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Buch: "Logik der Sorge":Am Nullpunkt des Denkens

Wie man Gehirne modelliert: Bernard Stieglers Kritik der Psychomacht untersucht mentale Gleichschaltung triebgesteuerter Konsumwesen in der neuen TV- und Medienkultur.

Seit mindestens einem Vierteljahrhundert ist es um den kritischen Geist in Deutschland still geworden. Vereinzelt mag es noch Anhänger seiner historisch letzten Gestalt, nämlich des kulturkritischen Programms, geben, das nüchtern betrachtet bereits im Augenblick seiner Prägung keine Zukunftschancen mehr hatte.

Die Kritik der Kulturindustrie, wie Horkheimer und Adorno sie in den vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts konzipierten, war aus einem antitechnischen Affekt und hochkulturellem Ressentiment geboren und gerade wegen dieser zweifelhaften Voreinstellungen von der umfassenden Technisierung und Medialisierung des gesellschaftlichen Seins, gegen die angedacht werden sollte, sang- und klanglos weggefegt worden.

Der Untergang des kulturkritischen Projekts, das ist das Dilemma, hat auch seine wertvollste diagnostische Beobachtung mit sich gerissen, nämlich dass sich der Schwerpunkt des industriegesellschaftlichen Regimes von der Produktion auf die Konsumption verschiebt. Die medientechnisch beförderte Schematisierung, Konformisierung und Kontrolle der Bedürfnisse sollte demnach den Kern unserer zukünftigen kulturindustriellen Verfassung bilden.

Mutterland der Kritik

Im Mutterland der Kritik ist, trotz aller Dringlichkeit, keine nennenswerte Wiederaufnahme einer Analytik der hochindustriellen Situation versucht worden, die jenseits aller gegentechnischen Grundeinstellung eine genauere Bestimmung des neuen mentalen, kulturellen und digitalen Kapitalismus und seiner medientechnischen Verfahrensweisen gewagt hätte.

Stattdessen zeigt sich immer wieder nur das Elend der Kritik. So wird etwa die Industrialisierung und Kybernetisierung der Universität, um nur ein Beispiel zu nennen, von ihren eigenen Trägern nicht etwa nur hingenommen, sondern selbst implementiert. Ein größeres Versagen und eine beschämendere Verantwortungslosigkeit der sogenannten intellektuellen Eliten angesichts der kultur- und wissensindustriellen Zumutung, ein vehementeres Eingeständnis des Endes der Kritik, als diese Selbstzertrümmerung es darstellt, ist kaum noch denkbar.

In Frankreich hingegen hat seit Jahren, das ist in Deutschland weitgehend unbemerkt geblieben, eine Kritik der Gegenwart an Kontur gewonnen, die eine breite Genealogie der zeitgenössischen "Hyperindustrialisierung" unternimmt. Der Philosoph Bernard Stiegler treibt unter diesem Titel seit den neunziger Jahren in atemberaubender Geschwindigkeit Untersuchungen zur symbolischen Misere, zum Verlust an Partizipation, zur mentalen Gleichschaltung und zur Homogenisierung der Erfahrung unter den telekratischen Bedingungen der Fernseh- und Neuen Medienkultur voran, die den herrschenden industriellen Populismus in aller Schärfe attackieren.

Stieglers neuestes Buch, das wörtlich übersetzt "Sorge tragen. Von der Jugend und den Generationen" heißt, ist nur wenige Wochen nach dem französischen Original, aber leider nur zur Hälfte und ohne die zentrale Auseinandersetzung mit Michel Foucault, unter dem deutschen Titel "Logik der Sorge. Verlust der Aufklärung durch Technik und Medien" in der edition unseld des Suhrkamp Verlags erschienen.

Gehirne für den Konsum

Die aufregende Hauptthese der Untersuchung, die die Lektüre trotz der erheblichen Kürzung allemal lohnt, diagnostiziert eine signifikante machtgeschichtliche Transformation: die Ablösung der Biomacht durch die Psychomacht, die seit der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts nicht mehr die Körper der Bevölkerung für die Produktion verwertet, sondern die Gehirne für den Konsum modelliert.

Die Leitfigur der Epoche der Psychomacht ist der Konsument, seiner Fabrikation gilt ihre psychopolitische und -technische Hauptanstrengung. Jene tiefgreifende Mutation des Kapitalismus, die Gilles Deleuze in einer ersten Annäherung als Übergang von der Disziplinar- zur Kontrollgesellschaft fasste, wird nunmehr als psychotechnologische Mobilmachung der Kultur- und Programmindustrien präzisiert, die die verfügbare Zeit der Gehirne besetzen, dabei Aufmerksamkeit und Verantwortung zerstören und die Gesellschaft in eine neue Unmündigkeit hineinführen.

Hinter dieser Diagnostik steht eine komplexe, insbesondere phänomenologisch und psychoanalytisch fundierte, psychotechnische Gesellschaftstheorie. Gesellschaften erscheinen in erster Linie als Sorgesysteme und Regime der Aufmerksamkeitsbildung. Aufmerksamkeit ist dabei niemals nur als je schon gegebene und mithin rein psychische Größe zu verstehen. Ganz im Gegenteil muss sie immer erst hervorgebracht werden, sie stellt den Effekt einer elaborierten psychotechnischen Bearbeitung und psychotechnischer Verfahren dar. Sie wird vor allem qua Erziehung durch die Eltern und die Schule fabriziert und beispielsweise mit Hilfe von Psychotechniken wie Buch, Gespräch oder Spiel. Gesellschaften unterscheiden sich durch ihre basalen Aufmerksamkeitsformierungsstrategien.

Unkontrolliert

Die unkontrollierte Industrialisierung der Kultur, insbesondere die Ausdifferenzierung der psychotechnischen Arsenale durch die audiovisuellen Kultur- und Programmindustrien, das ist die Signatur des Zeitalters der Psychomacht, destruiert ganz gezielt die Aufmerksamkeitsmodellierung der Kinder und Jugendlichen, um sie in triebgesteuerte Konsumwesen ohne jede Achtung und Konzentration zu transformieren. Und sie zerstört das Aufmerksamkeitsvermögen der Erwachsenen, um sie als reine Konsumenten, gewissermaßen als industrialisierte Bewusstseine und ausgelaugte Hirne im Benn'schen Sinne zu organisieren.

Die große Infantilisierung der Gegenwart, so Stiegler, vorangetrieben vor allem durch die Psychotechnologien des Marketing, produziert eine Gesellschaft verantwortungs- und rücksichtsloser Wesen, die keine Sorge - weder die Sorge für sich, noch für die anderen, noch die Welt - mehr kennt. Keine philia, keine Verbundenheit, kein Begehren und kein Wünschen. Die psychosoziale Verfassung der Gegenwart, so Stiegler nüchtern, heißt globales Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom.

Es ist eine deprimierende Diagnostik, gewiss, aber doch getragen von einer tiefen Sympathie mit jenen, deren Sensibilität so rückhaltlos zerstört wird durch die Kulturindustrie. In Zeiten der Psychomacht sind wir am Nullpunkt des Denkens angekommen. Kein Gott, sondern allein eine neue Industriepolitik des Geistes kann uns retten.

BERNARD STIEGLER: Logik der Sorge. Verlust der Aufklärung durch Technik und Medien. Aus dem Französischen von Susanne Baghestanie. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2008. 190 Seiten, 10 Euro.