Exil der Vierzigerjahre: Hanns, der schon damals berühmte Komponist, der für die kalifornische Filmindustrie arbeitet und später die DDR-Nationalhymne schreiben wird, Gerhart, der Komintern-Funktionär - und ihre Schwester Ruth Fischer, linksradikal und in den Zwanzigerjahren kurz KPD-Vorsitzende. Im Exil ist sie zur entschlossenen Anti-Stalinistin geworden, die ihren Brüdern öffentlich vorwirft, in den USA für den sowjetischen Geheimdienst zu arbeiten. Was für eine Familie!

Statt daraus Historienkino zu machen, entwickeln Kühnel und Kuttner (der auch den schmierig grinsenden Conférencier im Hawaihemd gibt) eine raffinierte Collage. Eislers Aussagen vor McCarthys Ausschuss für unamerikanische Aktivitäten wird mit Filmmaterial, Zeitdokumenten und Eisler-Songs der furios aufspielenden Bolschewistischen Kurkapelle montiert. Die drei Geschwister sind doppelt besetzt, einmal jung, einmal alt, als würden sie sich nach einer halben Ewigkeit zurückerinnern. Der alte Hanns Eisler (großartig: Michael Schweighöfer): ein Melancholiker mit Marx-Mähne. Der junge (Ole Lagerpusch): ein zarter Träumer. Maren Eggert zeigt die junge Ruth Fischer als elegante Radikale, bei Simone von Zglinicki ist sie zur verhärteten Funktionärin geworden. Für Zeitkolorit und eine schöne Brechung sorgt die Bühne (Jo Schramm). Die Emigranten hat es in Gemälde von Edward Hopper verschlagen, in seine "Nighthawks"-Bar oder die Hotelzimmer der Einsamkeit. Das gelungene Bild für die Isolation und Unbehaustheit des Exils sorgt für einen seltsamen Kontrast: In der US-Moderne wirken die Intellektuellen aus dem alten Europa wie Überbleibsel einer untergegangenen Welt.