Süddeutsche Zeitung

Bücher des Monats:Ungebetene Gäste

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Ein Escort-Girl in den Hamptons, Nachdenken über die DDR und das Verhältnis eines Ex-Kronprinzen zum Nationalsozialismus: Das sind die Bücher des Monats Juli.

Von SZ-Autorinnen und -Autoren

Brigitte Reimann - Die Geschwister

Die DDR-Schriftstellerin Brigitte Reimann wird gerade im großen Stil wiederentdeckt, am 21. Juli wäre sie 90 Jahre alt geworden. Dass die Autorin nicht der "Typ" für "Ruhe und Besinnung" ist, wie sie ihrem Tagebuch anvertraute, dass sie stattdessen Leidenschaft ins Zentrum ihrer Existenz rückte und es sich als selbstbestimmte Frau verbat, von Funktionären betatscht zu werden, nimmt eine neue Generation von Lesern für sie ein. In ihrer 1965 mit dem Heinrich-Mann-Preis ausgezeichneten und jetzt vom Aufbau Verlag erstmals ungekürzt veröffentlichten Erzählung "Die Geschwister" befasst sie sich gleich mit zwei heißen Eisen: der "Republikflucht" ihres Bruders und - das größere Tabu - der Stasi. "Die Geschwister" gehört zu den an einer Hand abzuzählenden Werken der DDR-Literatur, die Erfahrungen mit der Spitzelkultur zur Sprache bringen. Danilo Scholz

Emma Cline - Die Einladung

Dass der Hanser-Verlag aus "The Guest", wie der großartige neue Roman von Emma Cline im Original heißt, "Die Einladung" gemacht hat, verrät etwas über das Selbstverständnis der Protagonistin Alex. Denn eine Einladung wurde zwar von niemandem ausgesprochen, ihr stünde aber eine zu, findet Alex, also lädt sie sich einfach selbst ein. Die 22-Jährige lebt in New York und ist etwas zwischen Escort-Girl und Prostituierter. Seit einiger Zeit datet sie den reichen High-Performer Simon und lebt aktuell in seiner Villa in den Hamptons. Als sich Alex auf einer Party daneben benimmt, wirft Simon sie raus. Aber sie fährt nicht in die Stadt zurück, er wird sie schon wieder aufnehmen. Bis dahin muss Alex die Tage irgendwie rumbringen, sie übernachtet mal in dieser Villa, mal in jenem Gästehaus. Darin besteht die eigentliche Geschichte: Alex' Tour durch die Villen der Reichsten. Christiane Lutz

Ilko-Sascha Kowalczuk - Walter Ulbricht: Der deutsche Kommunist

Von Walter Ulbricht ist nicht viel mehr geblieben als seine Aussage, niemand habe die Absicht eine Mauer zu bauen. Doch der Kommunist und spätere SED-Vorsitzende der DDR war weit mehr als Stalins treuer Parteisoldat. Der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk hat die Archive nach Unterlagen zu Ulbricht durchstöbert und so viel Material gesammelt, dass die 1000 Seiten seiner Biografie erst mal nur bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs reichen. Wer sich aber auf das akribische Großwerk einlässt, bekommt nicht weniger geliefert als eine Geschichte des deutschen Kommunismus im frühen 20. Jahrhundert. Der lange Aufstieg zur Macht über die Kämpfe in der Weimarer Zeit bis ins Moskauer Exil machen klar, wie Menschen hart, kompromisslose Verächter der Demokratie werden konnten. Daniel Siemens

Volker M. Heins und Frank Wolff - Hinter Mauern: Geschlossene Grenzen als Gefahr für die offene Gesellschaft

In Europa und Deutschland überbieten Politiker einander gerade dabei mit Vorschlägen, wie "illegale Migration" vor allem aus dem globalen Süden verhindert werden kann. Die Autoren Volker M. Heins und Frank Wolff interessiert aber mehr, was mit den Gesellschaften passiert, die sich hinter vermeintlich sicheren Mauern und Grenzzäunen verbarrikadieren wollen. Was dabei nämlich Schaden nimmt, ist nicht nur die europäische Idee von Rechtsstaatlichkeit und Freiheit, sondern auch "die Gegenwart der liberalen Demokratie", wie die Autoren in ihrer detailliert recherchierten und klar strukturierten Analyse darlegen. Die Mauern wirkten "destruktiv in die Gesellschaft zurück", diese werde zur "Akzeptanz von Gewalt und Ausschluss" erzogen. Pflichtlektüre für Thorsten Frei (CDU) und alle anderen Mauerbauer. Und für alle Freunde von "demokratischen Grenzen". Cord Aschenbrenner

Cynthia Fleury - Hier liegt Bitterkeit begraben: Über Ressentiments und ihre Heilung

Was könnten die eigene Mutter, die Verbitterung und die Weite des Ozeans miteinander zu tun haben? Und inwiefern ist das wichtig? Davon handelt das neue Buch der 1974 geborenen, in Paris arbeitenden Philosophin und Psychiaterin Cynthia Fleury. Der Angang erinnert an eine antike Sage, in der die Protagonisten, bevor sie ihre Heldenreise antreten dürfen, ein Rätsel zu lösen haben. Es handelt sich aber nicht um einen Ratgeber oder eine Sammlung erbaulicher Fallgeschichten, in der sich Menschen aus einer bedrängenden Lage befreien konnten, indem sie die berühmten zwölf leichten Schritte gegangen sind und ihr Leben änderten. Fleury hat ein hochkomplexes Buch geschrieben, verschwenderisch ausgestattet mit Zitaten, Anspielungen und Assoziationen, es ist eine Achterbahnfahrt durch die Geschichte der Moderne. Und es trifft mitten hinein in das drängendste Problem unserer Zeit: die wachsende Macht des sozialen Ressentiments. Nils Minkmar

Jürgen Luh - Der Kronprinz und das Dritte Reich: Wilhelm von Preußen und der Aufstieg des Nationalsozialismus

Am 9. März 2023 hatte Georg Friedrich Prinz von Preußen bekannt gegeben, er werde die Klagen, mit denen seine Familie Entschädigungen für enteignetes Eigentum durchsetzen wollte, zurückziehen. Im April stellte das Verwaltungsgericht Potsdam die anhängigen Verfahren ein. Doch die Debatte um die Person Wilhelm von Preußen bleibt davon weitgehend unberührt. Ganz unabhängig davon, wie das Gericht am Ende der Verfahren entschieden hätte, steht weiter die Frage im Raum, ob er dem Nationalsozialismus "erheblichen Vorschub" geleistet hat oder nicht. Die Aufsätze aus dem neuen Buch von Historiker Jürgen Luh zielen darauf ab, der Verzwergung des Ex-Kronprinzen und der Bagatellisierung seines Engagements für den Nationalsozialismus einen Riegel vorzuschieben. Lothar Müller

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