Süddeutsche Zeitung

Bücherklau als Plage und Erfolgsindex:Trendscout Taschenbuch

Bestseller oder Ladenhüter? Die Diebstahlquote zeigt es: Je häufiger ein Buch auf der Leipziger Buchmesse gestohlen wird, desto vielversprechender sind die Verkaufsprognosen.

Alex Rühle

Ja. Kommt vor. Gehört dazu. Wird mit einkalkuliert. 30 Prozent verschwinden. - Ist das nun Resignation? Pragmatismus? Wen man auch spricht in der Verlagsbranche, alle scheinen sich mit dem Phänomen längst abgefunden zu haben: Diebstahl gehört zu jeder Buchmesse dazu wie Vertretergespräche und Lesungen. Keiner weiß genau, wie viele es sind, aber Jahr um Jahr werden allein in Leipzig viele tausend Exemplare in Taschen, Mänteln, Rucksäcken an den Sicherheitskräften vorbeigeschmuggelt.

Gesine Neuhof, die Pressesprecherin der Leipziger Messe, sagt, man werde dieses Jahr ein besonderes Auge auf Kinderwägen werfen, im Herbst in Frankfurt sei es "der neueste Trend" gewesen, die geklauten Bücher unter den ahnungslosen Babys zu verstecken. Ansonsten aber klingt sie wie die Lektoren wenn sie sagt: "Geklaut wurde hier immer schon."

Dabei hat sich gerade in Leipzig, wo am diesem Mittwochabend die diesjährige Buchmesse eröffnet wird, etwas Grundlegendes geändert: Natürlich, der neue Mensch des DDR-Sozialismus war nicht viel besser als der heutige Besucher. Aber vor dem Mauerfall war die Buchmesse eines der wenigen Fenster zur westlichen Welt, weshalb sich besonders gerne regimekritische Genossen in großen, warmen Jacken durch die heißen Messehallen schoben.

Die Schriftstellerin Katja Lange-Müller erinnert sich in einem aktuellen Beitrag für das Zeit-Magazin, dass einige ihrer Freunde "spezielle Buchmessenmäntel mit extra eingenähtem Doppelfutter hatten, in dem sich, den Gang und den Saum sehr beschwerend, gut und gerne zehn Taschenbücher verstauen ließen." Damals halfen die Vertreter der Westverlage den Besuchern noch, schauten ostentativ weg oder steckten ihnen die Bücher sogar zu, war das Klauen doch, wie Langen-Müller schreibt, "notgedrungene Passion".

Das geht an Weihnachten weg!

Heute ist es für die Verlage eine unkonventionelle Art der Marktforschung, ein Lackmustest für den zukünftigen Erfolg. Denn was auf den Buchmessen in Leipzig und Frankfurt geklaut wird, wird später auch gekauft. So klingt es nur halbironisch, wenn Martin Hielscher, Belletristik-Lektor beim Verlag C.H.Beck, sagt, der Bücherklau sei "ganz wichtig, das ist für uns ein sehr gutes Signal, ob ein Buch sexy ist". Insofern sähen das die Verlage auch "mit einem gewissen Augenzwinkern".

Die Piper-Lektorin Eva Brenndörfer formuliert den noch drastischer klingenden Umkehrschluss: "Klingt traurig, aber wenn ein Buch nicht geklaut wird, stimmt was nicht."

Das bestgeklaute Buch des Beck-Programms war laut Hielscher bislang Nelly Arcans "Hure", "2002 war das, in Frankfurt, hat sich dann auch hervorragend verkauft." Im internen Diebstahlsranking hatte es seinerzeit freilich keine Chance gegen Dieter Bohlens Autobiographie "Nichts als die Wahrheit" , bei der die Mitarbeiter des Heyne-Verlags die Exemplare gar nicht so schnell in die Regale stellen konnten, wie sie wegkamen. Bohlens Buch stürmte danach die Bestsellerliste.

Als im vergangenen Jahr Julia Francks Roman "Die Mittagsfrau" stapelweise verschwand, prognostizierte Petra Baumann-Zink vom Fischer-Verlag, dass es "in einer Woche auf Platz eins oder zwei steht". Stimmte ebenfalls. Und als Arno Geigers "Es geht uns gut" 2005 das meistgeklaute Buch der gesamten Buchmesse war, "wussten wir, das der zu Weihnachten gut gehen wird", sagt Stephan Seitz vom Hanser Verlag.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, in welchen Gesellschaftsschichten am häufigsten gestohlen wird.

Trendscout Taschenbuch

Für Seitz gibt es zwei Kategorien von Diebstahl, "Bestseller- und Kulturklau". Autoren wie Mankell hätten natürlich immer Schwund. Der "Kulturklau" mache aber genauso viele Exemplare aus. "Botho Strauß oder Neuübersetzungen von Klassikerausgaben, das geht weg wie nichts." Viele Besucher scheinen freilich alles mitgehen zu lassen, was nicht niet- und nagelfest ist. "Blöcke, Stifte, Plakate, Mittagessen, es wird alles gnadenlos abgeräumt ohne Rücksicht auf Verluste", sagt Seitz. In Frankfurt versuchte ein Besucher dem Sprecher der Buchmesse das Filofax vom Stehtisch zu entwenden. Sogar Computer und Bildschirme sollen schon weggekommen sein.

Wer nun der sozialromantischen Vorstellung anhängt, die Diebe seien in erster Linie Studenten oder arme Leute, der irrt. Geklaut wird in allen Schichten, das kann man auch außerhalb der Messen sehen: William Simon Jacques, der 2002 in London für schuldig befunden wurde, Bücher im Wert von zwei Millionen Euro aus Bibliotheken gestohlen und verkauft zu haben, war Buchhalter bei Shell. Im vergangenen Jahr wurde von einem Bonner Gericht ein Germanistikprofessor für schuldig befunden, mehr als 100 antiquarische Werke aus der Universitätsbibliothek Bonn geklaut und versteigert zu haben.

Und eine Umfrage unter Berliner Bibliotheken brachte zu Tage, dass besonders häufig angehende Richter und Staatsanwälte Bücher entwenden; nach übereinstimmender Klage der Bibliothekare würden systematisch "ganze Entscheidungsklagen des Bundesgerichtshofs abgeräumt", wie ein Mitarbeiter der Staatsbibliothek stöhnte.

Er soll um Gnade winseln

Vom Verhalten der Buchmessenbesucher auf eine entropische Entwicklung der guten Sitten zu schließen, wäre ebenfalls falsch - der Trieb Bücher zu stehlen scheint eine Art anthropologische Konstante zu sein. Schon der koptische Mönch Pachomius, der im dritten Jahrhundert im Kloster von Tabenissi eine Bibliothek gegründet hat, machte Abend für Abend Inventur, um sicherzustellen, dass alle Schriften zurückgegeben worden waren.

Und über dem Ausgang der Bibliothek des Klosters San Pedro in Barcelona steht seit dem 16. Jahrhundert ein wunderbarer Fluch: "Wer Bücher stiehlt, in dessen Hand soll sich das Buch in eine reißende Schlange verwandeln. Laut schreiend soll er um Gnade winseln, und seine Qualen sollen nicht gelindert werden, bis er in Verwesung übergeht. Mögen Bücherwürmer seine Eingeweide essen, und wenn er endlich zu seiner letzten Strafe geht, mögen die Flammen der Hölle ihn auf ewig verschlingen." Am Ausgang der Leipziger Messe steht nur Wachpersonal.

Anscheinend hängt es auch von der Präsentation und Größe eines Buches ab, wie oft es geklaut wird. Bücher, die auf sogenannten Präsentationswürfeln ausgestellt werden, verschwinden viel häufiger als Einzelexemplare in Regalen. Stephan Seitz bringt das auf die mathematisch klingende Formel: "Je mehr Menge man durch Präsentation suggeriert, desto mehr geht weg."

Als der Knesebeck-Verlag zum ersten Mal mit seinen überaus handlichen Bildbänden "Gute Freunde" zur Messe reiste, waren nach wenigen Stunden alle Vitrinen leergeräumt. Daraufhin klebten die Mitarbeiter die Bücher mit Klebeband fest. Andere Verlage, die wertvolle Bildbände präsentieren, ketten diese fest.

Auch das ist freilich keine neue Praxis: Im Mittelalter war es gängige Praxis, Bücher in Lesesälen anzuketten. Die Bibliothek Trier hat diese alte Sicherungsmöglichkeit kürzlich erst wiederentdeckt, neuerdings sind bei den Juristen (!) die Strafgesetzbuch-Kommentare angekettet.

Im Strafgesetzbuch heißt es übrigens im ersten Absatz des Paragraphen 242: "Wer eine fremde bewegliche Sache einem anderen in der Absicht wegnimmt, die Sache sich oder einem Dritten rechtswidrig zuzueignen, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft." Auf der Frankfurter Buchmesse kam es im vergangenen Herbst zu mehr als fünfzig Strafanzeigen wegen Diebstahls.

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SZ vom 12.03.2008/ehr
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