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Büchner-Preis für Jirgl:Für das Auge geschrieben, an das Ohr adressiert

Der "krasse Außenseiter" Reinhard Jirgl, ein Meister der suggestiven Bildwelten, erhält den Georg-Büchner-Preis 2010.

Lothar Müller

Manchmal schleicht die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung um bedeutende Autoren sehr lange herum, ehe sie ihnen den Georg-Büchner-Preis zuspricht. Oder sie geht ihnen in einem großen Bogen aus dem Weg. So ist sie Arno Schmidt in den 1960er und 1970er Jahren aus dem Weg gegangen, bis er tot war, und um den 2007 verstorbenen Walter Kempowski seit den 1990er Jahren herumgeschlichen, bis es zu spät war.

Reinhard Jirgl erhält den Georg-Büchner-Preis

"Moneypulationen","Typo-Grafen", "Aldi-kleinenleute": Der Schriftsteller Reinhard Jirgl liebt Doppelsinn-Exerzitien, bösen Kalauer und pseudolinguistischen Wortzerlegungen.  

(Foto: dpa)

Derzeit geht die Akademie Hans Joachim Schädlich aus dem Weg, dem Erfinder des ewigen Spitzels Tallhover (1986), der in diesem Frühjahr in seinem neuen Buch Kokoschkins Reise das Urmodell aller Diktaturen des Proletariats skelettiert hat, die Sprengung der verfassunggebenden Versammlung im Russland des Januar 1918 durch die Minderheit, die Bolschewiki, und die Ermordung von Parteigängern Kerenskis.

Nun aber hat die Akademie ein Herumschleichen beendet und den Büchner-Preis dem Autor Reinhard Jirgl verliehen. Das ist zu begrüßen. Sie ehrt damit, zwanzig Jahre nach dem Untergang der DDR, einen Autor, der in ihr aufwuchs, aber in ihr nicht Autor werden durfte, weil diesem Staat die Dämonen des Expressionismus, die noch manchen seiner Gründer umgetrieben hatten, längst verdächtig geworden waren, wenn sie leibhaftig in der Gegenwart auftauchten.

Nach Westen!

Reinhard Jirgl, 1953 in Ost-Berlin geboren, aufgewachsen in der Altmark und in seiner Geburtsstadt, lernte den Beruf des Elektrotechnikers und arbeitete als Beleuchter an der Berliner Volksbühne, als im November 1989 die Mauer fiel. Im vergangenen Jahr hat er beschrieben, wie er am Abend des 9. November, während auf der Bühne das Moskauer Künstlertheater im Rahmen seines Gastspiels Tschechows Drei Schwestern aufführte, zusammen mit einem russischen Kollegen und einer Dolmetscherin hinter den schalldichten Wänden der Lichtstellwarte saß und nach der zweiten Pause von dem Gerücht erfasst wurde, die Mauer sei offen und einige Bühnenarbeiter schon auf und davon gegangen. Jirgl blieb in seiner Lichtstellwarte, als der Refrain der drei Schwestern aus dem Tschechow-Stück - "Nach Moskau!" - die Himmelsrichtung wechselte, das Theater verließ und sich in die Parole "Nach Westen!" verwandelte.

Aber am Abend des folgenden Tages trank auch er Wein am Kaiserdamm in Charlottenburg, auf offener Straße: "Der Nieselregen hat aufgehört, Windböen flechten sich kurzatmig pfeifend ins Stahlgerüst des nahen Funkturms, die roten Positionslichter glimmen ruhig. "Weil Diewelt sich dreht, ist der Westen vorbeigekommen."

Jirgl war bis dahin ein Abendgymnasiast und Autodidakt gewesen, der im Köpenicker Literaturzirkel um den Lyriker Ulrich Grasnick und seine Frau Charlotte Grasnick, wo die vorgelesenen Texte hart auf Herz und Nieren geprüft wurden, das Schreiben gelernt hatte. Er schrieb und schrieb, blieb aber in der DDR ein Schriftsteller ohne Verlag, aber mit voller Schublade.

"Deutschland, ein Schauermärchen"

Denn seine Formvorbilder und Sprachanregungen suchte er weit jenseits der Regionen, des sozialistischen Realismus, in der Welt von Alfred Döblin bis Arno Schmidt, und die Lektoren hatten recht, wenn sie ihm, dem Ost-Berliner Foucault-Leser, eine "nicht marxistische Geschichtsauffassung" bescheinigten. So wurde Jirgl erst nach 1989, als er in dichter Folge zahlreiche Roman publizierte, zu einem Autor mit einem Werk. Als Gesamttitel könnte darüber stehen: "Deutschland, ein Schauermärchen".

Denn durch diese Romane - vom Mutter Vater Roman (1990) über Abschied von den Feinden (1995) und Hundsnächte (1997) bis zu Die Unvollendeten (2003) und Die Stille 2009) - geistern die Toten der beiden Weltkriege und der Konzentrationslager, hasten die Vertriebenen aus Schlesien nach Sachsen-Anhalt, nähern sich DDR-Bürger der stacheldrahtbewehrten Grenze zwischen den beiden deutschen Staaten und werden Natur und Landschaft von Stürmen und Überflutungen heimgesucht.

Vor allem aber behaupten sich von der Geschichte gebeutelte Figuren ohne Macht gegen das allgegenwärtige Monstrum Staat, erwehren sich seiner in Papierkriegen und mit zäher Hinhaltetaktik, gleichgültig, ob gerade die Nationalsozialisten oder die SED-Kommunisten das Sagen haben oder in der Nachwendezeit ein Dorf dem Braunkohleabbau weichen soll. Wenn im letzten Roman Die Stille, der ein Familienfotoalbum in Worte fasst, einer zum Vorzeigearbeiter wird, stürzt ihn am 17. Juni 1953 eine lockere Gerüstbohle in den Abgrund.

Vital und virtuos

Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung hat nicht diesen oder jenen Privatgeschmack ihrer Mitglieder zu ratifizieren, sondern Werke zu prämieren, in denen die deutsche Gegenwartsliteratur ihre Vitalität unter Beweis stellt. Das ist bei Reinhard Jirgl der Fall. So virtuos wie er lässt derzeit niemand in der deutschen Literatur die expressionistische und barocke Tradition noch einmal aufschäumen. Eine Hommage an Alfred Döblins Berge, Meere und Giganten (1924) hat er in den Roman Die Stille eingebaut. Ein protestantischer Pfarrer, der sich der DDR-Obrigkeit widersetzt, aber gebrochen wird, ist von der historischen Jahrhundertflut des Jahres 1960 umspült - und von der Sprache der Bibel.

Jirgls Verleger, Michael Krüger, hat auf den Büchner-Preis mit der Hoffnung reagiert, nun werde der "krasse Außenseiter" der deutschen Literatur endlich ein größeres Publikum finden. Aber Jirgl macht es den Lesern - während er dem Familienroman alle Betulichkeit nimmt und die Wut auf den Leviathan befeuert -nicht leicht, in seinen Sprachstromlandschaften und suggestiven Bildwelten heimisch zu werden. Dafür liebt er die Doppelsinn-Exerzitien, bösen Kalauer und pseudolinguistischen Wortzerlegungen -die "Moneypulationen" wie den "Typo-Grafen", den "Verkehrs-Unphall mit Kindsfolge" wie "Aldi-kleinenleute" - allzu sehr. Das ist für das Auge geschrieben. Im Kern aber ist die Prosa Jirgls an das Ohr adressiert - wie die Büchnerpreisrede, die er am 23. Oktober in Darmstadt halten wird.

© SZ vom 10.07.2010/luc
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