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Buch:Kunstwille vor Kommerz

Holte die großen Jazzer nach Memmingen: Oskar Riha mit seiner Frau und Co-Autorin Susanne.

(Foto: Privat)

Der Gitarrist Oskar Riha schildert in seinem Buch "Jazz in Concert" das schwierige und doch so beglückende Leben eines Konzertveranstalters

Es ist paradox: Kein Musik-Genre, das stärker professionalisiert wäre als der Jazz. Nahezu alle jungen Jazzer bringen heute eine klassische Grundausbildung, ein Jazz-Studium sowie Tätigkeitsnachweise im Pop und Rock mit. Das Umfeld ihres Berufs freilich ist immer noch fest in der Hand von Ehrenamtlichen, wohl weil im Jazz der Kunstwille wirtschaftliche Interessen überwiegt. Ohne die vom Jazz begeisterten Selbstausbeuter gäbe es die meisten Clubs und Konzerte nicht. Davon ist allgemein wenig die Rede, erst seit kurzem erhellen erste statistischen Erhebungen und wissenschaftliche Untersuchungen das Bild.

Jetzt kann man allerdings auch eine autobiografische Fallstudie zur Eigeninitiative im Jazz lesen, aus der Graswurzelperspektive sozusagen: Oskar Rihas soeben erschienenes Buch "Jazz in Concert. Mein Leben als Konzertveranstalter." An diesem Mittwoch, 20. September, stellt Riha es in Memmingen vor, der Schauspieler Richard Aigner wird daraus lesen, das Jung/Jung Trio für die musikalische Untermalung sorgen.

Unprätentiös und unverblümt, manchmal geradezu undiplomatisch erzählt also der Memminger Gitarrenlehrer Oskar Riha, wie er zum Jazz-Impresario seiner Heimatstadt wurde - einfach, weil es sonst niemand machen wollte. 1994 beginnt die Geschichte, als der vergleichsweise spät, dafür umso heftiger für den Jazz entflammte Riha es leid war, immer ewig fahren zu müssen, um seine Helden erleben zu können. Er stellte ein erstes Konzert mit dem Trio von Paul Wertico, dem damaligen Schlagzeuger von Pat Metheny, auf die Beine, damals noch im benachbarten Ottobeuren. Auf den Geschmack gekommen, holte er bald darauf Musiker des New Yorker Jazzkollektivs Knitting Factory und Größen wie Joshua Redman, Al Di Meola, Dino Saluzzi oder John Abercrombie in die Memminger Stadthalle, "große Brocken", wie die Lokalpresse ganz richtig erkannte. Zunächst alles in Eigenregie, von 1998 an, nachdem er ein paar Mal in seine "Zigarrenkiste" greifen - sprich: sein Privatkonto plündern musste - mit einem von ihm gegründeten Verein als Rückendeckung.

Dass der Verein zunächst "JAM - Jazz and More" hieß, drei Jahre später aber unter erheblichen Unkosten wegen der Namensgleichheit mit einem Hamburger Veranstalter in "JAMM - Jazz Art Memmingen" umbenannt werden musste, ist nur eine der vielen Episoden, die beispielhaft für die bürokratischen und organisatorischen Hürden stehen, die man als kleiner Jazz-Veranstalter überwinden muss. Oskar Rihas Schilderung seiner Erlebnisse mit den Musikern, der sich ergebenden Freundschaften und der oft beglückenden Konzerte zeigen aber ebenso eindrucksvoll, warum sich das lohnt.

Naturgemäß ist das Buch sehr anekdotisch, und die chronologische Gliederung nach Musikern (mit ein paar kurzen thematischen Kapiteln als Anhang) mag nicht jedermanns Sache sein, doch wer sich für die Hintergründe und Entstehung von klingender Kunst interessiert, der wird mehr und mehr in seinen Bann gezogen. Ermöglichen doch Rihas ganz persönlichen, mal heiteren, mal fast dramatischen Erinnerungen - von Scherz-Bestellungen wie salzlosem Brot für Egberto Gismonti bis zur Beinahe-Katastrophe, als Charlie Hadens Anzug nicht rechtzeitig aus der Wäscherei kam - einen Blick auf das große Ganze.

Auch dafür, wie abhängig alles von Liebhaberei und Engagement ist: Als Oskar Riha nach 22 Jahren und mehr als 75 Konzerten 2016 den schon oft verkündeten Entschluss, aufzuhören, wahr machte, löste sich kurz darauf auch der Verein auf. Die großen Jazzstars fehlen seither in Memmingen.

Oskar Riha und Susanne Schulzke-Riha: Jazz in Concert. Mein Leben als Konzertveranstalter, Rosamontis Verlag; Lesung: Mi., 20. Sep., 20 Uhr, Memmingen, Antoniersaal