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Büchner-Preis:Was zum Kuckuck ist sein Problem?

Georg-Büchner-Preis für Lukas Bärfuss

Der Schweizer Schriftsteller und Dramatiker Lukas Bärfuss.

(Foto: dpa)

Bei der Verleihung des Büchner-Preises hält Lukas Bärfuss ein leidenschaftliches Plädoyer für Freiheit und Empathie.

"Wo aber Gefahr ist", zitierte Ernst Osterkamp, Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, "wächst das Rettende auch." Konkret bezog sich Osterkamp mit diesem Hölderlinsatz zwar auf die Arbeit des Fördervereins der Akademie, aber sie taugte durchaus auch als abendüberspannendes Motto der Feier zur Verleihung der Akademiepreise. Denn obwohl man über die unmittelbar rettende Kraft zeitgenössischer Literatur durchaus geteilter Meinung sein kann, überwog am Samstagabend im Staatstheater Darmstadt klar ein Gefühl der Selbstermutigung. Das bekräftigte nicht zuletzt der frisch gekürte Georg-Büchner-Preisträger Lukas Bärfuss, der die Verleihung der mit 50 000 Euro dotierten, wichtigsten literarischen Auszeichnung Deutschlands in seiner Dankesrede als Ausdruck der "Ermutigung", "Zuversicht" und "Hoffnung" bezeichnete.

Zumindest die von Ernst Osterkamp betonte Einheit des deutschen Sprachraums hätte sich jedenfalls kaum augenfälliger manifestieren können als in der Wahl der Preisträger. Neben dem Schweizer Autor Bärfuss wurden zwei Österreicher ausgezeichnet: Die Literaturwissenschaftlerin Daniela Strigl erhielt den Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay, ihr Landsmann, der Kulturwissenschaftler Thomas Macho den Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa.

Lothar Müller, Literaturredakteur der Süddeutschen Zeitung, hob in seiner Laudatio auf Daniela Strigl die "pointierte Prägnanz" und den "korrodierenden Witz" der Kritikerin hervor, die lange der Jury des Ingeborg-Bachmann-Preises angehörte und seit 2007 in ihrer Geburtsstadt Wien Neuere Deutsche Literatur lehrt. Eigenschaften, von denen man sich in ihrer Dankesrede überzeugen konnte. Darin setzte sie einige prägnante Spitzen gegen den gegenwärtigen Zustand der Germanistik und der Geisteswissenschaften insgesamt, denen sie einen "habituellen Minderwertigkeitskomplex" attestierte, was dazu führe, dass eine "außerakademische Konsumierbarkeit" der von ihr produzierten Texte den Disziplinen geradezu "verdächtig" sei.

"Jeden Tag rechneten wir mit der Möglichkeit der augenblicklichen und vollständigen Vernichtung"

Dass nach den Maßstäben eines festlichen Anlasses überraschend oft vom Suizid die Rede war, lag vor allem daran, das Thomas Macho, ehemaliger Professor für Kulturgeschichte an der Berliner Humboldt-Universität und seit 2016 Direktor des Internationalen Forschungszentrums für Kulturwissenschaften in Wien, Tod und Selbsttötung immer wieder aus unterschiedlichsten Blickwinkeln betrachtet hat. Macho, dem sein Laudator, der Schriftsteller Karl-Markus Gauß, ein "stupend breit gefächertes Wissen" sowie "ein echtes Liebesverhältnis" zur deutschen Sprache bescheinigte, nahm dann seinem eigenen Fach gemäß nicht nur Bezug auf diverse andere Preisträger. Er zitierte auch Sigmund Freuds eigenes Argument, "dass gerade die häufig betonte Geltung des Tötungsverbots uns sicher machen dürfe, dass wir von einer unendlich langen Generationsreihe von Mördern abstammen".

Ein Thema, dass mittelbar auch Lukas Bärfuss in seiner furiosen Dankesrede zur Verleihung des Georg-Büchner-Preises aufgriff. Zuvor hatte seine Laudatorin, die Dramaturgin Judith Gerstenberg, bemerkt, der 47-jährige Schweizer habe "mit seinem bisherigen Werk", das aus Essays, Romanen und Theaterstücken besteht, "eine umfangreiche Topografie der unbeantworteten und unbeantwortbaren Fragen unserer Zeit erstellt". Zu seinen bekanntesten Werken gehören die Romane "Hundert Tage" über den Völkermord in Ruanda und "Koala" über den Suizid seines Bruders sowie das Drama "Die sexuellen Neurosen unserer Eltern". Bärfuss selbst bemerkte, anlässlich dieser Preisverleihung sei "die Frage gewiss nicht abwegig, was denn eigentlich zum Kuckuck mein Problem sei".

Die Antwort gab er selbst, indem er eine große Linie durch die Jahre seines eigenen Erwachsenwerdens zog, vom Kalten Krieg - "jeden Tag rechneten wir mit der Möglichkeit der augenblicklichen und vollständigen Vernichtung dessen, was man menschliche Zivilisation nennt" - über die Maueröffnung bis zum Balkankrieg, in dem "sich gerade unter den musisch Begabten die abgefeimtesten Verbrecher" gefunden hätten. "Dass ich hier stehe, heute, auf dieser Bühne", so Bärfuss, "habe ich dem 20. Jahrhundert zu verdanken."

Dass hier ein Georg Büchner selbst verwandter Geist den nach diesem benannten Preis erhielt, erwies sich nicht zuletzt in der Gekonntheit, mit der Bärfuss über Danton, einen "Schlächter, der nach Rechtfertigung für seine Taten sucht, und nur ein weiterer, der sich auf die Notwehr beruft" auf unsere politische Gegenwart zu sprechen kam: "Was das nun alles zu bedeuten hat? Gute Frage. Man müsste sie in aller Ruhe und Gründlichkeit diskutieren. Doch die Voraussetzung dafür wäre, dass man sich erinnert. Sie sind also nicht plötzlich wieder da, die Nazis. Ihr Gedankengut und sie selbst sind überhaupt nie weg gewesen. Und jeder Demokrat, der darüber staunt, sollte sich vielleicht fragen, warum er es vergessen hat, und vor allem, wer uns all dies in Zukunft ins Gedächtnis rufen wird."

Die "Unruhe, die Beliebigkeit und die innere Zerrüttung, die unsere Zeit bestimmen", rührten auch daher, dass man in Zukunft ohne lebendige Zeitzeugen werde auskommen müssen, sagte Bärfuss, und schloss, indem er darauf hinwies, dass wir "keine Puppen" seien, "wie Danton sich erhofft": "Es sind nicht unbekannte Gewalten, die an den Fäden und Drähten ziehen. Freiheit und Empathie sind niemals umsonst, das ist wahr, aber möglich sind sie immer, in jedem Augenblick." Davon wolle er erzählen. Die Steigerung seiner Dankesrede in einen offenkundig tief empfundenen Appell dankte das Darmstädter Publikum Lukas Bärfuss mit begeistertem Applaus.