Buch von Jonas Jonasson Dieses Buch ist auf Platz eins der Bestseller-Liste

In der ersten Woche nach Erscheinen landete sein neuer Roman schon auf Platz eins der Bestsellerlisten: Der schwedische Autor Jonas Jonasson.

(Foto: dpa)

Unglaubliche Gestalten, schaurige Ereignisse, heftige Wendungen: Jonas Jonassons neuer Roman erzählt von Mord und Totschlag in gemütlicher Atmosphäre. Auf ein paar Pointen hätte er verzichten können.

Buchkritik von Thomas Steinfeld

Vor dreißig, vierzig Jahren gab es in Schweden einen volkstümlichen Liedermacher namens Cornelis Vreeswijk. Er hätte überwältigenden und dauerhaften Erfolg erringen können, wäre er ein wenig verlässlicher gewesen. Aber er war ein Trinker und ein Liebhaber von Stimulanzien aller Art. Er trug sein Geld in Plastiktüten mit sich und missachtete das Finanzamt. Er prügelte sich und landete mehrere Male im Gefängnis. Er las nichts lieber als einen alten amerikanischen, in Schweden aber bis auf den heutigen Tag beliebten Comic mit dem Titel "The Phantom". Zu seinen heute noch gespielten Liedern gehört eine Moritat, die angeblich der letzte in Schweden hingerichtete Mann auf dem Weg zum Schafott singt: "Mörder Anders, das bin ich, das bin ich . . . Gemordet hab' ich vier Männer, vier Männer".

Den Schluss einer jeden Strophe bildet der schnoddrige Ausruf "ta mig fan" - "hol mich der Teufel", worauf das Publikum jedes Mal lacht. Aus diesem Lied und diesen Gestalten, also nicht nur dem Mörder Anders, sondern auch dem Sänger Cornelis Vreeswijk, scheint der schwedische Schriftsteller Jonas Jonasson einige der wichtigsten Motive seines dritten Romans bezogen zu haben: "Mörder Anders und seine Freunde nebst dem einen oder anderen Feind" heißt das Werk, das in diesen Tagen auf Deutsch erschien und sofort den ersten Platz der Bestsellerliste erreichte.

Lauter Pointen bei gemütlicher Stimmung

Denn eine Moritat ist dieses Buch, nicht nur wegen der 72 Kapitel, die jeweils wie geschlossene Episoden einer fortlaufenden Geschichte aufgebaut und meist so kurz sind, als wären sie Strophen. Sondern auch, weil es in diesem Roman um lauter unglaubliche Gestalten, schaurige Ereignisse und ebenso heftige wie wenig plausible Wendungen geht, die allesamt etwas mit Tod und Teufel, Geld, Rausch und Gott (meist vertreten durch diverse Individualteufel) zu tun haben.

Und schließlich, weil die Geschichte in einem von den erzählten Ereignissen offenbar unbeeindruckten, unbedingt einheitlichen und an den Zuhörer adressierten, auf Pointen in kurzen Abständen berechneten Tonfall vorgetragen wird - zu dem man sich durchaus die Schautafeln vorstellen kann, die historisch zum Bänkelsang gehören.

Dass dieses Genre keineswegs anachronistisch ist, dass man im Gegenteil noch einige beunruhigende Dinge mit ihm anstellen kann, zeigte zum Beispiel der Sänger Nick Cave im Jahr 1994 mit seinem Album "Murder Ballads". Doch ins Morbide treibt es Jonas Jonasson nicht, ja nicht einmal ins dezent Unheimliche. Stattdessen bettet er die Gewalttaten in eine Atmosphäre, die man auf Schwedisch "mysig" nennt - was etwa "gemütlich", "geborgen", "klein" und "Freitagabend in Jogginghosen" bedeutet. Eine schnuckelige Moritat allerdings ist, wenn nicht ein Widerspruch in sich, so doch zumindest eine nur bedingt haltbare Ermäßigung der existenziellen Spannung, von der diese Liedform lebt.

Mörder Anders und zwei weitere Protagonisten

Drei Helden hat das Buch, die, als sie zusammenfinden, eine erstaunliche kriminelle Karriere durchlaufen. Der erste ist Per Persson, "der Rezeptionist" genannt, ein allseits im Stich gelassenes Kind, das - der fortgeschrittensten Bürokratie der Welt zum Trotz - sein Leben als schwarze Arbeitskraft im Empfang zuerst eines billigen Bordells und dann eines heruntergekommenen Hotels fristet.

Auf einer Parkbank trifft er Johanna Kjellander, eine - der arbeitnehmerfreundlichsten Sozialgesetzgebung der Welt zum Trotz - fristlos gekündigte und bald obdachlos gewordene Pastorin, die Butterbrote und Himbeersaft schnorrt.

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Der dritte Held schließlich ist der "Mörder Anders", der, mit drei Menschen auf dem Gewissen (das er nicht besitzt) und frisch aus dem Gefängnis entlassen, aus einer illegitimen Verbindung des Räubers Hotzenplotz mit Vincent Vega, dem Auftragsmörder in Quentin Tarantinos Film "Pulp Fiction", hervorgegangen zu sein scheint.

Diese drei Verlierer nun vereinen ihre Talente, woraus ein unschlagbares Team entsteht: Die Pastorin denkt und redet (gern in Gestalt von Bibelzitaten, siehe "Pulp Fiction"), der Rezeptionist rechnet und plant (ohne Finanzamt, und das liest "The Phantom"), während der Mörder handelt (Rotwein, Schlafmittel, Schlägereien, Geld in Tüten). Er tut es nicht immer zum eigenen Vorteil.