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Buch: Dezsö Kosztolányi:Wie man über ein Buch plaudert, ohne es gelesen zu haben

Charmant in allen Lebenslagen: "Die Abenteuer des Kornél Esti"

Tobias Heyl

Dezsö Kosztolányi, geboren 1885, war im ersten Drittel des Zwanzigsten Jahrhunderts der Tausendsassa der ungarischen Literatur. Sich auf irgendetwas festzulegen, widersprach offenkundig seinem Naturell. Er schrieb Romane, Gedichte und Essays, übersetzte Heine und Rilke, Shakespeare und Hölderlin. Für seinen vielleicht populärsten Roman "Ein Held seiner Zeit" erfand er die Figur des Kornél Esti - und die geriet ihm so vital, dass sie später in einem Erzählungsband weiterlebte. "Die Abenteuer des Kornél Esti" erschienen zum ersten Mal 1936, im Todesjahr Kosztolányis.

(Foto: Foto: Rowohlt)

Im gleichen Jahr kam es bei den ungarischen Parlamentswahlen zu einem massiven Rechtsruck, die Antisemiten gewannen Oberwasser. Diese zufällige biografische, literarische und historische Koinzidenz lässt Kosztolányis Geschichten heute wie ein Vermächtnis erscheinen. Denn mit ihnen geht auch in Ungarn eine Literatur zu Ende, die eng mit dem Kaffeehaus und der Großstadt verbunden ist.

Man darf sich Kornél Esti als einen Mann Anfang zwanzig vorstellen, früh vollendet: "Wir alle leben nur ein, zwei Jahrzehnte wirklich, die ersten Jahrzehnte unseres Lebens. Da lagern sich in unserer Seele die Schätze ab, in tiefen Schichten. Ein ganzes Leben genügt nicht, sie auszugraben." Wer zu solcher Erkenntnis gelangt ist, wird sein irgendwie philologisches Studium nicht mehr besonders ernst nehmen und sich lieber um die Frauen und eine hoffnungslose Karriere als Literat bemühen.

Obwohl ihn chronische Finanznot plagt, gönnt sich Kornél Esti Reisen nach Paris, denn dort ist alles anders als im provinziellen, schmuddeligen Budapest. Ein Ungar zu sein, bedeutet für einen wie ihn eine biografische Kränkung, kommt der Verurteilung zu lebenslanger Blamage gleich. Unwahrscheinlich, dass er es jemals als Literat zu etwas bringen wird.

Seine wahre Begabung liegt im spontanen Krisenmanagement, davon handeln seine gesammelten Abenteuer: Wie man sich unauffällig aus einem noblen Zürcher Restaurant verabschiedet, wenn man bei der Vorspeise merkt, dass die zu erwartende Rechnung auch nur den Gedanken an einen Hauptgang verbietet. Wie man mit einer ambitionierten Autorin formvollendet über deren 1308-Seiten-Manuskript plaudert, ohne auch nur eine Zeile gelesen zu haben. Wie man hoffnungslose Dichter tröstet und depressive Apotheker dazu.

Kornél Estis Begabung liegt darin, dass er eine Situation blitzschnell erfasst und dass ihm mindestens genauso schnell eine Idee zufliegt, wie er durch eine kleine Lüge, durch eine minimale Korrektur der Wirklichkeit einen Knoten zerschlagen oder eine Peinlichkeit überwinden kann. Beneidenswert, wem dieses Talent gegeben.

Kornél Esti selbst aber weiß das gar nicht zu schätzen, weil er ganz auf seinen literarischen Ehrgeiz fixiert ist: Eine tragikomische Figur, die in immer neuen Situationen des Alltags bizarre Bewährungsproben besteht, ohne so recht zu wissen, wie ihm geschieht.

Der Einfallsreichtum Kosztolányis scheint unerschöpflich - man hätte nichts dagegen, mit seinem Helden noch mehr Abenteuer zu erleben. Doch zählen diese Geschichten zu den Hinterlassenschaften einer Welt, die bald darauf vernichtet wurde. Kornél Esti ist einer ihrer letzten Repräsentanten, urban, ironisch, melancholisch - ein Lebenskünstler, wie es ihn in dieser Gestalt nie mehr geben wird.

DEZSÖ KOSZTOLÁNYI: Die Abenteuer des Kornél Esti Aus dem Ungarischen von Christina Viragh Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2006 187 Seiten 17,90 Euro.

© SZ vom 6.4.2006
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