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Brutale Schönheit:Pop-Damaskus

Bild zu Karl Bruckmaiers Obi-Projekt

Ein Ort, wo man das Licht sieht - und die Welt ist eine andere: Sophie's Haarstüberl im bayerischen Mais.

(Foto: Wilfried Petzi)

Lichtblicke des Lebens. Es gibt eine Schönheit, der die ästhetischen Kriterien des Bildungsbürgertums nicht gerecht werden. Man findet sie in der Popmusik oder in Baumärkten.

Von Karl Bruckmaier

Was hat der spätere Apostel Paulus gesehen, in dem Augenblick, als er als ungläubiger Saulus von seinem Reittier gefallen ist? Licht. Er sah die Welt in neuem Licht. Einem kleineren Geist in einem abgerockten blauen Opel Corsa, der gerade vom vierten in den dritten Gang zurückschaltet, steht kein solch Jahrtausende überspannendes Transformationserlebnis zu, aber ein klein wenig Erlösung und Transzendenz ist auch für uns Unwürdige noch übrig: Es ist November. Abenddämmerung. Es geht eine steile Kreisstraße hinauf, unten liegt Eitzenham, oben Baumgarten. Und auf halber Höhe Mais - was für ein treffender niederbayerischer Ortsname in Zeiten von Biogasboom und Bullenmastbaisse. Linkerhand schält sich ein unverputzter Anbau an einen Bauernhof aus dem Halbdunkel, wohl einer dieser ungezählten Zweckbauten hierzulande, ohne Gesicht, ohne Charme, ohne alles. Hauptsache billig, Hauptsache fertig. Und so lästert es in mir wie von selbst dahin; der innere Dieter Wieland darf den Gedanken die Sporen geben, stolzer Reiter, der er ist. Großer Aufklärer. Großer Dokumentarist. Von ihm hat man einst gelernt, das Ytong gewordene Hässliche zu erkennen und zu meiden und zu bekämpfen: Don Dieter auf seinem dürren Ross mit dem Namen Polemika voran preschend, im Kampf gegen von der Kreisbaumeisterbrut zugelassene Windmühlen aus Eternit und Jägerzaun und gefolgt von uns allen, die wir nimmer der Krüppelkiefer und dem Glasbaustein dienen wollen, als seinen Sancho Pansas. Und das ist dann der Moment, wo zumindest dieser Sancho Pansa, dieser Saulus sein Damaskus-Erlebnis hat: Ich habe das Licht gesehen, und die Welt ist seither eine andere.

Aus der Rohbaufront strahlt es warm und einladend. Es strahlt aus einem kleinen Schaufenster. Ein Frisiersalon. Auf einem großen Poster, das für Haarspray wirbt, eins dieser Model-Dutzend-Gesichter. Doch weg mit dem Gedankengenörgel. Ganz unverstellt und rein ist er hier Licht geworden, der pursuit of happiness, das Streben nach Glück. Der Moment, wenn der Mensch sein Schicksal in die Hand nimmt. Wenn er seinem Sehnen Ausdruck verleiht. Dieser Mensch heißt Sophie, das ist auf einem hölzernen Brett zu lesen, auf dem von Freundes- oder Bruderhand gebogener Baustahl die Wörter "Sophie's Haarstüberl" formt - und nicht einmal der Apostroph bringt mich mehr zum Seufzen, zu unmittelbar und unverstellt ist dieser Moment der Schönheit. Gut, die kühle Spätherbstluft, gerade dabei, etwas Nebel zu bilden, mag diesem Licht etwas zusätzlich Weichzeichnerhaftes, Unwirkliches verleihen, aber dass hier Sophie ganz entschieden ihr Ding durchzieht, ihren Traum vom selbstbestimmten Leben wahr macht, ihrer Zukunft Form gibt, das ist unbestritten. Jede Kritik an Grammatik, Architektur und Ästhetik wirkt dagegen zwergenhaft klein. Und mir fällt auf, dass ich dieses Leuchten schon oft gesehen habe, aber zu borniert war, es zu erkennen: Es ist mir begegnet im Sprawl US-amerikanischer Großstädte, in südafrikanischen Slums, zuletzt vielleicht in der Mandschurei, als nach Stunden im verrußten Bummelzug, als nach endloser Fahrt durch Hüttendörfer und Industriebrache, wo die Menschen gelangweilt hinter den Bahndamm scheißen, damit wenigstens ein wenig was passiert, am Horizont Harbin auftauchte, heute eine Millionenmetropole im chinesischen Teil Sibiriens, ein Fanal aus Licht und Hochhäusern und Prada und Gucci und BMW, ein von Menschenhand errichtetes Glücksversprechen, El Dorado - in seinen finstersten Ecken immer noch lebens- und liebenswerter als die Erdlöcher und Schlammstraßen entlang der Gleise.

Damals war mir klar, dass es nur logisch ist, dass sich Millionen um dieses gleißende Lagerfeuer aus Glücksversprechen versammeln. Aber dass dieses Lagerfeuer auch in unmittelbarer Nähe meiner Heimat mit solcher Macht zu leuchten weiß, das hat einen nun viele Monate dauernden Umdenkprozess eingeleitet, eine Suche nach einem anderen Blick. Einem Blick, der zwar Ironie und Sarkasmus und Satire kennt, der diese so wertvollen Kulturtechniken aber bewusst abzulegen weiß. Denn manchmal helfen sie uns nicht weiter. Manchmal trennen sie die intellektuell errichtete Welt von der Realität jener Mitmenschen, die keinen reflektierten Zugang zu jedem noch so kleinen Detail ihrer Umwelt suchen. Manchmal hindern sie uns daran, eine andere Art Schönheit zu erkennen, eine "art brut" der Postmoderne. Der Mechanismus ist eigentlich vertraut: Schon einmal gab es eine Glücksemanzipation, die wir heute Pop nennen, deren Erscheinungsform, deren Bestandteile von den Geschmackseliten und den etablierten Bildungsstätten geleugnet, ja diffamiert wurden - weil diese nicht in der Lage waren, sie überhaupt zu erkennen. Was die Musik des schwarzen Amerikas anging, das Heulen und Jaulen und Zähneknirschen, das Jodeln der bairischen Einwanderer nach Texas, der morbide Herz-Schmerz-Schmalz schottischer Balladen, die es in die Appalachen verschlagen hat - die Reihe lässt sich noch endlos fortführen -, fehlte dem Bildungsbürgertum des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts jeder Sinn: was zu institutioneller Geringschätzung führte für die Hybride Blues, Jazz, Folk, Rock'n'Roll . . .

Die Baumärkte - ein immer währender Feldversuch zum Ausdruck der Persönlichkeit

Den Produzenten und Liebhabern dieser Pop-Kultur der ersten Stunden konnte dies herzlich egal sein: Die Glücksmaschine Grammophon ermöglichte es ihnen, die eigene, ambigue Vorstellung von Musik nach Hause zu tragen und oft und oft zu reproduzieren, bis sich die Frage nach Originalität oder geistigem Eigentum gar nicht mehr stellen konnte. Pop war und ist einfach ein Baukastensystem, aus dem jede und jeder in einem immerwährenden Feldversuch an einem nie wirklich fixierten Ausdruck der eigenen Persönlichkeit herumbosseln kann. Und dies gilt heute auch für das System Baumarkt: Ein riesiger Materialienspeicher an Schund und Hochwertigem, der einen surrealen Überfluss der Möglichkeiten symbolisiert - die geradezu verwegenen TV-Spots der großen Ketten sind ästhetischer Ausdruck dieser Tatsache. Und hügelauf, landab bedienen sich die Menschen aus diesem Speichersystem und werkeln geradezu tollkühn an ihren Häuschen, Fassaden und Vorgärten herum und scheren sich einen Teufel um Architektur, künstlerischen Wert oder darum, was der aus München aufs Land verzogene pensionierte Gymnasialprofessor von ihrem Rehkitz aus Polyester denkt. Und wie für die Popmusik gilt, dass auch 98 Prozent dieses Baumarkt-Pops Schund sind - aber eben die restlichen zwei Prozent der Realität auf großmächtige Weise überraschend Ausdruck verleihen. Man kann auch Kunst dazu sagen und an all die Bricolagen und Assemblagen denken, die seit zwanzig Jahren unsere Biennalen von Berlin bis Venedig zumüllen. Muss man aber nicht. Solange man Respekt hat vor Sophie, ihrem Haarstüberl und dem Glühen ihres Lebenstraums im spätherbstlichen Abendlicht.

© SZ vom 13.09.2016
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