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Buch zur Geschichte der USA:Feminismus zwischen Discomusik und Aids

Bernd Stöver versteht es, Vergangenes an die Gegenwart anzubinden. Er referiert einige Verfassungsprinzipien und erwähnt bei dieser Gelegenheit, dass Washington einzelne Bundesstaaten kalt in den Bankrott gehen lässt, die über ihre Verhältnisse gelebt haben. Mit Respekt registriert man, wie es ihm gelungen ist, sein Werk bereits mit einer passablen Würdigung der bisherigen Amtszeit Barack Obamas abzurunden, oder wie er neueste Daten untergebracht hat, etwa den Prozentsatz übergewichtiger Amerikaner für das Jahr 2o12. Das Buch enthält die Nachricht über einen chinesischen Dissidenten, der im Mai dieses Jahres in die USA emigrieren durfte. Kompliment an den Verlag C. H. Beck, der sich in dieser Hinsicht abhebt von der Trödelei anderer Verlagshäuser.

Ziemlich nonchalant abgehakt

Dass ein Werk dieser Dimension einige sachliche Fehler enthält, ist nicht weiter verwunderlich. Das puritanische Erbe wurde vom Verfasser allein schon deshalb überstrapaziert, weil er die Prädestinationslehre mit dem Glaubenssatz von der Rechtfertigung durch gute Werke verwechselt. Oder: Es ist falsch, Federalist mit Föderalist zu übersetzen. Und: Die Mormonensekte entstand nicht in Europa. Ungleich problematischer ist die Gewichtung bestimmter Inhalte, die Abwesenheit ganzer Komplexe oder die Nennung von Randfiguren, während bedeutende Kulturträger unberücksichtigt bleiben.

Von einem Werk mit dem Untertitel "Geschichte und Kultur" dürfte man erwarten, dass dem Dreigestirn des Pragmatismus - John Dewey, Charles S. Peirce, William James - mehr als zwei Sätze gewidmet werden. Der eine Satz über Ralph Waldo Emerson enthält wenigstens eine Aussage, während es über Edward Hopper nur heißt: "Ein weiterer berühmter Vertreter war Edward Hopper." Der Kulturbeitrag der Amerikanerin wurde nicht ganz vernachlässigt, aber doch ziemlich nonchalant abgehakt. Kein Historiker muss sich zu den Zielen der herstory bekennen - doch den radikalen Feminismus einzwängen zwischen zwei Absätze über Discomusik und Aids?

Namen sind Nachrichten, aber war es nötig, sämtliche Mitverschwörer des Lincoln-Attentäters namentlich aufzuführen? Den peripheren deutschen Nazi Frank Spanknöbel oder die Rockgruppe ZZ Top aus Texas zu nennen, aber den Architekten Frank Lloyd Wright oder den Sprachforscher Noam Chomsky unerwähnt zu lassen? Dreimal Friedrich Gerstäcker, keinmal William Faulkner. Die Verlagswerbung spricht von einer Histoire totale. Das trifft auf den Kulturbereich nicht zu.

Doch wesentlich vollständiger und überzeugender ist, was Bernd Stöver über Politik, Wirtschaft, Militär und Gesellschaft zu sagen hat. Auf diesen Feldern kann man von einem einbändigen Werk über die Geschichte der Vereinigten Staaten vernünftigerweise nicht mehr verlangen.

Bernd Stöver: United States of America. Geschichte und Kultur. Von der ersten Kolonie bis zur Gegenwart. Verlag C.H. Beck, München 2012. 763 Seiten, 29,90 Euro.