Buch über den Zufall:Wie viel Einfluss haben wir auf unser Schicksal?

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Florian Aigner 2

"Es wäre für die Psychohygiene gut und wichtig, die Macht des Zufalls anzuerkennen", sagt Autor Florian Aigner.

(Foto: Ingo Pertramer/Brandstätter Verlag; Bearbeitung SZ)

Ein Gespräch über Glück und Zufall - mit Quantenphysiker und Buchautor Florian Aigner.

Interview von Jakob Biazza

Kurz vor dem Interviewtermin kommt eine Mail von Florian Aigner: "Oje, verletzt im Krankenhaus. OP-Termin noch unklar." Etwas mit dem Bein, schreibt er noch, und dass man das Gespräch verschieben müsse. Zumindest um einen Tag. Der Österreicher hat in theoretischer Physik promoviert und ist Wissenschaftsredakteur der TU Wien. Und er hat gerade ein Buch veröffentlicht: "Der Zufall, das Universum und du - Die Wissenschaft vom Glück" (Brandstätter Verlag).

Es handelt von merkwürdigen Erkenntnissen aus der Quantenphysik und der Frage, ob man in die Zukunft schauen könnte, wenn man nur genug Informationen über die Welt hätte. Ein Anruf im Krankenhaus.

SZ: Herr Aigner, wir erreichen Sie in einem Krankenbett mit hochgelegtem Bein?

Aigner: Genau so ist es.

Was ist passiert? Etwas, das uns einen zotigen Einstieg ins Thema liefert?

(lacht) Wenn Sie so wollen: durchaus. Ich bin gestern auf dem Glatteis ausgerutscht und habe mir die Kniescheibe gebrochen. Und zwar genau an dem Knie, das ich mir schon vor ein paar Wochen kaputtgemacht habe.

Vielleicht will Ihnen das Universum etwas sagen?

Ich gehe von einem unglücklichen Zufall aus. Statistisch sehr unwahrscheinlich. Aber auch statistisch sehr unwahrscheinliche Dinge treten eben manchmal ein.

Was hilft es der Welt, wenn man ihr in einem Buch erklärt, wie sehr sie vom Zufall abhängig ist?

Viel! Erstens haben wir es mit einer philosophisch sehr spannenden Frage zu tun: Wie kann es Zufälle geben, wenn das Universum doch von Naturgesetzen regiert wird, die nicht mit sich verhandeln lassen? Es gab sehr kluge Menschen, die davon ausgingen, dass alles vorherbestimmt ist und der Zufall nur eine Illusion sein kann. Kommen uns vielleicht manche Ereignisse nur zufällig vor, weil uns einfach die nötige Information fehlt um sie vorhersagen zu können?

Zweitens ist das Thema spannend, weil es uns eine enorme Erleichterung bringen kann, die Macht des Zufalls anzuerkennen. Wir lernen dadurch, dass wir nicht alles beeinflussen können. Wenn etwas schiefläuft, heißt das nicht unbedingt, dass wir einen Fehler gemacht haben. Manchmal ist es einfach nur Pech - wie mit meinem Knie.

Von Einstein soll der Ausspruch stammen: "Gott würfelt nicht!"

Da hat Einstein unrecht. Er war ein genialer und revolutionärer Geist. Aber an diesem Punkt war er noch verhaftet im philosophischen Denken der geistigen Nachfolger Isaac Newtons. Die gingen davon aus, dass man den Lauf der Welt beliebig präzise vorhersagen kann, wenn man nur genau genug hinsieht.

Und das stimmt nicht?

Nein. Die Quantenphysik, über die sich Einstein sehr gewundert hat, und die Chaostheorie, die er nicht mehr erlebt hat, brachten uns da ganz neue Erkenntnisse. Und zeichnen ein sehr, sehr viel komplizierteres Bild der Welt. Die Chaostheorie sagt uns, dass auch ein fast perfektes Wissen über die Welt keine sinnvollen Prognosen über die Zukunft ermöglicht, weil selbst winzigkleine Abweichungen das Endergebnis völlig verändern können - wie der berühmte Flügelschlag eines Schmetterlings, der darüber entscheidet, ob es Jahre später einen Wirbelsturm geben wird oder nicht. Und die Quantenphysik hat überhaupt eine neue Form von Zufälligkeit in die Wissenschaft eingeführt: Auch wenn man alles über ein Quantenobjekt weiß, was es zu wissen gibt, kann es trotzdem sein, dass wir das Ergebnis eines Experiments nicht vorhersagen können - bloß die Wahrscheinlichkeiten möglicher Ergebnisse lassen sich berechnen.

Für Nicht-Physiker wird es hier schwierig. Es geht schließlich um Vorgänge, für die es in der analogen Welt keine Entsprechung mehr gibt. Teilchen etwa, die an mehreren Orten zugleich sein können.

Es gibt leider Gedanken, die kann man im eigentlichen Sinne nicht verstehen. An die muss man sich gewöhnen. Das ist auch eine Form des Verstehens.

Warum tun wir uns auch im normalen Leben so schwer damit, Zufälle als solche zu akzeptieren?

Weil uns die Evolution dafür nicht ausgerüstet hat. Wir sind darauf spezialisiert, Gesetzmäßigkeiten und Regeln zu erkennen. Das ist es, was uns Menschen ausmacht. Wir sind eine Spezies, die unheimlich gut darin ist, Muster zu finden, Theorien darüber aufzustellen und damit Vorhersagen zu treffen. Oft genügen uns dafür sehr wenige Informationen: Wenn Sie einen neuen Arbeitskollegen sehen, können Sie zum Beispiel recht rasch sagen, ob er Ihnen sympathisch ist oder nicht. Sie stellen dabei aus relativ wenigen Datenpunkten eine Theorie auf. Die kann natürlich falsch sein. Aber wir liegen mit diesen Schnellschüssen beeindruckend oft richtig.

Wir haben diese Fähigkeit vermutlich gebraucht, um zu überleben?

Genau. Theorien zu bilden, ist eine evolutionär sinnvolle Strategie. Wenn ich Theorien über Jahreszeiten entwickle, habe ich bessere Chancen, Nahrung zu finden. Das hat unsere Vorfahren davor bewahrt, zu sterben. Leider benutzen wir diese Fähigkeit auch in Bereichen, in denen sie nicht mehr gut funktioniert. Wir erkennen dann scheinbare Muster und scheinbare Regeln, die es in Wirklichkeit gar nicht gibt.

Zum Beispiel?

Der Baseballprofi Dennis Grossini hatte mal eine Glückssträhne. Und damit die nicht abriss, befolgte er sklavisch eine Reihe von Ritualen: Er stand an Spieltagen immer zur selben Zeit auf, ging mittags ins selbe Restaurant, aß dasselbe, trank dasselbe. Nachmittags zog er immer denselben Pullover an. Und abends brauchte er eine ganz bestimmte Sorte Kautabak. All diese Handlungen gehörten für ihn zu dem Muster, das ihm Erfolg bescherte. Das menschliche Gehirn verbindet oft Dinge, die gar nichts miteinander zu tun haben - in diesem Fall sportlichen Erfolg und völlig belanglose Alltagstätigkeiten. Natürlich ist das ein Extremfall. Aber uns allen passiert es immer wieder, tiefe Zusammenhänge zu vermuten, wo in Wirklichkeit bloß der Zufall regiert.

Etwas Ähnliches passiert laut Ihrem Buch auch, wenn Menschen ihren Erfolg ausschließlich auf eigene Leistung zurückführen.

Oh ja. Das Narrativ von der erfolgreichen Persönlichkeit, die alles harter Arbeit und Geschick verdankt. Sehr spannend.

Und falsch?

Unbedingt. Und möglicherweise sogar gefährlich. Es gibt ja inzwischen ganze Branchen, die davon leben, so zu tun, als gäbe es das Glück und den Zufall nicht - Menschen, die Seminare halten, in denen sie angeblich genau erklären, womit man Erfolg hat. Natürlich begünstigen bestimmte Verhaltensweisen Erfolg. Aber ohne das notwendige Glück wird mir das trotzdem alles nichts nützen. Das Problem dabei ist: Nur die Leute, die Glück hatten, werden nach ihrem Erfolgsrezept gefragt. Wer vom Zufall weniger begünstigt wurde, hält keine Seminare.

Man muss sehen, ob die menschliche Intelligenz sich langfristig wirklich bewährt

Glück meint in diesem Fall?

Welche Voraussetzungen hatte ich von zu Hause? Welche Anlagen haben mir meine Eltern mitgegeben? Hatte ich finanziell günstige Startbedingungen? Treffe ich im Leben zufällig auf Leute, die mir weiterhelfen? Habe ich das Glück, von schweren Krankheiten oder anderen üblen Schicksalsschlägen verschont zu bleiben? Das heißt nicht, dass man das eigene Glück nicht in die Hand nehmen kann oder soll. Erfolgreiche Menschen haben auch viele gute Entscheidungen getroffen. Es wäre für die Psychohygiene aber gut und wichtig, die Macht des Zufalls anzuerkennen. Die meisten von uns werden eben kein Einstein, kein Mozart, kein Zuckerberg. Wenn man sich ständig selber vorwirft, man hätte seine Möglichkeiten in den Sand gesetzt, weil man dieses Niveau nicht erreicht, dann wird man unglücklich. Etwas entspannender und positiver wäre es doch, den Gedanken zuzulassen, dass vielleicht einfach das nötige Glück gefehlt hat.

Sie behaupten, dass sogar die Evolution, wenigstens in Teilen, ein gigantischer Zufall ist.

Das ist Ansichtssache. Die Evolution verbindet beides. Es gibt Aspekte, die sind absolut zielgerichtet: Die typische Form von Meerestieren zum Beispiel, die sich mehrere Male unabhängig voneinander ausgebildet hat - etwa bei maritimen Dinosauriern, bei Meeressäugern wie den Delfinen, oder bei den Haien. Der stromlinienförmige Körperbau hat sich entwickelt, weil er nützlich ist. Die Natur hat ein Gesetz vorgegeben - in diesem Fall die Physik der Strömungsgesetze - und die Evolution hat verschiedene Spezies daran angepasst.

Trotzdem spielt der Zufall in der Evolution eine zentrale Rolle. Die Mutation, die rein zufällige Veränderung der DNA, ist eine entscheidende Triebfeder der Evolution. Und manchmal können einzelne Mutationen dazu führen, dass es zu einer ganz unvorhergesehenen, überraschenden Entwicklung kommt.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Es gab Experimente mit Bakterien, die man viele Generationen hindurch im Labor untersuchte. Man wollte herausfinden, welche Art von Evolution man dabei beobachten kann und ob verschiedene Bakterienstämme ähnliche evolutionäre Veränderungen durchmachen. Dabei geschah etwas Erstaunliches: In einer der Kulturen führte eine zufällige Mutation dazu, dass sich der Stoffwechsel der Bakterien dramatisch veränderte. Plötzlich konnten die Bakterien Zitronensäure verdauen. Das klingt jetzt vielleicht nicht besonders aufregend, aber für ein Bakterium ist das eine epochale Revolution. Ein Zufallsprozess gab der Mini-Evolution in der Petrischale eine völlig neue Richtung. Evolution ist eben immer auch ein Glücksspiel.

Die landläufige Meinung, dass sich bei der Evolution zwangsläufig die besten Merkmale durchsetzen, stimmt also nicht?

Das ist absolut richtig. Ein Lebewesen kann ganz tolle Gene haben - und dann wird es, einfach aus Pech, von einem Stein erschlagen. Dann kann es seine nützlichen Merkmale eben nicht mehr weitervererben. Gute Eigenschaften haben zwar eine statistisch höhere Wahrscheinlichkeit durchzukommen, aber das heißt noch lange nicht, dass sie im Einzelfall auch tatsächlich überleben.

Ein Ergebnis der Evolution ist unsere Intelligenz. Ist die denn ein Erfolgsmodell?

Das ist eine interessante Frage, auf die es noch keine verlässliche Antwort gibt - weil uns ein bisschen das Datenmaterial fehlt.

Weil sich das, was wir als Intelligenz bezeichnen, in dieser Form erst ein einziges Mal ausgebildet hat?

Exakt. Und das ist alles andere als selbstverständlich. Es gibt ja Dinge, die sich mehrmals, meistens sogar sehr oft ausgebildet haben. Die angesprochene Form von Fischen etwa. Aber zum Beispiel auch Augen oder Flügel. Unsere Form von Intelligenz allerdings gibt es bislang nur einmal, und damit ist kaum zu sagen, ob sie ein Zufall ist, oder ein eher zwangsläufiges Ergebnis. Man muss sehen, ob sie sich langfristig wirklich bewährt.

Momentan scheint es, als würden wir mit unserer Intelligenz den Planeten eher zerstören.

Das wäre ein Argument gegen den evolutionären Erfolg von Intelligenz. Vielleicht finden wir auch deshalb keine Außerirdischen da draußen, weil die Wahrscheinlichkeit groß ist, dass eine intelligente Spezies sich nach ein paar tausend Jahren wieder umbringt.

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