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Bücher frecher Frauen:Das Dunkle und der Spaß

Die Unterschiede der Stilisierung sind hingegen verblüffend. Nicht nur, dass Helene Hegemann, das Mädchen mit der Janis-Joplin-Schnute, von ihrem Vater die Lesehappen komfortabel-verschwörerisch hingeworfen bekommt, während Susan Sontag 60 Jahre zuvor auf der anderen Seite des Globus die beengenden jüdischen Familienverhältnisse flieht, wo man ihre Vielleserei beargwöhnt.

Sontag bekennt sich flammend zum Denken. Die schillernde künftige intellektuelle Diva Nordamerikas ist eine Süchtige des Verstehens. Die Kombination aus Bildungselite und weiblicher (Selbst-)Aggression feiert im erstaunlichen Phänomen Helene Hegemann gewissermaßen ihr entpolitisiertes Nachspiel als überlegenes Theatergelächter, bei nicht ganz geklärter Autorschaft: Daher die breite Abwehr der Zumutung von "Echtheit" aus Hegemanns Umfeld.

Das war einmal anders, wie die vor wenigen Monaten unter dem Titel "Notstandsgesetze von Deiner Hand" erschienenen Briefe Gudrun Ensslins an Bernward Vesper von 1968/69 aus dem Gefängnis beeindruckend belegen: Hier steht Echtheit für die Intensität des Empfindens, und natürlich für die politische Tat.

Die Pfarrerstochter, Stipendiatin der Deutschen Studienstiftung und werdende RAF-Terroristin, verzehrt sich in der Preungesheimer Zelle, wo sie wegen der Frankfurter Kaufhausbrandstiftung einsitzt, nach ihrem Geliebten Andreas Baader. (Der Brief an ihn ist dem Band im Anhang beigegeben.)

Die erotisch aufgemischte Lebensgier der jungen, hochbegabten Frau zeigt sich literarisch ambitioniert, wenn sie im August 1968 an Baader schreibt: "jeden morgen neblige Hochzeit mit der lüsternen Hoffnung, WIR, unter meiner Zunge barbarische Schwüre, ein rasselndes, raues Ah, ein hartgesottenes, voller Verachtung für alle Hindernisse, schick' ich zum Horizont, sehr weit weg ist er, aber aber (sic) das macht nichts. Weil es eigentlich sehr dunkel in mir aussieht, macht es mir fast Spaß."

Die Büchersaison beschert uns eine erhebliche Unruhe in der Damen- und Mädchenwelt. Hochbegabt und ehrgeizig sind sie alle, auch unsere jüngste Punk-Bohème mit dem glitschigen Lurch in der Plastiktüte. Und: Sie haben stark reagierende Nerven. Die Selbstdarstellungen Sontags und Ensslins, die uns postum erreichen, gehören zum Interessantesten, das man seit langem lesen konnte.

Sie sind Zeugnis eines Zeitgeistes, der einen Sog in die Zukunft erzeugt. Hier waltet eine faszinierende Kraft, die auffällig kontrastiert mit den elegischen, coolen Deko-Lebensversionen vieler schreibender Frauen der letzten Jahre.

Lesen Sie weiter auf Seite 3, was echt und was unecht ist.

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