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Buchbranche:Sparen statt fahren

Der Diogenes-Verlag in Zürich ist ein echter Bestseller-Verlag, von Donna Leon bis Paulo Coelho. Ist der ungünstige Kurs des Schweizer Franken daran schuld, dass der Verlag in diesem Jahr auf die Frankfurter Buchmesse verzichtet?

Zu den meistverkauften Büchern der vergangenen Monate gehören die Romane "Montecristo" von Martin Suter und "Kindeswohl" von Ian McEwan. Veröffentlicht werden sie vom Diogenes Verlag in Zürich, einem Unternehmen, das vor allem mit der Veröffentlichung von anspruchsvoller Unterhaltung zu einem der erfolgreichsten Verlage im deutschen Sprachraum überhaupt wurde. Patrick Süskinds "Das Parfum", Bernhard Schlinks "Der Vorleser", die Kriminalromane von Donna Leon, die Erbauungslehren von Paulo Coelho - alle diese Bücher erschienen bei Diogenes. Fast 200 Millionen Exemplare sollen es seit der Gründung des Hauses im Jahr 1953 geworden sein. Das Frühjahr 2015 ist für den Schweizer Verlag eine erfolgreiche Saison, der Jahresumsatz liegt irgendwo jenseits von sechzig Millionen Franken, und wenn man sich, so knapp die Margen im Buchhandel auch geworden sein mögen, eines nicht vorstellen kann, dann ist es, dass ausgerechnet diese Firma in wirtschaftliche Not geraten sei.

Um so mehr überrascht die Nachricht, der Diogenes Verlag habe seine Teilnahme an der diesjährigen Buchmesse in Frankfurt abgesagt, aus finanziellen Gründen. Der hohe Kurs des Franken sei für diese Entwicklung verantwortlich, heißt es aus dem Verlag, er habe die Kosten so emporgetrieben und die Einnahmen so vermindert, dass man sich zu dieser "Sparmaßnahme" entschlossen habe, "um ein gesundes Unternehmen zu bleiben und unsere Planungssicherheit gewährleisten zu können". Kündigungen unter den 65 Angestellten sollen allerdings nicht drohen. Die Schweizerische Nationalbank hatte Mitte Januar die Bindung des Franken an den Euro durch einen Mindestkurs aufgegeben, wodurch der Franken im Verhältnis zum Euro um etwa zwanzig Prozent teurer wurde. Die beiden Währungen stehen sich gegenwärtig etwa gleichwertig gegenüber.

Selbstverständlich verringert sich die Ertragslage eines Schweizer Verlags durch eine solche Veränderung des Wechselkurses. Denn seine Kosten fallen mehrheitlich im eigenen Land und in der eigenen Währung an: die Angestellten, die Räume, zumindest große Teile von Herstellung, Vertrieb und Werbung. Dem steht gegenüber, dass fast alle Einnahmen in Euro abgerechnet werden: Diogenes verkauft etwa neunzig Prozent der gesamten Produktion in Deutschland und Österreich, und wenn es bei anderen Schweizer Verlagen weniger sein sollte, dann nur in geringem Maß. Der Gewinnanteil, der bei jedem verkauften Buch im Verlag zurückbleibt, verringert sich also bei diesen neunzig Prozent um ein Fünftel.

Hinzu kommt, dass Internet-Buchhandlungen, allen voran Amazon, aus Deutschland in die Schweiz liefern, zu deutschen Preisen (oft noch billiger, weil es in der Schweiz keine Preisbindung für Bücher gibt), wodurch auch die Marge bei den verbliebenen zehn Prozent bedroht ist. Es hat also seinen Grund, wenn Stefan Fritsch, der kaufmännische Geschäftsführer bei Diogenes, schon im Februar erklärte, man werde in diesem Jahr eine "einstellige Millionenzahl" weniger ausgeben können.

Ob deswegen ausgerechnet auf die Teilnahme an der Frankfurter Buchmesse, dem mit Abstand größten Treffen der Buchbranche überhaupt, verzichtet werden muss? Diese Entscheidung verdankt sich vermutlich nicht nur strengem Rechnen. Es dürfte für einen Verlag wenige Sparmaßnahmen geben, die so wenig kosten und so viel Aufmerksamkeit erreichen - zumal die Buchmesse sich schon seit einigen Jahren von einer geschäftlichen Veranstaltung, bei der Rechte gehandelt, Projekte entwickelt, neue Partner gefunden und alte Verbindungen gestärkt werden, zu einem kulturellen und sozialen Ereignis wandelt. Für Diogenes, ein Unternehmen, das hohe Umsätze mit einer überschaubaren Zahl von beständigen Autoren erwirtschaftet, mag die Frankfurter Messe mehr noch als für andere Verlage ein Engagement sein, das einem gewissen Belieben unterworfen ist: Schon mehrmals, zuletzt zwischen den Jahren 1979 und 1983, war Diogenes der Messe ferngeblieben. "Muße statt Messe" lautete damals die Begründung.