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Buch über neue Protestformen:Der Schock, als die alte Eiche starb

Die Philosophin Eva von Redecker nimmt die Natur in Dienst.

Von Philipp Bovermann

Sie sei in einer Zeit groß geworden, "in der alles wimmelte vor Vögeln und Insekten" schreibt Eva von Redecker, in der Vergangenheitsform. Die Philosophin, 1982 geboren, hat ihre Kindheit auf dem Biobauernhof der Eltern verbracht. In dem Buch, in dem sie zur "Revolution für das Leben" aufruft, berichtet sie, wie sie heute immer wieder jungen Klimaaktivisten gegenübersteht, deren Klugheit und Entschlossenheit sie überwältige, trotzdem befalle sie manchmal ein "melancholischer Maternalismus": "Sie kennen doch die Natur gar nicht, die sie beschützen wollen."

Die Natur ist in von Redeckers Denken eine Quelle der Verlässlichkeit, ein zuverlässiger Rhythmus, der aus dem Takt geraten ist. Eine neue, mit dem Lineal gezogene Konstante hat sich quer durch "das Leben" gebohrt: der Kapitalismus, eine aus ihrer Sicht trennende Kraft, die alles, was sie berührt, in Profit und Abfall zergliedert und ihr Objekt dabei erschöpft, wenn nicht gar tötet. Von Redecker sieht gegenwärtige politische Kämpfe - ökologische, feministische, antirassistische und antikapitalistische - als unterschiedliche Formen des Widerstands gegen diese elementare Ausbeutungslogik und möchte sie auf ein gemeinsames theoretisches Fundament stellen.

Marxismus und Kapitalismus degradieren die Welt zum Material

Dieses Fundament wiederum stützt sie nicht auf dialektische Beweisführung, sondern auf ein wildwucherndes Wurzelwerk aus Naturempfindungen und Beschreibungen anarchischer, man könnte sagen: organischer Organisationsformen, die sie zur Nachahmung empfiehlt. Die Philosophin lässt sich von der Biobäuerin in ihr das Sonnenlicht zeigen. Sie lässt sich vom Rhythmus der Gezeiten inspirieren, von jener "verlässlichen Reihenfolge", "in der im Frühjahr die Kräuter am Wegesrand zu blühen begannen", von "ganz einfachen und konkreten Lebensvollzügen".

Diese politische Philosophie wurzelt also halb in der Naturphilosophie, halb im Naturgefühl - in jenem dunklen, vermeintlich urwüchsigen Ideenbezirk unter der politischen Diskursoberfläche, wohin aktuell zahlreiche antimodernistische Sehnsüchte streben und wo möglicherweise sowohl das Zerstörerische als auch das Rettende wächst. Der Faschist Björn Höcke fantasiert in "Nie zweimal in denselben Fluss" ausgiebig von der stärkenden, den Schmutz der Gegenwart überwindenden Natur, "nicht irgendeiner abstrakten, dem Menschen gegenüberstehenden Umwelt, sondern ganz konkret der zu hegenden Wälder, Wiesen, Felder, Tiere und Pflanzen unserer Heimat".

Die erhabenen, romantisch-affirmativen Qualitäten der Naturerfahrung sind der linken Naturphilosophie seit Walter Benjamin suspekt. Auch die philosophische Naturbeobachterin von Redecker zeigt sich, anstatt gestärkt aus dem Wald hervorzugehen, erschüttert von seinem Sterben. Sie berichtet, wie sie "am Rand eines vertrauten Ackers" eine dreihundertjährige Eiche am Befall durch Prozessionsspinner sterben sah. Der Tod ihres Vaters habe sie traurig gemacht, den Tod der Eiche aber habe sie als einen "Schock" empfunden, der "keine Einsicht in tiefere Wahrheiten" über Leben und Vergehen ermögliche, "höchstens immer neue Schocks". Trauer ziele in letzter Instanz auf die Akzeptanz des Verlusts. "Hiermit können wir uns aber gerade nicht arrangieren."

Beim Schock bleibt es also nicht, aber von Redecker fragt sich, warum viele Menschen diesen Schock nicht empfinden, diese Trauer über das rasante Verschwinden der Lebensgrundlagen. Sie konstatiert, recht frei Hannah Arendt lesend, der Kapitalismus habe zu einem "Weltverlust" geführt. Der Grund dafür sei der moderne Eigentumsbegriff. Der Eigentümer besitze "neben Nutzungs- und Übereignungsrechten auch das ius abutendi, das Recht zum Missbrauch seines Eigentums". Im Code Napoléon sei nach der französischen Revolution die "Despotie" der Eigentümer erstmals explizit als Recht festgeschrieben worden. Auch die marxistische Revolution kommt bei ihr nicht gut weg. Dort wurde nur der Privatbesitz an Produktionsmitteln, aber nicht der Privatbesitz überhaupt aufgehoben. Der Marxismus degradiere daher, ebenso wie der Kapitalismus, "die Welt in unseren Händen zum Material". Dadurch gerate "die Lebendigkeit des Ganzen aus dem Blick".

"Die Kenner_innen des Waldes strecken ihre Wurzeln aus."

Schwer, dem zu widersprechen. Nur: Was ist "das Ganze"? Und wie gerät seine Lebendigkeit zurück in den Blick? Auf die Heidegger-Methode, durch Wanderungen im Schwarzwald? Durch eine Gummistiefel-Tour über eine ökologisch bewirtschaftete Weide? Von Redecker biegt an den Stellen, an denen man sich darüber Auskunft erhofft, ins Metaphorische ab, in Bilder des Waldes, des stürmischen Meeres und "in wilder Verbundenheit" über Myzele kommunizierender Pilze. Die Rückverbindung des Menschen mit der Natur setzt sie kurzerhand als bereits vollzogen voraus, in Gestalt der jungen Protestbewegungen, in denen sich, ihr zufolge, das Leben selbst gegen seine drohende Auslöschung auflehne. Etwa wenn Aktivisten von "Ende Gelände" Braunkohlegruben besetzen und gegen die Abholzung des Hambacher Forsts protestieren. "Die Herrscher der Gruben sehen Furien mit ungekämmten Haaren. Die Kenner_innen des Waldes strecken ihre Wurzeln aus."

Furien sind Göttinnen. Ins Mythologisch-Sakrale entschwebend, gelangt von Redecker eben doch, einige Fußbreit über dem Boden, beim romantisch-affirmativen, erhabenen Naturbegriff an. Sie nimmt die Kräfte der Natur symbolisch in Dienst, um die berechtigten politischen Anliegen dieser jungen Menschen über jeden Zweifel und jeden demokratischen Widerspruch zu erheben. Wer würde sich schon dem Leben selbst entgegenstellen? Ob sie ihnen damit einen Gefallen tut?

Eva von Redecker: Revolution für das Leben. Philosophie der neuen Protestformen. S. Fischer, Frankfurt am Main 2020. 320 Seiten, 23 Euro.

© SZ vom 28.10.2020
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