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Buchkritik zu "Hoffnung Mensch":Empathie birgt Risiken

In seinem Auffrischungskurs für die Allgemeinbildung häuft Schmidt-Salomon einen Beleg auf den anderen, dass der Mensch fähig sei zu Schönem und Großem. Und er schildert dies mit ansteckender Begeisterung. Besonders angetan hat es ihm offenbar die Musik, der er sich ähnlich ausführlich und detailliert widmet wie der Technologie - und zwar ohne eine Richtung zu bevorzugen.

Die Musik habe gerade auch außerhalb der etablierten Pfade der Klassik grandiose Formen angenommen, die einen Vergleich mit traditionellen Formen der Kunstmusik nicht scheuen müssen. "Wer mit offenen Ohren durch die Welt geht, wird in nahezu allen Genres musikalische Perlen entdecken können, die entweder von zeitloser Schönheit sind oder - was vielleicht noch wichtiger ist, denn Kunst muss nicht immer 'schön' sein - ein bestimmtes Lebensgefühl, eine bestimmte Haltung zur Welt, in absolut stimmiger Weise zum Ausdruck bringen."

Doch die vielleicht wichtigste Eigenschaft des Menschen, auf die der Philosoph seine Hoffnungen für die Zukunft gründet, ist die Empathie. An unser Mitgefühl appellieren Politiker und Religionsführer seit Alters her. Doch Schmidt-Salomon sieht auch die Schattenseiten: Empathie birgt Risiken. Sie erhöht das Gefühl der Zusammengehörigkeit innerhalb von Gruppen. Zugleich verstärkt sie so die Abgrenzung gegenüber allen Außenstehenden. "Gerade das besondere Mitgefühl gegenüber den Mitgliedern der eigenen Gruppe hat immer wieder zu grausamer Gewalt gegenüber Mitgliedern anderer Gruppen geführt", stellt Schmidt-Salomon fest. Es ist demzufolge auch nicht verwunderlich, dass in der Geschichte zum Beispiel die religiös begründete "Nächstenliebe" und tödlicher "Fernstenhass" immer wieder gemeinsam auftraten.

Aber auch wenn die Religionen bislang daran gescheitert sind - mit den Erkenntnissen zur Empathie sollte sich dieser "moralische Dualismus" kulturell beeinflussen lassen. Der "Kreis der Empathie" könne wachsen, wenn wir lernen, in wirklich allen Menschen Spiegelbilder unserer selbst zu sehen. So kann sich neben der Nächstenliebe auch die "Fernstenliebe" entwickeln. Das aber wird Auswirkungen haben auf unser Bedürfnis nach Gerechtigkeit für alle. Und zwar im Diesseits, nicht erst am Tag des Jüngsten Gerichts oder in einer anderen Inkarnation.

Schmidt-Salomon analysiert "Sein", "Sosein" und "Bewusstsein" und wagt sich dann in den Bereich des "Könnte-Sein". Er skizziert die großen Probleme der Menschheit wie die ökologische Zerstörung, die ökonomischen Fehlentwicklungen, Kriminalität, Krieg, soziale Ungleichheit, Krankheiten, Bevölkerungswachstum - und erklärt sie angesichts der menschlichen Fähigkeiten für lösbar. Seine Vorstellungen etwa von den Reformen der Finanzwelt und sein Optimismus in Bezug auf die Gentechnik werden bei den jeweiligen Experten jedoch auf Skepsis und Kritik stoßen.

Amen in Klammern

Und er schreibt sich auch hier in eine solche Begeisterung für den Menschen und eine so große Hoffnung auf ein Reich der Menschlichkeit hinein, dass ihm Joachim Kahl ein realitätsfernes, teleologisches Wunschdenken vorwirft. Der endgültige Sieg der Wahrheit über die Lüge oder des Mitleids über die Gewalt, an den Schmidt-Salomon glaubt, wäre Kahl zufolge ein naturwidriges "eschatologisches Wunder". Schließlich hätten wir gute und auch böse Anlagen. Aber kommen wir diesem Wunder nicht mit jeder einzelnen Entscheidung jedes Menschen gegen die Lüge und die Gewalt ein wenig näher?

Natürlich gründet Schmidt-Salomons Überzeugung, dass eine bessere Welt möglich ist, nur auf Hoffnung, auch wenn sie gut begründet ist. Das macht ihn zu einem Gläubigen. Und das räumt er mit seinem Credo ein und betont es mit seinem Amen. Doch dieses Amen ist nicht identisch mit dem religiösen "So sei es". Er beruft sich nicht auf überirdische Wesen und Prophezeiungen, sondern stützt seine Hoffnung auf das gegenwärtige Wissen, allzeit bereit, neue Erkenntnisse zu berücksichtigen.

Deshalb setzt er sein ganz persönliches Amen vorsichtig in Klammern. Er hatte keine Offenbarung, er ist nicht zum Paulus geworden und versucht sich nicht an Heilsversprechen. Aber er zeigt auf, dass es sie tatsächlich auch jenseits aller Religionen gibt: Glaube, Hoffnung, Liebe.

Michael Schmidt-Salomon: "Hoffnung Mensch - Eine bessere Welt ist möglich". Piper Verlag 2014. 368 Seiten. € 19,99. ISBN: 978-3-492-05608-3