Büchertausch Ein echtes Schnäppchen

BookCrossing ist die neue Form des literarischen Austauschs. Aus einer kleinen Idee entwickelt sich immer mehr ein Sport für gebildete Spürnasen. Das Motto: Lass Bücher fliegen! Von Jürgen Schmieder

Adam Meister sitzt in einem Café hinter einer Zeitung verborgen. Es ist wie eine Szene aus einem Film Noir, in dem der Detektiv dem Verbrecher in einer Bar eine Falle gestellt hat. Tatsächlich wartet er auch auf jemanden. Er ist jetzt nicht mehr Adam Meister, sondern "MindMaster" - so lautet sein Deckname. Doch er ist kein Detektiv und die junge Frau, die gerade einen Blick unter einen der Tische wirft, keine Diebin. Beide sind Book-Crosser, Mitglieder einer international praktizierten Form des literarischen Austauschs.

Die Idee dazu hatte Ron Hornbaker, Gründer der Internet-Firma Book-Crossing. Das Ziel: Bücher irgendwo zu deponieren, sodass andere sie finden, lesen und wieder "freilassen" können. "Read, Register, Release." lautet das Motto der Gemeinschaft. "Wir möchten auf diese Weise junge Menschen zum Lesen animieren", sagt Hornbaker. Weltweit hat das Unternehmen über 400000 Mitglieder, in Deutschland haben die Benutzer eben die 25000er-Marke erreicht.

Das Prozedere von Book-Crossing ist einfach. Der Besitzer eines Buches gibt im Internet einen Hinweis, wo er das Buch hinterlegt hat. Der Finder meldet sich dann ebenfalls dort. Im Umschlag des Buches befindet sich ein Aufkleber von Book-Crossing, um es als "freigelassenes Objekt" zu kennzeichnen. "Auf diese Weise können auch Menschen, die ein Buch zufällig finden, auf der Homepage melden, dass sich die Suche nicht mehr lohnt", sagt Meister. Nach der Lektüre soll das Buch an einer anderen Stelle hinterlegt werden - für den nächsten literarischen Freund. "Im besten Fall schreibt der Finder noch eine kurze Literaturkritik in unser Forum", sagt Meister.

Sport für Literaten

Über 3500 Bücher sind derzeit in Deutschland im Umlauf. Die Hinweise auf Fundorte sind manchmal präzise: "Am Eingang des Café Künstlerbund in Stuttgart". Es gibt aber auch Hilfestellungen, die nicht so leicht zu entschlüsseln sind. Ecos "Baudolino" reist seit Mittwoch durch Berlin - in der U2 Richtung Pankow. Für viele Benutzer sind solche Angaben eine Herausforderung, das Buch dennoch zu finden. "In den Vereinigten Staaten hat sich ein literarischer Sport entwickelt", erklärt Meister. Auch in Deutschland haben immer mehr Book-Crosser den Ehrgeiz, gerade schwer zu entschlüsselnden Spuren nachzugehen und Verstecke zu finden.

Die Hinweise von Adam Meister sind eher konkret. Dadurch hofft er, dass sein Buch genau gefunden wird, wenn er sich in der Nähe befindet. "Es ist eine Art Voyeurismus zu sehen, wer mein Buch findet", sagt er. Kontakt aufgenommen hat er noch nie, es macht ihm nur Spaß, die Szene zu beobachten: Jemand betritt ein Lokal, eine Bibliothek, eine U-Bahn-Station. Er sieht sich ein wenig unsicher um, dann versucht er die Stelle zu finden, an der das Buch versteckt sein könnte. Dann sieht er sich noch einige Male um, als ob er verfolgt werden würde. Ein schneller Griff, ein kurzer Blick, und hastig verschwindet der Finder mit der Beute. "Es ist eine Mischung aus Schatzjagd und Diebstahl", sagt Meister.

Da die umstehenden Personen nicht wissen, dass es sich um Book-Crosser handelt, können sie sich alles mögliche vorstellen. In Amerika wurden Benutzer von Polizisten gestoppt, weil sie eine Drogenübergabe vermuteten. Dabei war in dem weißen Paket nur "Die Nadel" von Ken Follett.

Im juristischen Graubereich

Überhaupt ist die rechtliche Seite von Book-Crossing unklar. Autoren und Verlage wollten Klage einreichen, weil sie fürchteten, durch den regen Austausch Einbußen beim Verkauf hinnehmen zu müssen. Es sei nicht wie bei einer Schenkung, bei der man das Objekt an eine Person übergibt, rechtfertigten sich die Verfasser. Ein Buch würde beim Freilassen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht und könnte somit gegen das Urheberrecht von Büchern verstoßen. Es kam jedoch nie zu einer Klage gegen Book-Crossing. In Deutschland ist die rechtliche Lage ebenfalls unklar. "Ich komme zu dem Ergebnis, dass es sich um einen juristischen Graubereich handelt", sagt Stefan Hass. Er ist Rechtsanwalt für Urheberrecht bei der Kanzlei Drosdek und Rieger in Deggendorf. Die bestehenden Gesetze regeln die Handlung des Freilassens von Büchern nicht genau. "Persönlich tendiere ich dazu, dass kein Verstoß vorliegt, aber das ist nur eine Privatmeinung", sagt Haas. Daher könnten sich auch in Deutschland Autoren und Verlage beschweren, die sich durch Book-Crossing benachteiligt sehen.

"Gerade das Gegenteil von dem, was Autoren in den USA befürchteten, ist eingetreten", heißt es auf der Homepage von BookCrossing. Durch den regen Austausch an Kritik und Meinungen im Forum wird eher unbekannten Büchern zu einer großen Popularität verholfen - immerhin gehört Book-Crossing nach Amazon zu den größten Literaturforen weltweit. Dies führt dazu, dass sich Mitglieder andere Bücher eines Autors kaufen, dessen Erstlingswerk sie bei Book-Crossing gefunden haben.

Adam Meisters Lieblingsbuch ist "Das Parfum" von Patrick Süßkind. Davon besitzt er zwei Exemplare: Eines steht bei ihm im Regal, ein anderes hat er freigelassen - gerade wurde es von einer anderen Book-Crosserin gelesen und in Stuttgart ausgesetzt. Er kann diesen Vorgang anhand der Book-Crossing-Nummer im Internet nachsehen. Wer sich sein zuletzt "freigelassenes" Buch angelt, will er mit eigenen Augen sehen - in einem Café, hinter einer Zeitung verborgen.