Buchempfehlung "Keiner hat gesagt, dass du ausziehen sollst":Gedrucktes TV

Lesezeit: 2 min

Nick Hornby hat fürs Fernsehen zehnmal zehn Szenen über ein Paar in der Krise geschrieben. Jetzt sind die Dialoge als Buch erschienen. Eine Frage aber bleibt bis zum Schluss offen: Warum?

Von Burkhard Müller

Nach 15 Jahren weisen viele Ehen Gebrauchsspuren auf, und wenn dann einer der beiden (in diesem Fall die Frau) sich eine kleine Affäre leistet, dann kommt akut manches zum Vorschein, was schon länger schwelt. Dann ist es an der Zeit, eine Paartherapie zu beginnen. Und so machen sich auch Louise und Tom allwöchentlich zu ihrer Sitzung auf. Doch bevor sie sich in professionelle Hände begeben, treffen sie sich in einer Kneipe gegenüber der Praxis. Tom bestellt sich ein Pint Marke London Pride, Louise einen trockenen Weißwein, und dann geht es sozusagen ans therapeutische Vorglühen, informell, aber doch unter kontrollierten Bedingungen, denn in einem Pub muss man sich benehmen.

"State of the Union" hat Nick Hornby diese Sequenz von zehn Sitzungen genannt, was nicht nur den Zustand ihrer Beziehung, sondern auch den des Vereinigten Königreichs benennt. Kaum überraschend bemühen sie den Brexit als wiederkehrende Metapher: ein Abschied, der sich so lang hinzieht, dass man ganz vergessen hat, dass man eigentlich gehen wollte. Dies kann der deutsche Titel natürlich so nicht leisten.

Hornby hat diese Szenen fürs Fernsehen geschrieben, zehnmal zehn Minuten, und man merkt es dem Buch an. Es bietet reinen Text am Stück. Nur schwer merkt man sich bei dieser raschen Wechselrede, wer jetzt gerade das Wort führt; man muss die Zeilen abzählen. Im Einzelnen ist das oft witzig, die Akteure sind schließlich Briten der Londoner Mittelschicht, sie Gerontologin, er arbeitsloser Musikjournalist, zwei Kids, beide Anfang bis Mitte vierzig, intelligent, melancholisch und mit einem Humor, für dessen englische Bezeichnung "wry" es kein rechtes deutsches Äquivalent gibt. Aber insgesamt hat es etwas Quälendes, wie diese auseinanderstrebenden Schicksalsgenossen keinen Ausweg aus ihrer misstrauischen Deckung finden. Es klingt so:

"[...] Ich mache mir Sorgen um dich. Ich ... na ja, ich liebe dich."

"'Na ja?' Was soll das 'na ja' davor? Was hat das für eine Funktion?"

"Ich habe bloß ... gezögert."

"Wieso?"

"Man darf doch mal zögern. Zögern ist ganz normal."

"Man zögert, wenn man nicht weiß, was man im Restaurant bestellen soll. Nicht wenn man einem Menschen sagt, dass man ihn liebt."

"Liebe ist ja wohl was Wichtigeres als Pizza bestellen, oder?", sagte Louise.

"Wenn man sechzehn ist, ja. Aber nicht, wenn man verheiratet ist."

So könnte es ewig weitergehen; und tut es auch. Dass sie am Ende wieder zusammenfinden und sich auf die Formel einigen, es handle sich um Liebe, bloß ohne das Gefühl dabei, empfindet der Leser nicht als Happy End, sondern eher als rührselige Apotheose des Durchwurstelns. Wenn die Pointen sitzen, dann geschieht das, wie bei Komödien ja meistens, auf Kosten der emotionalen Dimension, die gerade hier doch auch zu ihrem Recht kommen sollte. Lehrreich ist Hornbys Text trotzdem, weil er den Unterschied zwischen einem Buch und einem Drehbuch fühlbar macht.

Nick Hornby: Keiner hat gesagt, dass du ausziehen sollst. Aus dem Englischen von Ingo Herzke. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2020, 158 Seiten, 18 Euro.

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