Proteste gegen Altaforte Turiner Buchmesse schließt rechten Verlag aus

"Ich bin Matteo Salvini" - das Interviewbuch mit dem stellvertretenden italienischen Ministerpräsidenten.

(Foto: Verlag Altaforte Edizioni)
  • Die Turiner Buchmesse hat den Mailänder Kleinverlag Altaforte ausgeschlossen.
  • Altaforte steht der politischen Bewegung CasaPound nahe, die einen "Faschismus des 21. Jahrhunderts" propagiert. Jüngste Neuerscheinung: ein Interviewbuch mit Innenminister Matteo Salvini.
  • Holocaust-Überlebende, Künstler und Intellektuelle hatten damit gedroht, die Messe zu boykottieren, sollte der Verlag auf der Messe vertreten sein.
Von Thomas Steinfeld

Jedes Jahr im Mai findet in Turin eine Buchmesse statt. Sie ist keine Geschäftsmesse, wie es die Frankfurter Buchmesse ist, sondern gleicht eher dem Pendant in Leipzig, mit viel Publikum und vielen öffentlichen Veranstaltungen. Auch verkauft werden darf dort. Zu den großen Themen der diesjährigen Messe gehört der hundertste Geburtstag Primo Levis: Im Verlag Einaudi erscheint der letzte Band der italienischen Gesamtausgabe, ein Bildband wird veröffentlicht, es wird eine prominent besetzte Podiumsdiskussion geben. Die Erinnerung an das Konzentrationslager Auschwitz, wo Primo Levi zwischen Februar 1944 und Januar 1945 inhaftiert war (was Gegenstand seiner autobiografischen Werke "Ist das ein Mensch" und "Die Atempause" ist), sollte leibhaftig zu Wort kommen: in Gestalt von Veranstaltungen mit Überlebenden sowie mit Vertretern der Gedenkstätte Auschwitz.

Rechte Symbolik und Parolen scheinen für CasaPound vor allem eine Stilidee zu sein

Aber dazu wäre es beinahe nicht gekommen. Am Montagabend erhielt die Stadt Turin einen Brief der Delegation aus Auschwitz. Darin heißt es: "Wir können von Überlebenden nicht erwarten, den Raum mit Menschen zu teilen, von denen die historischen Tatsachen in Zweifel gezogen werden, die zum Holocaust geführt hatten, mit Menschen, die ein faschistisches Gesellschaftsideal vertreten. Wir werden die Buchmesse verlassen, um die Stadt zu betreten." Anlass dieser Absage ist der Umstand, dass ein Mailänder Kleinverlag, der einer faschistischen Organisation zumindest nahesteht, mit einem Stand auf der Messe vertreten sein wird. Die spektakulärste Neuerscheinung bei Altaforte, so der Name des Verlags, wird in diesem Frühling ein Interviewbuch der Journalistin Chiara Giannini mit Matteo Salvini, dem Innenminister und führendem Kopf der fremdenfeindlichen Lega sein.

Die Absage fand in Italien ein großes Medienecho, in dessen Folge mehrere bekannte Intellektuelle und Künstler, darunter der Historiker Carlo Ginzburg, der Archäologe Salvatore Settis, die Schriftstellerin Helena Janeczek und das Autorenkollektiv Wu Ming, ebenfalls ankündigten, an der Messe nicht teilnehmen zu wollen. Die Turiner Ortsgruppe des Movimento 5 Stelle, des Koalitionspartners Matteo Salvinis in der italienischen Regierung, verlangten von der Leitung der Messe, den Verlag Altaforte von der Messe auszuschließen. Auch die Stadt Turin und die Region Piemont forderten das.

Am Donnerstag wurde nun bekannt, dass Altaforte von der Buchmesse ausgeschlossen wurde. Zunächst wollte die Messeleitung den Stand des Verlags von der Mitte der Messehalle in eine Randlage verlegen. Die Holocaust-Überlebende Halina Birenbaum bedankt sich für den Ausschluss in einem Video mit den Worten: "Nachdem ich Auschwitz überlebt habe, ist das für mich ein weiterer Beweis dafür, dass das Böse nicht siegen wird. Dies soll Italien, Europa und der ganzen Welt ein Beispiel sein."

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Altaforte ist kein Unternehmen wie der Verlag Antaios des neurechten Götz Kubitschek, und die CasaPound, die politische Bewegung, der Altaforte nahesteht, ist keine Pro-Bewegung. So hegt die CasaPound zwar eine große Vorliebe für Hakenkreuze, faschistische Parolen und martialische Auftritte. Im Wesentlichen aber scheint ihre Vorstellung von Rechtsextremismus in einer Stilidee zu bestehen, die sich an den Ornamenten des frühen italienischen Faschismus und am Futurismus orientiert, sich aber auch gerne von Zapatisten (Subcomandante Marcos) oder Zack Snyders Verfilmung des Comics "300" inspirieren lässt. Ein deutsches Phänomen wie das schwarze Kaspertheater der Rockgruppe Rammstein wäre in diesem Zusammenhang gut aufgehoben. Als ein Anhänger der CasaPound vor einigen Jahren in Florenz zwei fliegende Händler aus dem Senegal erschoss und drei weitere verletzte, wurde die Tat von der CasaPound als ein Akt von "Geisteskrankheit" erklärt: "Rassismus und Antisemitismus bringen uns zum Kotzen." Stattdessen propagiert die CasaPound einen "Faschismus des 21. Jahrhunderts", der viel mit Popkultur zu tun hat - im Unterschied zu einem eher konservativen Faschismus, wie ihn beispielsweise die Partei Fiamma Tricolore repräsentiert.

Entsprechend gestaltet sich das Verlagsprogramm von Altaforte. Neben Pamphleten wider einen angeblich existierenden anti-weißen Rassismus finden sich darin Schriften von Julius Evola, das Manifest des Unabombers und eine Biografie Charles Bukowskis. Publiziert werden Antoine de Saint-Exupéry und Gustav Meyrink. Dem spätromantischen Schriftsteller und Selbstdarsteller Gabriele d'Annunzio ist ein eigenes Segment des Programms gewidmet. Darüber hinaus werden Comics in großer Zahl angeboten. Francesco Polacchi, der Verleger, steht im Verdacht, bei einer Schlägerei mit linken Studenten im Herbst 2008 einen Mann lebensgefährlich verletzt zu haben.

Die Anzahl der Vorbestellungen für das Interviewbuch mit Matteo Salvini schoss durch die Berichte über den Skandal im Altaforte in die Höhe und übertrifft mittlerweile die Zahlen für den dreißigsten Band der Kriminalromane, die Andrea Camilleri dem sizilianischen Kommissar Montalbano widmet. Unterdessen kündigte der Journalist und Schriftsteller Roberto Saviano an, in jedem Fall an der Messe teilnehmen zu wollen: "Ich werde auf dem ,Salone del Libro' sein. Ich bin es gewohnt, meinen Körper zur Verteidigung meiner Worte einzusetzen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass der Körper den Worten eine Kraft verleiht, die sie anderenfalls nicht erreichen würden."

Außerdem wurde gegen den Verleger Polacchi ein Strafverfahren wegen Verteidigung des Faschismus eröffnet, nachdem dieser im Rundfunk erklärt hatte, er sei ein Faschist, und Mussolini sei ein großer italienischer Staatsmann gewesen. Auf den Ausschluss der Buchmesse reagierte Polacchi empört. "Wir sind weder Rassisten noch Antisemiten und wollen uns mit anderen auseinandersetzen". Er kündigte eine Klage gegen die Organisatoren an.

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