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Frankreich:Mutmaßungen über eine Legende

Kaouther Adimi: Was uns kostbar ist. Roman. Aus dem Französischen von Hilde Fieguth. Lenos Verlag, Zürich 2018. 224 Seiten, 19,90 Euro.

Lange war er ein Zentrum der Avantgarde, dann fast vergessen: Kaouther Adimis Roman über Edmond Charlot.

Von Cornelius Wüllenkemper

Wer sich heute in den verschachtelten Gassen von Algiers Altstadt verliert, wird in der versteckt gelegenen rue Hamani zwischen einem Pizzalieferdienst und einer Wäscherei auf ein winziges Ladenlokal stoßen. Auf dessen Schaufenster steht der provokante Satz: "Ein Mensch, der liest, zählt doppelt." Was wirkt, wie ein trotziger Werbeslogan des Buchhandels in Zeiten des Leserschwunds, ist in Wirklichkeit ein fast vergessenes Relikt der französisch-algerischen Geschichte. Der Franko-Algerier Edmond Charlot eröffnete in der 28 Quadratmeter großen heutigen Außenstelle der algerischen Nationalbibliothek im Jahr 1936 seine Verlagsbuchhandlung "Nos vraies richesses" ("Unsere wahren Schätze"). Erklärtes Ziel des damals gerade einmal Einundzwanzigjährigen war es, jungen Autoren aus "allen Mittelmeerländern ohne Unterschied in Sprache oder Religion, Leute von hier, von dieser Erde, diesem Meer" einen "Ort der Begegnung und Lektüre, gleichsam einen Ort der Freundschaft" zu bieten.

Charlots bis heute visionär wirkendes Projekt avancierte bald zum verlegerischen Zentrum der "France libre". Während die deutschen Truppen das nördliche Frankreich besetzten, gingen in dem winzigen Raum in der rue Hamani die großen Literaten der Zeit ein und aus: Albert Camus, André Gide, Jean Amrouche, Antoine de Saint-Exupéry und die spätere Widerstands-Ikone Jean Bruller alias "Vercors" publizierten bei Charlot ihre ersten Texte, die sich in ihren Schriften gegen die zunehmend national-konservative Zensur auflehnten. Bereits 1936 verlegte Charlot das zuvor in Algerien verbotene Theaterstück "Revolte in Asturien" über die Arbeiteraufstände in Nord-Spanien, das der 21jährige Albert Camus als "Essai de création collective" verfasst hatte. Die algerische Autorin Kaouther Adimi hat sich in ihrem in Frankreich preisgekrönten Roman "Was uns kostbar ist" nun erstmals auf die beinah verlorene Spur eines Verlegers begeben, der literarische und politische Geschichte schrieb.

In ihrem Roman verknüpft Adimi die algerisch-französische Vergangenheit mit der Gegenwart. Der junge Pariser Ingenieur Ryad ergattert als Einwandererkind ohne Jobperspektive einen Praktikumsplatz in Algiers Altstadt. Er soll das verlassene Ladenlokal von Charlots einstigem Verlag räumen, besenrein soll Ryad das Lokal übergeben, die Bücher, Papiere, Fotos und Regale entsorgen. Als Ryad die ersten Müllsäcke in der rue Hamani deponiert, bringt er das ganze Viertel gegen sich auf, bis er selbst an seinem Auftrag zu zweifeln beginnt. Neben der allwissenden Draufsicht auf Ryad und das heutige Algier lässt Adimi in ihrem Roman ein hintergründig raunendes "Wir" sprechen. Es sind die betagten Bewohner der Kasbah Algiers, die dabei zusehen, wie ihnen ihre Geschichte zwischen Kolonialzeit, Zweitem Weltkrieg, Algerienkrieg und dem "schwarzen Jahrzehnt" des Bürgerkriegs der Neunzigerjahre abhandenkommt. Zusammengehalten wird diese Doppelung von großer und kleiner Geschichte durch die fiktiven Tagebucheintragungen des Verlegers Edmond Charlot, in dessen winzigem Laden alle Fäden der Erzählung zusammenlaufen.

Wenngleich Kaouther Adimi den Passagen aus Charlots journal intime einen teils gestelzt erklärenden Ton andichtet, erfährt man doch sorgfältig recherchierte Details aus dem Leben eines Vollblutverlegers, der davon träumte, "Junges, von Jungen, für Junge" zu veröffentlichen. Mit nur ein paar Sous in der Tasche knüpfte Charlot ein Netzwerk von Unterstützern, Autoren und Lektoren und fand Druckereien, die für wenig Geld Texte, politisch missliebige Texte vervielfältigten. Neben chronischer Geldknappheit machte dem umtriebigen Verleger dabei zusehends der kriegsbedingte Papiermangel zu schaffen, sodass 1942 Albert Camus' "Der Fremde" bereits beim Pariser Verlagshaus Gallimard erschien. Zugleich litt Charlots ebenso kleine wie widerständige Verlagsbuchhandlung zusehends unter der Zensur des Vichy-Regimes. Als Gertrude Stein Charlot in Paris im gleichen Jahr als ihren "libertären Verleger des Widerstandes" lobte, wurde er auf Druck des Kollaborations-Regimes für drei Wochen inhaftiert.

Aus seinen Verdiensten als vielleicht wichtigster, unzweifelhaft aber mutigster Verleger des besetzten Frankreichs hat Charlot später keinen Nutzen gezogen. Nach dem Krieg drängten seine einstigen Mitarbeiter in Paris den Verlagsgründer aus dem Geschäft. In Algier gründete Charlot später weitere Buchläden und überlebte im Unabhängigkeitskrieg nur knapp zwei Bombenattentate der Terror-Gruppe OAS, was er lakonisch mit "die Saukerle!" kommentierte. Im Jahr 2004 verstarb Edmond Charlot schließlich verarmt in einem südfranzösischen Alpendorf fast unbemerkt von der Öffentlichkeit. In "Was uns kostbar ist" erzählt Kaouther Adimi die Geschichte eines Verlegers, der sich politischen Opportunitäten, dem Zugriff der Zensur und den Zwängen der Marktwirtschaft konsequent entzog.

© SZ vom 20.11.2018

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