Süddeutsche Zeitung

Bücher:Auf Seiten der Kunst

Völlig unabhängig von Verlagen produzieren Galerien oft eigenständig hervorragende Publikationen zu ihren eigenen Ausstellungen. Diese drei Kunstbände sind uns zuletzt besonders aufgefallen.

Von Dorothea Baumer

Erstaunlich oft sehen sich Kunsthändler oder Galeristen zu aufwendigen Publikationen veranlasst. So veröffentlicht die Pariser Galerie Kugel seit Jahren anspruchsvolle, sorgfältig recherchierte Prachtbände, wie zuletzt einen über französische Porträts der Renaissance, und nicht anders wirbt der Londoner Mittelalter-Spezialist Sam Fogg für die vielfältigen Facetten und Artefakte seiner Epoche. Diese Publikationen sind meist nur einem überschaubarem Kreis von Interessenten bekannt, dabei gehen sie weit über konventionelle Angebotskataloge hinaus. Drei in jüngster Zeit veröffentlichte Bände, die sich einem näheren Blick empfehlen, seien kurz vorgestellt.

Goethe: Genie und Dilettant

Mit der vielleicht überraschendsten Publikation macht die Hamburger Galerie Hans auf ihre aktuelle, noch bis Ende Februar gezeigte Ausstellung zur Kunst der Goethezeit aufmerksam, die unter dem Titel "Goethe und Umkreis" Gemälde, Grafiken, Skulpturen und nicht zuletzt einige Goetheana versammelt. Mit siebzig Exponaten verblüffend reich bestückt, entwirft diese Hommage eines Liebhabers, der sich in der Sammelleidenschaft seinem Idol verwandt zeigt (in Goethes Nachlass sollen sich mehrere tausend Stücke befunden haben), gekonnt ein kulturhistorisches Panorama der Zeit um 1800.

Eröffnet wird dieses Zeitbild mit verschiedenen Goethe-Porträts, darunter die kostbare Rötelzeichnung des jungen Dichters von Johann Daniel Bager sowie Johann Joseph Schmellers offenbar sehr naturgetreues Bildnis-Pastell des 80-Jährigen, "zu dem er wirklich gesessen". Zeichnungen und Ölskizzen, Landschaften vor allem, von Künstlern wie Jacob Philipp Hackert, Johann Heinrich Wilhelm Tischbein, Albert Christoph Dies oder Conrad Horny, mit denen Goethe nahen Umgang pflegte oder die er selbst sammelte, belegen Goethes klassisch grundierte Ästhetik. Zwei Blätter zeigen den bildnerisch dilettierenden Dichter selbst.

Einen gewissen Höhepunkt bilden dann ironischerweise gerade die Werke jener Künstler, die wir gemeinhin als Romantiker bezeichnen, zu deren Produktion Goethe bekanntlich ein ambivalentes Verhältnis einnahm. Dabei konkurrenzlos an der Spitze: eine Version von Caspar David Friedrichs Gemälde "Das Kreuz in der Ostsee" aus dem Jahr 1815. Dem Genie ganz nah rücken schließlich die Goetheana: von einem Abguss von Goethes Hand bis zur Haarlocke aus dem Besitz von Schwiegertochter Ottilie.

In dem fast 200 Seiten starken Band zu blättern, angenehm geführt von dem Kunsthistoriker Michael Thimanns, dürfte jedem Goethe-Liebhaber Vergnügen bereiten. Zu erwerben sind die einzelnen Objekte freilich auch. Die Preisspanne reicht von etwa 6500 Euro für eine Landschaftszeichnung von Christoph Nathe bis in die zweistellige Millionenhöhe für das Gemälde von Caspar David Friedrich. Der Katalog kostet 29 Euro.

Ein spanischer Schrank

Eine Besonderheit stellen die inzwischen elf im eigenen Verlag produzierten Katalogbücher des Münchner Kunstkammer-Spezialisten Georg Laue dar. Sie zählen ihrer ganzen Gestaltung nach zu den schönsten, die heute so gemacht werden. Dass die Gegenstände, die sie behandeln, höchstes Interesse beanspruchen, liegt in ihrer Natur: Es sind Wunderwerke des Kunsthandwerks, die zu ihrer Entstehungszeit allein in den fürstlichen Wunderkammern zu finden waren und bis heute nichts von ihrem Reiz verloren haben.

Vor über zwanzig Jahren, 1998, hat Georg Laue seinen Verlag gegründet, um Katalogbücher zu den verschiedenen Kunstkammer-Themen herauszugeben. Darunter befinden sich opulente Bände zu venezianischem Filigranglas oder "Bernstein-Kostbarkeiten" (2006); zuletzt erschien 2017 "Tresor. Schatzkunst für die Kunstkammern Europas". Die Bücher sind gleichermaßen geschätzt als wissenschaftliche Referenzwerke wie als Augenweide.

2016 kam eine neue Editionsreihe dazu, deren Bände sich in bescheidenerem Format jeweils einem einzigen für bedeutsam erachteten Objekt widmen. In allen Publikationen geht es in erster Linie darum, die erarbeiteten Forschungsergebnisse zu erhalten, die Recherchen zu Provenienz und Historie als Dokumente auch Kunden zugänglich zu machen und - warum nicht - neue Interessenten zu gewinnen.

Finanziell sei das manchmal Unsinn, sagt Laue. Es handele sich um langfristige Investitionen und zweifellos auch um ein Alleinstellungsmerkmal. In den Museumsshops jedenfalls, ob im Grünen Gewölbe in Dresden oder im Metropolitan Museum, werden seine Bücher prominent platziert.

Der jüngste Band der Editionen, Nr. 6, ist einem Kleinod der Augsburger Möbelkunst gewidmet: dem sogenannten "Madrider Kabinettschrank", einem der frühesten Renaissancemöbel, das um 1569 für den spanischen Hof in der Werkstatt des führenden Augsburger Meisters Bartholomeus Weißhaupt gefertigt wurde.

Man muss sich gar nicht unbedingt für Renaissancemöbel interessieren, um dennoch in den Sog der Lektüre zu geraten, die die lebendigen Beziehungen zwischen Augsburg und Madrid offenlegt, die wichtigsten Auftraggeber vorstellt, Philipp II. und sein Sohn Don Carlos, und in wunderbar leicht lesbaren Texten den komplexen, fast irrwitzigen, in Intarsien vergegenwärtigten Bilderkosmos des Möbels jenes Augsburger Kistlers entwirrt, von dessen Wirken bis heute prächtige, in gleicher Manier gearbeitete Türen in der Königsresidenz El Escorial zeugen. (35 Euro)

Als Porzellan krank machte

Eine Jubiläumspublikation von stattlichem Gewicht legt Langeloh Porcelain in Weinheim vor. Sie gilt dem 100-jährigen Bestehen der auf Porzellan und Fayencen des 18. Jahrhunderts spezialisierten Firma. Drei Generationen von Unternehmerinnen, ausgehend von Elfriede Langeloh 1919 bis zur heutigen Chefin, Friedel Kirsch haben sich einer künstlerischen Produktion gewidmet, die einst zu den luxuriösesten gehörte und an den europäischen Höfen eine fast krank machende Sammelleidenschaft auslöste. Im bürgerlichen Milieu lebt sie hier und dort bis heute fort, wenn auch nur in eingeschränktem Maß.

Von hundert prominenten (vorwiegend Meißener) Objekten, die einmal durch die Finger dieser Händlerinnen gegangen sind, erzählt diese Firmengeschichte, von ihrer Herkunft und Besonderheit und davon, wie sie im schönsten Fall in namhafte private oder öffentliche Sammlungen gelangten. Echtheitsfragen und Erhaltungszustand waren immer schon wichtig, heute, sagt Friedel Kirsch, steht die Expertise aufgrund wissenschaftlicher Recherche im Vordergrund.

So ist dieser 800 Seiten starke Wälzer trotz der vielen reizvollen Abbildungen denn auch kein Coffeetable-Book, sondern ein Kompendium, das den angehenden wie versierten Sammler mit aktueller Recherche versorgt. Er mag das älteste Porzellanbild bewundern, das August den Starken zeigt und heute in Schloss Lustheim hängt, sich für das einzige erhaltene Service der frühen Höroldt-Zeit interessieren oder seine Begierde, wie so viele, auf eine Teekanne richten in Form eines japanischen Hahns. Das aktuelle Angebot ist in einem eigenen Teil des Bands zu finden. Wer sich ernsthaft dafür interessiert, wird mit dem Jubiläumsband bedacht. Zu kaufen ist er leider nicht.

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Quelle:
SZ vom 11.01.2020
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