Literaturspezial zur Frankfurter Buchmesse:Das Buch und sein Körper

Wo werden eigentlich Bücher gemacht? Und wo die Literatur? Eine kleine Reise zu selten gesehenen Orten des literarischen Lebens in Zeiten von Papiermangel und globalisierten Märkten.

Von Felix Stephan

Zu der Zeit, als die deutschen Verlage noch den Aufstieg des E-Books fürchteten, war auf einmal viel von der Materialität des gedruckten Buches die Rede. Es sei ein unschätzbarer Vorteil des gedruckten Buches, sagten Branchenvertreter damals, genießerisch die Fingerspitzen aneinanderreibend, dass man es anfassen könne.

Diesen Vorteil sollte man keinesfalls unterschätzen. Wenn jemand sinnlich den Finger über den Leineneinband gleiten lassen, die Nase tief in einem antiquarischen Buch versenken und einen kräftigen Zug nehmen, das Lesebändchen seduktiv um den Zeigefinger wickeln möchte: Wer will es ihm verdenken? Vielleicht hatte Susan Sontag ja so etwas im Hinterkopf, als sie ihren Essay über die "Erotik der Kunst" geschrieben hat.

In dieser Literaturbeilage soll es in diesem Zusammenhang einmal um die Gewerke gehen, die sich mit der äußeren Gestalt von Büchern beruflich beschäftigen: um die Kolleginnen und Kollegen aus der Herstellung. Mitten durch die Buchbranche verläuft eine unsichtbare Trennlinie: Auf der einen Seite werden die Manuskripte produziert, auf der anderen jene Teile des Buches, die man anfassen kann. Diese beiden Bereiche sind nicht nur systemisch, sondern auch lebensweltlich streng voneinander getrennt. Im Alltag begegnen sich Papierhersteller und Autoren, Buchbinder und Literaturkritiker im Grunde nie.

Im Moment hat die Branche mit einem akuten Papiermangel zu kämpfen

Während die deutschen Schriftsteller allesamt auf wenigen Quadratkilometern in Berlin zusammengepfercht leben und sich dort gegenseitig von der Arbeit abhalten, entstehen die dreidimensionalen Bestandteile von Büchern in der Regel in höchstens mittelgroßen Städten. Für die Fotoreportage, die wir in dieser Beilage drucken, hat unser Fotograf Friedrich Bungert ein paar von ihnen besucht.

Dabei sind einige Autobahnstunden zusammengekommen: Der Zellstoff für das Papier zum Beispiel kommt aus Stendal, das Papier wiederum wird in den Papierfabriken in Düren hergestellt und die traditionsreiche Buchdruckerei Pustet befindet sich in Regensburg. Die Buchherstellung liegt zum großen Teil in der Hand von deutschen Mittelständlern, die anders als die deutschen Autoren weltweit dafür bekannt sind, ihre Abgabetermine einzuhalten.

Wenn man sie denn lässt: Im Moment hat die Branche mit einem akuten Papiermangel zu kämpfen (SZ vom 22. August 2021). Die nach der Pandemie wiedererwachende Weltwirtschaft benötigt so viel Papier, dass die Fabriken nicht hinterherkommen. Vor allem in China und im boomenden Online-Handel ist die Nachfrage nach Karton und Pappen groß, deshalb fällt es deutschen Verlagen zusehends schwer, ausreichend Papier und Pappe für ihre Bücher zu organisieren. Erstauflagen werden deutlich knapper kalkuliert, Verlage bestellen jetzt schon Papier für Bücher, die erst nächstes Jahr gedruckt werden sollen, für die Weihnachtszeit haben die Großhändler akute Engpässe angekündigt.

Noch nie war der globalisierte Buchmarkt so zentralisiert wie heute

Im Vergleich zu den Produktionsbedingungen der Manuskripte sind die der Bücher jedenfalls erstaunlich regional. Auch Manuskripte sind natürlich warenförmig und Teil des globalisierten Handelsverkehrs. Der Einfluss des Marktgeschehens darauf, wie diese Manuskripte aussehen, wie also heute geschrieben, gelesen und gedacht wird, ist kaum zu überschätzen. Die New York Review of Books wies vor Kurzem darauf hin, dass der globalisierte Buchmarkt noch nie so zentralisiert war wie heute und und noch nie so wenige Leute darüber entschieden haben, was in so vielen Ländern gelesen wird.

Die meisten dieser Leute sitzen in New York, deshalb sehe die Welt in den internationalen Großbestsellern auch häufig so aus, als würde man sie von einem Bürofenster in New York aus betrachten: steril, konfektioniert und generisch. Die "internationale Literatur", die dort zu Weltbestsellern gemacht wird, erzählt zwar oft genug die Geschichten marginalisierter Gruppen, orientiert sich aber an Erzählformen, die weltweit erlernt und verständlich sind. Die Netflixication des Erzählens ist längst auch in der Literatur in vollem Gange. Sie werde zwar internationaler, schreibt die NYRB, aber eben auch körperloser, "abgeschnitten von nationalen Traditionen und Besonderheiten". Die Körper der Bücher aber, auch das zeigt unsere Fotoreportage, die sind noch von hier.

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