Buchheim Museum Bizarre Welten

Der Kunstsammler Lothar-Günther Buchheim wäre am 6. Februar 100 Jahre alt geworden. Eine Ausstellung würdigt sein Leben und Werk

Von Sabine Reithmaier

Schwer zu sagen, welche der Wunderkisten am meisten Spaß macht. Vielleicht der Kleiderschrank, der Lothar-Günther Buchheims abgenutzte Jacken und ausgebeulte Hosen birgt. Während man auf das zerschlissene Zeug starrt und überlegt, wie viele Millionen der exzentrische Kunstsammler auf seinen Konten liegen hatte, ertönt lautes Lachen. Eindeutig Buchheims Lachen. Spätestens an dieser Tür versteht man, was Museumsdirektor Daniel J. Schreiber mit "Geisterbahn" gemeint hatte, als er das Konzept der Ausstellung "Übertragungen" erläuterte. Ein wahrlich würdiges Geburtstagsgeschenk, das das Bernrieder Museum der Phantasie seinem Gründer, der am 6. Februar 100 Jahre alt geworden wäre, mit dieser witzigen Inszenierung macht.

Auf einem schmalen Steg wandelt man durch Buchheims Welten. Vorbei an der originalen blauweißen Haustür der Feldafinger Villa, die zwar den Anfang der Ausstellung, nicht aber deren Eingang bildet. 1940 war Buchheim nach Feldafing gezogen. Erst in eine kleine Wohnung, bevor er sich 1955 mit seiner zweiten Frau Diethild das Haus in der Johann Biersack-Straße 23 kaufte, das er mit Hilfe des Künstler-Architekten Rupprecht Geiger zu einem Wohn- und Verlagsgebäude umbaute. Lothar-Günther Buchheim starb 2007, seine Witwe folgte ihm 2014. Obwohl die Gemeinde Feldafing, die einst das Buchheim-Museum nicht haben wollte, das Haus als Gesamtkunstwerk gern erhalten gesehen hätte, stand bald fest, dass das Haus nicht zu retten war. Trotzdem sollte so viel wie möglich im ursprünglichen Zusammenhang gerettet und ins Museum gebracht werden.

Einen Blick in die Lebenswelt des leidenschaftlichen Sammlers Lothar-Günther Buchheim gewährt die Ausstellung „Übertragungen“ in Bernried.

(Foto: Florian Holzherr)

Rajka Knipper, der stellvertretenden Museumsleiterin, oblag es, sich durch das Haus zu wühlen und den Fundus zu sichten. Nicht alles war zu retten, der Schimmelbefall einfach zu hoch, die Reinigung der Gegenstände und Kunstwerke entsprechend kostspielig. Doch die verdichtete und kompositorisch witzig zugespitzte Rekonstruktion, die, ergänzt durch "Wunderkisten", jetzt im Untergeschoss des Museums zu sehen ist, verrät viel über Buchheim und seine Art zu denken.

Der Empfangsraum ist - wie in Feldafing - vollgestellt mit chinesischen Vasen und Dosen, Holzfiguren und Glasblumen. Hier mussten Besucher warten, bis der Hausherr sie zu empfangen geruhte. Sogar Teile der Wandbemalung des Cartoonisten Hans Fischer haben den Umzug überstanden: Tür, Schacht und Regalwand sind original, den Rest hat der Münchner Maler Klaus Staps rekonstruiert, einschließlich der Fehler in der perspektivischen Darstellung.

In der "Kommandozentrale", dem Arbeitszimmer, steht Buchheims Schreibtisch, ein altes Holzbrett auf Stahlrohrgestell, davor ein billiges Resopal-Campingtischchen. Hier saßen schon Bundeskanzler Gerhard Schröder oder Ministerpräsident Edmund Stoiber, ließen sich bei einer Tasse Tee von Buchheim vermutlich die Welt erklären, wagten, umgeben von 50 000 Büchern, bestimmt keinen Widerspruch. Die großen Regale aus der Diele im Erdgeschoss, hier wieder im Original aufgebaut, fassen nur einen Bruchteil der riesigen Privatbibliothek.

Lothar-Günther Buchheim

(Foto: imago/Guido Krzikowski)

Lesen passt natürlich auch gut zu Buchheim im Gegensatz zum Fernsehen, weshalb er das Gerät in einem Bauernschrank in der Dachkammer versteckte. Wenn der Kunstsammler unbedingt etwas sehen wollte, lud er sich bei Nachbarn ein. Er hatte offiziell kein Gerät, Gebühren wollte er auf keinen Fall zahlen.

Bescheiden, was das Mobiliar betrifft, ist auch das Esszimmer des Sammlerhaushalts: ein mickriger Gartentisch, billige Plastikstühle. Rundherum aber dekorative Kunst im Überfluss, ergänzt durch Karussellpferde, Paperweights, ausgestopfte Vögel und eine holzvertäfelte Wand mit Zirkusmotiven. Der Legende nach wurde sie in einer einzigen Nacht von Buchheim und dem belgischen Comic-Autor Maurice Rosy bemalt.

Vorbei am "Kaffeehaus", das man zwecks Kunst-Überflutung eigentlich nie nutzen konnte, hin zu den Verlagsräumen. "Kauft Buchheim-Bücher und Buchheim bleibt gesund" - ein wirklich passender Werbespruch, der an der Wand hängt, das Mobiliar übrigens auch hier schäbig. Den Weg zu Erinnerungen, die Lothar-Günther Buchheim gern verdrängt hätte, öffnet einen Spaltbreit die rostfarbene Eisentür, die ursprünglich den Bunker im Garten verschloss: Dahinter sieht man ein großes Foto, das Heinrich Lehmann-Willenbrock, das Vorbild für den "Alten" in "Das Boot" zeigt. Er trägt Geneviève Militon, Buchheims erste Frau, eine Treppe hinab. Eine Beziehung, die Buchheim wohl ziemlich verunsicherte.

Dafür versteckte er in der Besenkammer unter der Treppe Zeugnisse seiner Malleidenschaft. Beim Aufräumen entdeckte man dort drei berühmte Ölgemälde, eines von Karl Schmidt-Rottluff, zwei von Ernst Ludwig Kirchner. Leider nur Kopien, die aber immerhin von Buchheims Bemühungen zeugen, auch malerisch an die Kunst der "Brücke" anzuknüpfen.

Haus Buchheim: Übertragungen; Samstag, 3. Februar, freier Eintritt für alle Feldafinger und Bernrieder; Dienstag, 6. Februar, freier Eintritt für alle von 15 Uhr an, Buchheim Museum, Am Hirschgarten 1, Bernried am Starnberger See