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Büchner-Preis 2014 für Jürgen Becker:Landvermesser, ganz Auge und Ohr

Schriftsteller Jürgen Becker

Jürgen Becker am 30. Mai 2014 vor seinem Haus in Odenthal (Nordrhein-Westfalen).

(Foto: dpa)

Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung vergibt den Georg-Büchner-Preis 2014 an den Autor Jürgen Becker. Das ist eine ungeschickte Entscheidung. Ungeschickt, weil verspätet. Aber: verspätet im Sinne von überfällig.

Von Lothar Müller

Bringen wir ihn schnell hinter uns, den Kommentar, denn er gehört nun mal dazu, wenn die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt den Georg-Büchner-Preis vergibt. Diesmal verleiht sie die mit 50 000 Euro dotierte Auszeichnung an den Lyriker und Prosaautor Jürgen Becker. Das ist eine ungeschickte Entscheidung. Becker, 1932 geboren, feiert in diesem Juli seinen 82. Geburtstag. Älter war noch kein Preisträger zum Zeitpunkt seiner Ehrung, Beckers letzte Bücher waren Querschnitte aus seinem Gesamtwerk, und so wirkt die Akademie mit ihrer Wahl nun ebenfalls retrospektiv, als stünde sie, nachdem sie in den letzten beiden Jahren Felicitas Hoppe und Sibylle Lewitscharoff ausgezeichnet hat, unschlüssig vor den jüngeren Generationen und habe sich damit begnügt, das Werk eines Altmeisters zu ratifizieren.

Diese Entscheidung ist ungeschickt, weil verspätet. Aber: verspätet im Sinne von überfällig. Jürgen Becker ist eher unbegabt für Skandale und die Rolle des repräsentativ kritischen Intellektuellen, der Brandreden über die Lage der Nation hält. Auch hat er nie einen Erfolgsroman geschrieben, er ist vielmehr von Beginn an der Lyrik und den kleinen Prosaformen, den Notaten und Aufzeichnungen treu geblieben, auch wenn ein Buch wie "Aus der Geschichte der Trennungen" (1999) den Untertitel "Roman" trägt. So hält sich seine Popularität in Grenzen.

Aber vielleicht trägt der Büchner-Preis dazu bei, dass mehr Leute erkennen, was seine Leser längst wissen: dass dieser Autor, dessen Kindheit und Jugend vom Krieg und von den Trümmerlandschaften geprägt war und der seit Jahrzehnten in Köln und im Bergischen Land lebt und schreibt, an die Seite von Alexander Kluge und Uwe Johnson gehört, weil er wie sie mit den Mitteln der Literatur der Zeitgeschichte Paroli bietet, weil er das Deutschland der Nachkriegszeit in sein Werk aufnimmt - und seit 1989/90 das wiedervereinigte Deutschland dazu.

Wie? Jürgen Beckers Werk soll dazu taugen, die Deutschen mit sich selbst bekannter zu machen? Gehört er nicht zu einer längst verblichenen Avantgarde, zu den Parteigängern von "Fluxus" und Wolf Vostell, den deutschen Adepten des "Nouveau Roman", die zugleich auf das Amerika Warhols blickten und William Carlos Williams lasen, waren nicht seine Prosabände "felder" (1964) und "ränder" (1968) Musterexemplare für die Verabschiedung des Erzählens zugunsten in sich kreisender Beschreibungen, für den Kehraus der historisch-politischen Stoffmassen durch den Furor der exerzitienhaften Sprachreflexion, Gegenstücke zur Abstraktion in den Galerien der Nachkriegskunst?

Ja, in Beckers Essay "Gegen die Erhaltung des literarischen status quo" (1964) wird die Proklamierung der "Schwierigkeit, die Wirklichkeit in Worte zu fassen", zum Ausgangspunkt seiner Literatur. Die Formel war nicht nur gegen die epische Selbstgewissheit des konventionellen Romans gerichtet, sondern auch gegen das verhaltene Pathos der Nüchternheit in der "Kahlschlags"-Literatur nach 1945 und ihrer Auratisierung der nach der Verknappung verbliebenen Restwörter. Aber nie knüpfte Becker nur Girlanden der Sprachreflexion, vielmehr machte er in Lyrik, Prosa und Hörspiel Ernst mit der Eroberung der Alltagssprache und wurde zugleich zu einem der großen Landvermesser seiner Generation.

Für jüngere Autoren eine Orientierungsfigur

Heinrich Böll hat das früh gesehen, und jeder Leser kann es bis heute nachvollziehen, wenn er auf die vielen Ortsnamen in Beckers Werk achtet, in dem nicht zufällig Züge und Bahnfahrten eine so große Rolle spielen, zum Beispiel in dem Prosaband "Erzählen bis Ostende" (1981). Die bildende Kunst, die Fotografie spielten dabei als Nachbarn stets eine wichtige Rolle - 2012 erschienen Beckers New-York-Fotos aus dem Jahr 1972 -, aber zugleich war das Ohr immer offen für das Surren einer Klimaanlage, das Geräusch eines Ventilators oder einer fernen Autobahn. Die alte Rivalin der Metapher, die Wahrnehmung, ist in Beckers Lyrik und Prosa bei der Vermessung der zivilen, immer moderneren Nachkriegswelt - einschließlich der Kriegsspuren - mit allen Sinnen im Bunde.

Nach einer frühen Lektorentätigkeit bei Rowohlt und einem Gastspiel im Suhrkamp Theaterverlag war Becker seit 1974 für fast zwei Jahrzehnte Leiter der Hörspielredaktion im Deutschlandfunk, führte die glanzvolle Tradition des Bündnisses von Literatur und Radio in Deutschland bis in die Wendezeit fort - und fügte zugleich ab 1989/90 seinem Werk eine neue Dimension hinzu. Schon immer geisterten "abgerissene Kinder-Erinnerungen an die erstickte Winteroffensive" durch seine Prosa, seine Gedichte, und sein großes "Gedicht von der wiedervereinigten Landschaft" war 1988 erschienen, ein Jahr vor dem Fall der Mauer. Danach rückte dem Blick von Köln nach Westen, über die Ardennen bis hin zur Nordsee und weiter nach Amerika mehr und mehr der Blick ins "grüne Herz Deutschlands" an die Seite, als Rückblick auf die Kindheit und Jugend, die Becker, in Köln geboren, von 1939 bis 1947 in Thüringen, in Erfurt verbrachte.

Im "Berliner Programmgedicht" hat Becker 1971 festgehalten, wie er in der Westberliner Wohnung Uwe Johnsons mit Peter Huchel vor einer Landkarte der brandenburgischen Umgebung Berlins stand, im Blick auf Ortsnamen, die im Werk Huchels ihre Entsprechung hatten. Nun holte er in Gedichtbänden wie "Beispielsweise am Wannsee" (1992), "Foxtrott im Erfurter Stadion" (1993) oder "Journal der Wiederholungen" die Treppenhäuser und Landschaften der Kindheit noch einmal in sein Werk hinein, als Wahrnehmungen im Modus der Erinnerung: "ganz schwach noch Geruch, Geruch von Gurken und frisch gesägten Kiefern ".

Für jüngere Autoren wie Marcel Beyer, Norbert Hummelt, Lutz Seiler oder Mirko Bonné ist der Sprachvermesser und Landvermesser Jürgen Becker lange schon eine Orientierungsfigur. Wer ihnen folgt, kann etwas entdecken: Deutschland samt Zeitgeschichte, aber ohne Familienroman.

© SZ vom 31.05.2014/ihe
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