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Büchner-Preis:Im Mixmax-Inferno

Marcel Beyer

Der Lyriker, Essayist, Romancier und Librettist Marcel Beyer.

(Foto: Arno Burgi/dpa)

Der Lyriker, Essayist und Romancier Marcel Beyer bekommt den diesjährigen Büchner-Preis.

Von Lothar Müller

Als im vergangenen Jahr Rainald Goetz den Georg-Büchner-Preis erhielt, wurde das allgemein als ein Signal wahrgenommen. Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung hatte sich für einen Autor entschieden, der vor intellektueller und ästhetischer Lust an der Gegenwart vibriert, und weil in seinem Werk Popgesten unübersehbar und Technobeats unüberhörbar waren, erschien Rainald Goetz als Figur der Verjüngung des wichtigsten Literaturpreises, der in der Bundesrepublik vergeben wird.

Er war aber kein junger Mann, er war ein Mann von über sechzig Jahren, der in seiner Dankesrede über das unvermeidliche Altern der Jugend sprach. Auch das war ein Zeugnis seiner Gegenwartsfähigkeit. Nun hat die Akademie den Büchner-Preis dem Lyriker, Essayisten, Romancier und Librettisten Marcel Beyer zugesprochen. Das ist eine gute Wahl, die Wahl eines Autors mit stets griffbereitem Notizbuch und nervöser Schreibhand, der die Gegenwart fest im Blick und ein empfindliches Ohr hat, um Musik, Alltagsgeräusche, O-Töne aller Art aufzufangen.

Marcel Beyer ist ein Mann von fünfzig Jahren, geboren in der württembergischen Provinz, aber aufgewachsen in Kiel und vor allem in Neuss. In seinem letzten Gedichtband "Graphit" (2014), der die Erträge eines ganzen Jahrzehnts versammelt, stößt man gleich im ersten Gedicht auf die Runkelrübenäckerweiten des Rheinlands. Es ist nicht nur im geografischen Sinn seine Herkunftswelt. Einer der vielen Ortsnamen, die hier auf -broich, -busch oder -rath enden, ist Hombroich, die ehemalige Raketenstation, auf der Thomas Kling lebte, der 2005 gestorbene Lyriker und ältere Freund Beyers, einer der Fixpunkte seines Werks.

Kling hatte unermüdlich in älteren Sprachschichten gegraben und zugleich den Slang und Rhythmus der Gegenwart in sich aufgenommen, Metrik und Schlagzeug zusammengeführt in seine Lesungen, die etwas von Musikauftritten hatten. Dieses Rhythmusgefühl, diese Hellhörigkeit hat der junge Marcel Beyer in sich aufgenommen. Sie führte ihn in die Musikszene der frühen 1980er Jahre, ließ ihn zum Autor der Musikzeitschrift Spex werden. Und diese Hellhörigkeit war es, die ihn in dem Roman "Flughunde" (1995) eine akustische Sonde in den Führerbunker schmuggeln ließ, einen Tonband-Dokumentaristen, der den Tod der Goebbels-Kinder aufnahm und in der Schrift unheimlich anwesend sein ließ, lange bevor der Film "Der Untergang" eine melodramatische Fassung dieser Szene ins Bild setzte.

In "Graphit" sind die Gedichte aus drei- und vierzeiligen Strophen gebildet, sie meiden den leicht erkennbaren Kreuzreim, meist auch den Endreim, aber Binnenreime warten darauf gehört zu werden, und oft pulst der jambische Beat, geben daktylische Kadenzen ein Solo. Mixmax, so hießen in den 1980er Jahren die Tapes mit individuell zusammengeschnittener Musik, die Mischtechnik hat er sich als Dichter bewahrt, ob er Rhythmen übereinander kopiert oder Gedichte überschreibt, Klings Formel "Schrift ist durch einen Schneesturm waten" in seinen eigenen Vers holt.

Ein Wörterbuch-Junkie, der von der Droge Grimm nicht loskommt

Zur akustischen Spionage in der NS-Welt in "Flughunde" gibt es in "Graphit" ein Gegenstück, die Überschreibung von Georg Trakls Gedichts "An die Verstummten", das Protokoll einer Szene, die wir alle kennen, in der wir das Entscheidende nicht sehen, die letzten Momente im Leben von Osama bin Laden, ahnbar im Blick auf das Bild aus dem Kontrollraum im Weißen Haus: " . . . man hört die vermummten Menschen, / Flüche, RAUS, WARTE, Metall, das Getöse. // Kein Laut."

Marcel Beyer hat in den frühen 1990er Jahren den Westen, das Rheinland verlassen und ist, nein, nicht nach Berlin, nach Dresden gezogen. Es war sein zweiter poetisch bedeutsamer Aufbruch. Der erste hatte ihn an die Siegener Universität geführt, in die Welt von Karl Riha, mit dem gemeinsam er die Autoren der deutschen Avantgarde und Wortakrobatik des frühen zwanzigsten Jahrhunderts ausgrub, von Siegen ging es nach Wien, in den Echoraum H. C. Artmanns, zur Pythia der deutschsprachigen Lyrik, Friederike Mayröcker. Zugleich ging die angelsächsische Moderne seit T. S. Eliot und Ezra Pound in den Soundmix ein.

Den zweiten Aufbruch, den nach Osten, unternahm Marcel Beyer, als er in seinen frühen Gedichtbänden und dem gar nicht kannibalischen Roman "Menschenfleisch" (1991) seine Wahrnehmungs- und Wortschatzerkundungen bereits weit vorangetrieben hatte. Ein sehr altes Verfahren der Lyrik hatte er sich dabei immer wieder zu eigen gemacht: die Naturbeobachtung.

Daraus, und aus der mit der Hellhörigkeit immer schon verbundenen Neugier und Recherchelust, gingen dann in den Dresdener Jahren der Roman "Kaltenburg" (2008) und die in "Putins Briefkasten" (2012) versammelten literarischen Reportagen hervor. Um den Ornithologen Kaltenburg, einen Grenzgänger zwischen Wien und Dresden, der DDR und Österreich, flatterten Dohlen, die 1945 beim Bombenangriff auf Dresden in Brand geraten waren. Eine der Recherchen, die in den europäischen Osten ausgreifen, gilt tatsächlich dem Briefkasten Putins aus der Zeit, als er in Dresden lebte. Beyer sucht aber auch nach der verborgenen Geschichte der ästhetischen Moderne in Dresden.

Alle diese Erkundungen sind nicht zuletzt Spracherkundungen. Marcel Beyer ist ein Wörterbuch-Junkie, der von der Droge Grimm nicht loskommt: "der Hund, mit dem ich spielte, war / ein Sprachhund, der sich im / Wörterbuch verlaufen hatte." Immer wieder ist Beyer von Dresden ins Rheinland zurückgereist, im Zyklus "Das Rheinland stirbt zuletzt" aus dem Band "Graphit" werden die Nachgeborenen die erste große poetische Antwort der deutschen Gegenwartsliteratur auf den Einsturz des Kölner Stadtarchivs im März 2009 erkennen, samt O-Tönen aus der Boulevardpresse: "Schlafender Bäckergeselle / sechs Meter tief unter / mittelalterlichem Text / begraben."

Kürzlich schrieb Marcel Beyer, DADA sei "auch nach hundert Jahren noch die Kurzform einer höflichen Frage: Kann bitte mal jemand das hysterische Abendland- und Edelmenschengequatsche ausschalten?" Da schrieb der Zeitgenosse der Dresdner Pegida-Demonstrationen. Der ist so hellhörig wie der Kleist-Interpret und Oskar Pastior-Exeget. In seiner Dankesrede zum Bremer Literaturpreis 2015 hat Beyer Pegida-O-Töne mit Versen Dantes über ein grauenvolles Getümmel im "Inferno" unterlegt - in der Übersetzung des Königs Johann von Sachsen, an dessen Denkmal die Demonstranten sich jeden Montag versammeln. Auf Marcel Beyers Dankesrede zum Büchner-Preis 2016 dürfen wir gespannt sein.

© SZ vom 29.06.2016

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