bedeckt München

Berlin:Altar für einen Buchhändler

Buchhandlung Knesebeck

Als sei jemand für immer gegangen: die Buchhandlung Knesebeck in Berlin.

(Foto: Peter Richter)

Vor der "Knesebeck Elf" gedenken seine ehemaligen Kunden Leo Baumanns, des knorrigen Buchhändlers, der nur Philosophen und Kinderbücher im Sortiment hatte.

Von Peter Richter

Jetzt gibt es auch in Berlin einen kleinen Spontanaltar aus Blumen und Kerzen und Herzen und Briefen der Trauer sowie auch des Danks. Es sieht ein bisschen aus wie vor dem Kensington Palast nach dem Tod von Lady Di oder an der Michael-Jackson-Gedenkstätte in München. In Charlottenburg aber wird um einen Buchhändler getrauert. Leo Baumann hieß der Mann. Und wer je in seinen Laden trat, der schlicht nach der Anschrift benannt war, nämlich "Knesebeck Elf", der wird den Anblick nie vergessen: ein kahler, runder Kopf auf einem blütenweißen Hemd, verbarrikadiert hinter Bücherstapeln, die Fragen hinsichtlich der Statik aufwarfen, hinsichtlich des Anspruchs aber keine offen ließen: Es war praktisch stadtweit bekannt, dass hier besser nicht nach dem Falschen fragte, wer nicht von einem endlos traurigen Blick gedemütigt wieder aus dem Laden schleichen wollte.

Nach populären Sachbüchern zum Beispiel oder Schmökern aus den Bestsellerlisten. Bei Baumann bekam man nur, was Baumann mochte, nämlich entweder Philosophie und Geschichte oder Kinderbuchklassiker: Habermas, Hegel und Hans Guck-in-die-Luft, Peter Sloterdijk und Peterchens Mondfahrt. Romane? Ja, aber dann mussten sie von Stendhal sein. Oder wenigstens Umberto Eco. Es war das exakte Gegenteil einer Kettenbuchhandlung und zog ein Publikum an, das verschiedene Hegel-Biografien gegeneinander abwägen wollte und regelmäßig schauen ging, ob Suhrkamp wieder was aus dem Nachlass von Hans Blumenberg herausgebracht hat.

Touristen kamen manchmal rein, weil eines der beiden Schaufenster komplett mit prächtigen Adventskalendern dekoriert war, ganzjährig, was dem Laden etwas latent Katholisches gab, auch wenn die Bibel, die Baumann wie eine verlegerische Saisonsensation im Schaufenster drapiert hatte, die Übersetzung von Luther war. Ökonomisch muss dieser Ansatz leider ähnlich instabil gewesen sein wie die Bücherstapel an der Kasse. Keiner weiß, was Baumann den Infarkt versetzt hat, an dem er kurz vor Silvester plötzlich verstarb, Finanzsorgen oder ein Kunde, der roh nach Krimis verlangte. Was bleibt, sind jetzt nur die beiden Schaufenster hinter den Kerzen: ein verblassender Flügelalter zu den Themen Schönheit und Bildung.

© SZ/alex
Zur SZ-Startseite
Neue Bücher

SZ PlusKultur in der Pandemie
:Öffnet die Buchläden

Von Montag an kann man vielerorts endlich wieder Fuchsien und Klodeckel kaufen. Aber keine Literatur. Warum nicht?

Von Kurt Kister

Lesen Sie mehr zum Thema