"Die Überwindung der Schwerkraft":Vom Risiko eines Lebens unter Menschen

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Kneipenprosa I: Zwei Brüder reden und trinken dabei um ihr Leben. "Die Überwindung der Schwerkraft" ist der dritte der zarten und harten Romane von Heinz Helle.

Von Marie Schmidt

Die Gefahr besteht, dass der hervorragende Schriftsteller Heinz Helle unterschätzt wird. Seine Bücher sind schmal und tragen heiter freundliche Titel, die es einen vielleicht zu leicht hinnehmen lassen, wie bescheiden und zurückgenommen dieser Autor schreibt, dabei aber nie über weniger als das ganze Menschendasein. Und wie zart und riskant er es dabei aussehen lässt! Mit seinem dritten Roman "Die Überwindung der Schwerkraft" ist aus Helles Existenzvermessungserzählungen eine kleine Reihe geworden. Wobei die ersten beiden Bücher große Kühle ausstrahlten, lakonisch im Ton, die Mittelungen aufs Nötigste verdichtet. Der neue Roman ist dagegen von geradezu leutseliger Wärme und Sehnsucht.

Er beginnt mit dem beliebtesten unter den deutschen Zuständen, dem Suff. Einem schweren Besäufnis, das wie alle ehrlichen Besäufnisse nicht enden will, weil der Rausch eine Wahrheit und eine Intimität verspricht, die immer noch nicht ganz erfüllt ist, erst kurz bevorzustehen scheint. Zwei Brüder trinken da Bier um Bier in realen und fiktiven Boazn und Spelunken des Münchner Glockenbachviertels, Sunshine Pub, Holy Home, Theaterklause, Flaschenöffner, Kapuzinerklause, Bachwirt. Sie haben verschiedene Mütter und denselben Vater. Der Jüngere von beiden ist der Erzähler, der den horrenden Kater des nächsten Tages fürchtet und trotzdem den Absprung nach Hause, ins Bett nicht schafft. Weil der Ältere redet und redet.

"Bald bin ich so alt, wie mein Bruder war, als er starb", lautet der erste Satz

Heinz Helle, der 1978 in München geboren ist, Philosophie studiert hat, dann am Literaturinstitut Biel und jetzt in Zürich lebt, schreibt diese Brüderszene in seitenlangen Sätzen nieder. Sie entrollen sich, nehmen Nebenwege, winden sich, als würde die Grammatik das Bedürfnis der jungen Männer nach Nähe festhalten, nach Verwandtschaft in einem starken Sinn, als sage der Satzbau selber: Geh nicht weg, hör weiter zu, verlass mich nie.

Das ist die literarische Form eines Geschwafels, aber keineswegs selbst Geschwafel. Was man schon daran merkt, dass die Perioden sorgfältig nach Assoziationsabschnitten gebaut sind und auf wohlgesetzten, oft kurzen letzten Worten stoppen. Wie wenn einer mit letzter Atemluft ausstößt: "schon zu", "Ruhe", "weg", "früher", "Welt".

Weil der erste Satz des Romans heißt: "Bald bin ich so alt, wie mein Bruder war, als er starb", steht man unter dem Eindruck, dass hier ein Mann um sein Leben redet und der andere auf Leben und Tod dabeibleiben muss, bis "die informative Ebene unseres Gesprächs überlagert wird von der klanglichen, möglicherweise ging es ab hier nur noch darum, eine vertraute Stimme in bekannte Einheiten zu unterteilen".

Lokal "Bierschuppen" in München, 2018

Der Rausch verspricht eine Wahrheit und eine Intimität, die immer erst noch bevorzustehen scheinen, zum Beispiel hier im Münchner Lokal „Bierschuppen“.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Alles, was der große Bruder sagt, steht unter dem Vorzeichen, dass er gestorben sein wird, wenn es niedergeschrieben wird. Eine Art Memento mori also. Was dabei zwischen den Brüdern zur Debatte steht, ist nichts Geringeres als die eine, nie gültig beantwortbare Existenzfrage: Ob einem Unschuldigen, also einem Kind, dieses Leben zumutbar ist.

Es ist nun, um zu verstehen, wie fein und klug Heinz Helle schreibt, wichtig zu bemerken, dass da kein Hauch von Zeugungspanik oder Zeugungsstolz gewöhnlicher Männergeständnisse zu spüren ist. Helle meidet die Klebrigkeit des genealogischen Prinzips mit der bewusst hergeholten Geschichte, der ältere Bruder habe sich in eine schwangere Prostituierte verliebt und entschieden, deren Kind aufzuziehen: "Du wirst ein guter Vater sein, sagte ich ihm, weil ich fest daran glaubte, dass die psychologischen Mechanismen, die das Mitverfolgen einer Schwangerschaft bei einem Mann in Gang setzen, vollkommen ausreichend sein müssten, um aus jedem Mann den entsprechend seiner Möglichkeiten besten Vater zu machen."

Das heißt aber wiederum auch nicht, dass es keine Rolle spielt, ob dieser Roman unter Männern spielt und von Männern handelt, wie übrigens auch schon Helles vorheriger Roman "Eigentlich müssten wir tanzen".

Seine Bücher sind merklich nicht mehr in Zeiten geschrieben, in denen über Männer reden hieß, über den Menschen zu reden. Es ist nur so, dass die männliche Perspektive hier eine relative, wackelige ist, wie jede andere. Was sich wiederum auch grammatisch daraus ergibt, dass über weite Strecken des Buches die Suaden des großen Bruders im Konjunktiv der indirekten Rede wiedergegeben werden.

Dazu kommt, dass die Verantwortungsangst des Kinderkriegens nicht als egoistischer Impuls dasteht. Sondern eigentlich als Gelegenheit, sich zu fragen, wie man mit dem Bösen und dem Blöden im Zusammenleben der Menschen umgehen soll, mit der Schuld, in die immer schon hineingeboren wird, zumal was ein deutsches Brüderpaar ist.

In dem großen Palaver lässt Helle Argumente ineinanderrauschen, die man in einem Essay womöglich als zu kurz gesprungen empfinden würde. Als betrunkene Argumente versteht man sie sofort. Wie jede Trinkerphilosophie taumelt die der Brüder zwischen heiligem Ernst und der Komik treuherziger Unmittelbarkeit. Die psychologische Fixierung des Älteren auf die Verbrechen Marc Dutrouxs provoziert etwa das politische Bekenntnis des kleinen Bruders, es sei "doch beinahe poetisch, dass die einzige wirklich halsbrecherische Reaktion auf Gewalt an Kindern eine unmenschliche ist, nämlich die Reaktion des Systems, und dass der Rechtsstaat in gewisser Weise eine Art Naturzustand bildet". Ja ja, aber, sagt der Ältere, "dann rücken die Gesetze plötzlich wie von selbst in den Raum, den die immer gleicher und gemeinschaftlicher werdenden einzelnen Bürger freigeben, und plötzlich ist man ein Volk, und dann steht man auf einmal mit vierhunderttausend anderen in der Steppe an der Wolga im Schnee und fragt sich, wann genau man falsch abgebogen ist".

Es ist nur wenig, was uns von Wildnis, Tod und Verderben trennt

Die Frage, ob die zwei Brüder sich vor dem Tod des Älteren noch wirklich werden verstehen können, verbindet sich durch ihre Gespräche mit der Frage, wie man den "großen, lauten, bunten, langweiligen Raum zwischen der Einsamkeit und dem Krieg" besiedeln kann. Und die Antwort darauf ist natürlich der Roman selber und das, was darin passiert: das Reden, die Sprache, die Erzählung, die Literatur.

Es wäre aber nicht Heinz Helles Stil, diese Erkenntnis so trivial stehen zu lassen. Er konzentriert sie vielmehr in einer mehrseitigen Meditation über den Mittelstreifen einer Fahrbahn, der nur durch Konvention die Menschen vor dem potenziell tödlichen Gegenverkehr anderer Menschen trennt. Ein simpler Strich, der besagt "hier soll niemand sterben, auf diesem Stück Teer hier vor meinem Fenster, und auch nirgendwo sonst, seid bitte vorsichtig". Bei diesem Anblick wird dem kleinen Bruder und Erzähler mit einem Mal klar, "welche Macht Schrift hat, Linien auf Flächen, und Punkte, und das, wofür sie stehen, Sprache, und die Spezies, die eine besitzt". Zugleich lässt die Betrachtung aber spüren, wie wenig uns von Wildnis, Tod und Verderben trennt, wenn es nur unsere Sprache ist, die paar diskreten Zeichen.

In der wahnsinnig rührenden letzten Szene des Romans überquert der Erzähler mit seinem eigenen Kind an der Hand eine viel befahrene Straße an einem Zebrastreifen, weil auf der anderen Seite die Tonnen stehen, in die man Altglas und Restmüll sortiert. Ein Alltagsmoment, an dem einem nach dem Sermon der Brüder plötzlich radikal auffällt, wie gefährlich das Leben unter den Menschen ist.

Heinz Helle: Die Überwindung der Schwerkraft. Roman. Suhrkamp, Berlin 2018. 208 Seiten, 20 Euro.

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