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Buch über Hardcore-Künstler:Hinter diesen harten Schalen steckt kein weicher Kern

'Down the Rabbit Hole' music festival

Anfang der Siebzigerjahre taumelte Iggy Pop mit solch rigorosem Körpereinsatz über die Bühne, dass er bald als Schmerzensmann des Publikums galt.

(Foto: dpa)

Iggy Pop taumelte einst über die Bühne wie Jesus Christus nach der Geißelung. Ein großartig recherchierter Band feiert nun alle jene Künstler, für die Hardcore keine bloße Pose war.

Neulich in Nashville: In einem Club mit dem sprechenden Namen "The End" treten Bane auf, eine Hardcore-Band der vierten Generation, gegründet Mitte der Neunziger, jetzt aber soll Schluss sein. Bane sind auf Abschiedstour, und ihr Sänger erklärt in Interviews, warum: Die körperlichen Strapazen; wenn du jeden Abend auf der Bühne explodierst, musst du irgendwann in Rente. Dabei ist der Mann erst 47 und vom sogenannten Straight-Edge-Flügel der Hardcore-Szene, das heißt: Er raucht nicht, trinkt nicht, isst kein Fleisch. Und wer auch nur gelegentlich zuvor mal ein Hardcore-Konzert gesehen hat, muss sagen: Der Mann macht sich nicht mal unbedingt tot auf der Bühne; früher haben sich die Leute jedenfalls mehr verausgabt, gab es mehr Sprünge, mehr Eruption, mehr - doch doch, auch das - Blut.

Man muss die Band Bane nicht kennen, es gibt Hunderte von ihrer Art. Es hat nur etwas Erheiterndes, das ausgerechnet in Nashville zu erleben, wenn man in Betracht zieht, dass dort überall die Country-Mumien hinter ihren Gitarren stehen, bis ihnen irgendwann mit hundert die letzte Zigarette aus dem Mund in den Whiskey fällt.

Es hat vor allem dann etwas Erheiterndes, wenn man eben erst in einem interessanten Interview mit Vivian Vale, dem großen kalifornischen Underground-Verleger, den Satz gelesen hat, dass ihm Hardcore um 1980 herum noch wie eine Erfindung des CIA vorkam, um die Punk-Bewegung fertigzumachen. Denn wenn Punk eine aggressive Attitüde von jungen Leuten aus der Mittelklasse war, dann erschien Hardcore damals als der Ernst, den noch jüngere Leute mit eher proletarischem Hintergrund daraus machten.

Aus der Geste wurde echte Gewalt. Hardcore war die Versicherung, dass in der harten Schale eben kein weicher Kern steckt, der sich ein Studium an der Kunsthochschule offenhalten will. Damals war offenbar noch nicht abzusehen, dass in der Logik des "immer härter" irgendwann die Nüchternheit folgen würde, der Vegetarismus, bei vielen sogar Zen-Buddhismus, bei anderen Yoga.

Wieder so weit gehen - oder noch weiter?

Die Erinnerungen von Vale finden sich in dem Band "Avant-garde from Below: Transgressive Performance from Iggy Pop to Joe Coleman and GG Allin" von dem jungen Wiener Musikologen Clemens Marschall, und dieses sehr bemerkenswerte Buch kreist grundsätzlich um Akteure, die auf der Bühne an die Grenze gehen oder Grenzen überschreiten und mit der Frage konfrontiert sind, was sie dann am nächsten Abend tun sollen: wieder so weit gehen - oder noch weiter?

Es handelt von den Überbietungszwängen, die dazu führen, dass die Inszenierungen immer drastischer und in letzter Konsequenz zu Ernstfällen werden, bis zu dem Punkt also, wo "sich totmachen" oder "explodieren" nicht mehr als bildhafte Wendungen zu verstehen sind, sondern absolut buchstäblich.

Der Künstler Joe Coleman hat sich Feuerwerkskörper vor den Bauch gebunden und ist vor dem Publikum in die Luft gegangen. Der Musiker GG Allin ist an seinem gelebten Rock-'n'-Roll-Extremismus tatsächlich gestorben, und dass das an einer Überdosis Heroin lag, hat vermutlich nur verhindert, dass er die Mord- und Selbstmorddrohungen eines Tages auch noch umgesetzt hätte, die er immerhin regelmäßig ausstieß, während er sein Publikum mit Fäkalien bewarf oder ihm im wahrsten Sinne des Wortes an die Gurgel ging. Und Iggy Pop?

Iggy Pop ist 69 und sagt der Welt gerade mit dem melancholischen Abschiedsalbum "Post Pop Depression" Bye-bye. Aber Anfang der Siebziger war das der Mann, der in Detroit über die Bühnen taumelte wie Jesus Christus nach der Geißelung. Als Protopunk wurde Iggy Pop nicht nur wegen seiner Musik bezeichnet, sondern viel mehr wegen seines rigorosen Körpereinsatzes als Schmerzensmann des Publikums.

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Er war, wie die Zeitzeugen in Marschalls Buch versichern, nicht der Einzige, der damals in Detroit so selbstzerstörerisch agierte, er ist nur heute der Bekannteste. Und der Autor hat vermutlich völlig recht, wenn er versucht, diesen Befund aus der Obskurität von Rockschuppen ins Zentrum der ästhetischen Debatten jener Zeit zu heben, indem er ihn mit dem Geschehen im elitäreren Kunstbetrieb kurzschließt.