Buch über den Zufall:Man muss sehen, ob die menschliche Intelligenz sich langfristig wirklich bewährt

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Glück meint in diesem Fall?

Welche Voraussetzungen hatte ich von zu Hause? Welche Anlagen haben mir meine Eltern mitgegeben? Hatte ich finanziell günstige Startbedingungen? Treffe ich im Leben zufällig auf Leute, die mir weiterhelfen? Habe ich das Glück, von schweren Krankheiten oder anderen üblen Schicksalsschlägen verschont zu bleiben? Das heißt nicht, dass man das eigene Glück nicht in die Hand nehmen kann oder soll. Erfolgreiche Menschen haben auch viele gute Entscheidungen getroffen. Es wäre für die Psychohygiene aber gut und wichtig, die Macht des Zufalls anzuerkennen. Die meisten von uns werden eben kein Einstein, kein Mozart, kein Zuckerberg. Wenn man sich ständig selber vorwirft, man hätte seine Möglichkeiten in den Sand gesetzt, weil man dieses Niveau nicht erreicht, dann wird man unglücklich. Etwas entspannender und positiver wäre es doch, den Gedanken zuzulassen, dass vielleicht einfach das nötige Glück gefehlt hat.

Sie behaupten, dass sogar die Evolution, wenigstens in Teilen, ein gigantischer Zufall ist.

Das ist Ansichtssache. Die Evolution verbindet beides. Es gibt Aspekte, die sind absolut zielgerichtet: Die typische Form von Meerestieren zum Beispiel, die sich mehrere Male unabhängig voneinander ausgebildet hat - etwa bei maritimen Dinosauriern, bei Meeressäugern wie den Delfinen, oder bei den Haien. Der stromlinienförmige Körperbau hat sich entwickelt, weil er nützlich ist. Die Natur hat ein Gesetz vorgegeben - in diesem Fall die Physik der Strömungsgesetze - und die Evolution hat verschiedene Spezies daran angepasst.

Trotzdem spielt der Zufall in der Evolution eine zentrale Rolle. Die Mutation, die rein zufällige Veränderung der DNA, ist eine entscheidende Triebfeder der Evolution. Und manchmal können einzelne Mutationen dazu führen, dass es zu einer ganz unvorhergesehenen, überraschenden Entwicklung kommt.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Es gab Experimente mit Bakterien, die man viele Generationen hindurch im Labor untersuchte. Man wollte herausfinden, welche Art von Evolution man dabei beobachten kann und ob verschiedene Bakterienstämme ähnliche evolutionäre Veränderungen durchmachen. Dabei geschah etwas Erstaunliches: In einer der Kulturen führte eine zufällige Mutation dazu, dass sich der Stoffwechsel der Bakterien dramatisch veränderte. Plötzlich konnten die Bakterien Zitronensäure verdauen. Das klingt jetzt vielleicht nicht besonders aufregend, aber für ein Bakterium ist das eine epochale Revolution. Ein Zufallsprozess gab der Mini-Evolution in der Petrischale eine völlig neue Richtung. Evolution ist eben immer auch ein Glücksspiel.

Die landläufige Meinung, dass sich bei der Evolution zwangsläufig die besten Merkmale durchsetzen, stimmt also nicht?

Das ist absolut richtig. Ein Lebewesen kann ganz tolle Gene haben - und dann wird es, einfach aus Pech, von einem Stein erschlagen. Dann kann es seine nützlichen Merkmale eben nicht mehr weitervererben. Gute Eigenschaften haben zwar eine statistisch höhere Wahrscheinlichkeit durchzukommen, aber das heißt noch lange nicht, dass sie im Einzelfall auch tatsächlich überleben.

Ein Ergebnis der Evolution ist unsere Intelligenz. Ist die denn ein Erfolgsmodell?

Das ist eine interessante Frage, auf die es noch keine verlässliche Antwort gibt - weil uns ein bisschen das Datenmaterial fehlt.

Weil sich das, was wir als Intelligenz bezeichnen, in dieser Form erst ein einziges Mal ausgebildet hat?

Exakt. Und das ist alles andere als selbstverständlich. Es gibt ja Dinge, die sich mehrmals, meistens sogar sehr oft ausgebildet haben. Die angesprochene Form von Fischen etwa. Aber zum Beispiel auch Augen oder Flügel. Unsere Form von Intelligenz allerdings gibt es bislang nur einmal, und damit ist kaum zu sagen, ob sie ein Zufall ist, oder ein eher zwangsläufiges Ergebnis. Man muss sehen, ob sie sich langfristig wirklich bewährt.

Momentan scheint es, als würden wir mit unserer Intelligenz den Planeten eher zerstören.

Das wäre ein Argument gegen den evolutionären Erfolg von Intelligenz. Vielleicht finden wir auch deshalb keine Außerirdischen da draußen, weil die Wahrscheinlichkeit groß ist, dass eine intelligente Spezies sich nach ein paar tausend Jahren wieder umbringt.

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