Süddeutsche Zeitung

Bücher des Monats September:Ausgewandert

Eine Migrationsgeschichte, ziviler Ungehorsam und die Zusagen, die Russland nie bekommen hat. Das sind die Bücher des Monats September.

Von SZ-Autorinnen und -Autoren

Adam Soboczynski - Traumland

Als Sechsjähriger kommt Adam Soboczynski aus Polen nach Deutschland, heute ist er Literaturchef der "Zeit". In seinem Buch erzählt er seine persönliche Migrationserfahrung und wie sich sein Blick auf Deutschland im Laufe der Jahre veränderte. Anfangs betrachtete er Deutschland als ein Traumland, doch im Laufe der Zeit entwickelte er einen kritischeren Blick, vergleichbar mit dem eines "echten Deutschen". Dabei beleuchtet er die Erfahrungen seiner Familie im kommunistischen Polen und ihre Hoffnungen auf ein besseres Leben in Deutschland. Von seiner Jugend in der Bonner Republik bis zu seinem Erwachsenwerden in Berlin reflektiert er über die Freiheiten, die sich in Europa zwischen 1989 und 2022 entfaltet haben. Und wie diese Freiheiten heute in Gefahr sind - sowohl im Osten als auch im Westen Europas.

Lea Bonasera - Die Zeit für Mut ist jetzt!

Was bedeutet ziviler Widerstand angesichts der Klimakrise? In ihrem Buch denkt Lea Bonasera, Mitgründerin der "Letzten Generation", darüber nach,wie ziviler Ungehorsam politische und wirtschaftliche Entscheidungsträger zum Handeln bewegen kann. Sie stützt sich auf aktuelle Forschung und eigene Erfahrungen aus Bürgerrechtsbewegungen, betont die Dringlichkeit von Veränderungen und reflektiert die angemessene Radikalität in der Klimakrise. Das Buch möchte wissenschaftliche Erkenntnisse leicht verständlich wiedergeben und verdeutlicht die Bedeutung des zivilen Widerstands als Mittel zur Lösung der Klimakrise.

Terézia Mora - Muna oder Die Hälfte des Lebens

Die Geschichte beginnt in der ehemaligen DDR, wo Muna aufwächst und sich in Magnus verliebt, einen Fotografen und Französischlehrer. Doch von Anfang an ist ihre Beziehung von Unsicherheit und toxischen Elementen durchzogen. Magnus' Verhalten ist schwer zu durchschauen, und ob er Muna genauso liebt, wie sie ihn, bleibt ungewiss. Terézia Mora nutzt ihre geniale Erzählkunst, um die Figuren lebendig und vielschichtig zum Leben zu erwecken. Muna, die zunächst als faszinierende und rätselhafte Figur erscheint, wird im Laufe der Geschichte immer komplexer und facettenreicher. Die Beziehung zwischen ihr und Magnus entwickelt sich immer weiter, wird komplizierter und schließlich gewalttätig. Terézia Mora gelingt es, Leserinnen und Leser in die ambivalente Welt von Muna zu ziehen und dabei literarische Meisterschaft und Tiefgründigkeit zu vereinen.

Elif Batuman - Entweder/Oder

Selin, im zweiten Studienjahr an der Harvard-Universität, leidet unter Liebeskummer, nimmt Antidepressiva und versucht, ihre Welt zu verstehen, indem sie Romane liest. Selins tiefes Interesse an den Werken großer Autoren, von Kierkegaard bis Nabokov, spiegelt sich in ihrem leidenschaftlichen Versuch wider, die Geheimnisse der Welt zu ergründen. Dennoch bleiben ihre Fragen nach sozialen Konzepten auf Partys, der Natur der Emanzipation und der Bedeutung von Intimität oft unbeantwortet. Inmitten dieser geistigen Odyssee offenbart Elif Batuman die innere Zerrissenheit einer jungen feministischen Protagonistin auf der Suche nach Antworten in einer Welt, die sich ihr nicht immer leicht erschließt. Ihr Roman ist ein fesselndes Kunstwerk, das den inneren Konflikt vieler Frauen kunstvoll einfängt und Leserinnen und Leser auf eine literarische Reise voller Erkenntnisse und Selbstentdeckung mitnimmt.

Janka Oertel - Ende der China-Illusion

Das zweite Großthema dieser Zeit nach dem Ukraine-Krieg ist der immer größer werdende Konflikt des Westens mit China. Auch auf diesem Feld gibt es immer mehr warnende Bücher über falsche Vorstellungen von Pekings Politik - am schärfsten nun das der Sinologin Janka Oertel. "Ende der China-Illusion" zerstört mit sehr guten Argumenten auch die letzten wohlmeinenden Anschauungen über das China von Xi Jinping, ein Land "das einfach nicht so werden will, wie wir es gerne hätten". Ob China-Versteher solche Bücher lesen, sei dahingestellt, die Lektüre wäre aber ein gutes Gegengift gegen Selbstbetrug und Bequemlichkeit.

Mary Elise Sarotte - Nicht einen Schritt weiter nach Osten

Hat der Westen 1990 bei den Verhandlungen zur deutschen Wiedervereinigung auf eine Osterweiterung der Nato verzichtet - und sich dann später nicht daran gehalten? An dieser Frage entzündet sich seit Jahrzehnten immer wieder eine Debatte, ob Moskau damals vielleicht übers Ohr gehauen wurde - spätestens seit Putins Überfall auf die Ukraine wird erneut hitzig diskutiert. Wer es genau wissen will, nimmt dazu nun Mary Sarottes Buch dazu zur Hand. Und er erfährt aus dem exakt recherchierten Analyse der US-Historikerin, wie es 1990 bei den Zwei-plus-vier-Verhandlungen zuging und was am Ende unterschrieben wurde. Nach der Lektüre sind alle schlauer, eindeutiges Urteil: Putin und alle Putin-Versteher liegen falsch. Neues Standardwerk zu diesem Thema.

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