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Bücherklau als Plage und Erfolgsindex:Trendscout Taschenbuch

Für Seitz gibt es zwei Kategorien von Diebstahl, "Bestseller- und Kulturklau". Autoren wie Mankell hätten natürlich immer Schwund. Der "Kulturklau" mache aber genauso viele Exemplare aus. "Botho Strauß oder Neuübersetzungen von Klassikerausgaben, das geht weg wie nichts." Viele Besucher scheinen freilich alles mitgehen zu lassen, was nicht niet- und nagelfest ist. "Blöcke, Stifte, Plakate, Mittagessen, es wird alles gnadenlos abgeräumt ohne Rücksicht auf Verluste", sagt Seitz. In Frankfurt versuchte ein Besucher dem Sprecher der Buchmesse das Filofax vom Stehtisch zu entwenden. Sogar Computer und Bildschirme sollen schon weggekommen sein.

Wer nun der sozialromantischen Vorstellung anhängt, die Diebe seien in erster Linie Studenten oder arme Leute, der irrt. Geklaut wird in allen Schichten, das kann man auch außerhalb der Messen sehen: William Simon Jacques, der 2002 in London für schuldig befunden wurde, Bücher im Wert von zwei Millionen Euro aus Bibliotheken gestohlen und verkauft zu haben, war Buchhalter bei Shell. Im vergangenen Jahr wurde von einem Bonner Gericht ein Germanistikprofessor für schuldig befunden, mehr als 100 antiquarische Werke aus der Universitätsbibliothek Bonn geklaut und versteigert zu haben.

Und eine Umfrage unter Berliner Bibliotheken brachte zu Tage, dass besonders häufig angehende Richter und Staatsanwälte Bücher entwenden; nach übereinstimmender Klage der Bibliothekare würden systematisch "ganze Entscheidungsklagen des Bundesgerichtshofs abgeräumt", wie ein Mitarbeiter der Staatsbibliothek stöhnte.

Er soll um Gnade winseln

Vom Verhalten der Buchmessenbesucher auf eine entropische Entwicklung der guten Sitten zu schließen, wäre ebenfalls falsch - der Trieb Bücher zu stehlen scheint eine Art anthropologische Konstante zu sein. Schon der koptische Mönch Pachomius, der im dritten Jahrhundert im Kloster von Tabenissi eine Bibliothek gegründet hat, machte Abend für Abend Inventur, um sicherzustellen, dass alle Schriften zurückgegeben worden waren.

Und über dem Ausgang der Bibliothek des Klosters San Pedro in Barcelona steht seit dem 16. Jahrhundert ein wunderbarer Fluch: "Wer Bücher stiehlt, in dessen Hand soll sich das Buch in eine reißende Schlange verwandeln. Laut schreiend soll er um Gnade winseln, und seine Qualen sollen nicht gelindert werden, bis er in Verwesung übergeht. Mögen Bücherwürmer seine Eingeweide essen, und wenn er endlich zu seiner letzten Strafe geht, mögen die Flammen der Hölle ihn auf ewig verschlingen." Am Ausgang der Leipziger Messe steht nur Wachpersonal.

Anscheinend hängt es auch von der Präsentation und Größe eines Buches ab, wie oft es geklaut wird. Bücher, die auf sogenannten Präsentationswürfeln ausgestellt werden, verschwinden viel häufiger als Einzelexemplare in Regalen. Stephan Seitz bringt das auf die mathematisch klingende Formel: "Je mehr Menge man durch Präsentation suggeriert, desto mehr geht weg."

Als der Knesebeck-Verlag zum ersten Mal mit seinen überaus handlichen Bildbänden "Gute Freunde" zur Messe reiste, waren nach wenigen Stunden alle Vitrinen leergeräumt. Daraufhin klebten die Mitarbeiter die Bücher mit Klebeband fest. Andere Verlage, die wertvolle Bildbände präsentieren, ketten diese fest.

Auch das ist freilich keine neue Praxis: Im Mittelalter war es gängige Praxis, Bücher in Lesesälen anzuketten. Die Bibliothek Trier hat diese alte Sicherungsmöglichkeit kürzlich erst wiederentdeckt, neuerdings sind bei den Juristen (!) die Strafgesetzbuch-Kommentare angekettet.

Im Strafgesetzbuch heißt es übrigens im ersten Absatz des Paragraphen 242: "Wer eine fremde bewegliche Sache einem anderen in der Absicht wegnimmt, die Sache sich oder einem Dritten rechtswidrig zuzueignen, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft." Auf der Frankfurter Buchmesse kam es im vergangenen Herbst zu mehr als fünfzig Strafanzeigen wegen Diebstahls.

© SZ vom 12.03.2008/ehr
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