Bruno Ganz zum 70.:Seelenfänger mit Stirnrelief

Engel, Hitler, Faust: Zum 70. Geburtstag von Bruno Ganz, der auch im Film stets ein außerordentlicher Theaterschauspieler ist. In Bildern.

Lothar Müller

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BRUNO GANZ ALS ADOLF HITLER

Quelle: DPA/Bruno Ganz als Adolf Hitler in "Der Untergang"

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Engel, Hitler, Faust: Zum 70. Geburtstag von Bruno Ganz, der auch im Film stets ein außerordentlicher Theaterschauspieler ist. In Bildern.

Vom Himmel fällt eine solche Stirn nicht. Bruno Ganz hat sie jahrzehntelang in Falten gelegt und die Augenbrauen nach oben gezogen, um dieses Relief hervorzubringen.

Text: Lothar Müller/SZ vom 22.3.2010/sueddeutsche.de/tolu/rus

Bruno Ganz wird 70

Quelle: dpa

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Das Faltenrelief war schon da, als er vor gut einem Jahrzehnt den Faust in Peter Steins Inszenierung zur Expo 2000 in Hannover spielte, einen Finger ans Kinn legte, die Zitate als Zitate einer ihm fernen Figur sprach und den Mephisto Robert Hunger-Bühlers beschied: "Der Casus macht mich lachen."

Natürlich lachte er nicht dabei. Denn er ist ein Mann nicht des Gelächters, sondern des Lächelns. Wenn ihm ein Mephisto gegenübersteht, dann tritt an diesem Lächeln das Entwaffnend-Hintersinnige hervor und verbündet sich mit den Grübelfalten der Stirn. Mephisto mag der durchtriebenere Seelenfänger sein, aber es lag etwas ebenbürtig Seelenfängerisches im schweizerischen Timbre der Stimme dieses Fausts, der keiner sein wollte.

Bruno Ganz, 1996

Quelle: RUMPF, STEPHAN

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Bruno Ganz, 1941 in Zürich als Sohn eines Schweizer Arbeiters und einer Italienerin geboren, ist als junger Mann, der schon ein wenig Bühnenerfahrung gesammelt hatte, nach Deutschland gegangen, und er hat schon auf seiner ersten Station, am Theater in Bremen, begonnen, aus dem Seelenfänger-Timbre seiner Stimme und der allmählichen Verwandlung der glatten in die gerunzelte Stirn den Schauspieler zusammenzusetzen, der er sein wollte.

Bruno Ganz 'Der Untergang' Schweiz-Premiere

Quelle: dpa/dpaweb

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Schon in Bremen, wo Mitte der 1960er Jahre Kurt Hübner Intendant war, begegnete Bruno Ganz den Regisseuren Peter Zadek und Peter Stein. In den Räubern des einen war er der Franz Moor, in Kabale und Liebe des anderen der Sekretär Wurm, aber früh ließ er die luziferischen Intriganten und großen Schurken in eine andere Richtung ziehen, wo sie dann dem Kollegen Gert Voss begegneten. Als Titelheld in Goethes Torquato Tasso erwarb sich Bruno Ganz in Peter Steins Regie seinen ersten großen Ruhm, und damit war der Weg bezeichnet, der - im Wechsel von traumverlorenem Sprechen und zusammengepressten Lippen - über den Peer Gynt und den Empedokles und den Prinzen von Homburg zum Hamlet führen sollte, nicht aber zu Richard III.

"BROT UND TULPEN"

Quelle: DDP/Mit Licia Miglietta in "Brot und Tulpen", 2000

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Etwas Wippendes, Unverschämtes, in dem im Hintergrund die Komik auf der Lauer lag, blieb aber der schlanken Gestalt erhalten, als Bruno Ganz bei den Salzburger Festspielen 1972 in der Regie von Claus Peymann der Doktor in Thomas Bernhards Der Ignorant und der Wahnsinnige war. Und zugleich trat, weil ihm Ulrich Wildgruber mehr gegenübersaß als gegenüberstand und bereits die massive physische Präsenz der Körpermitte erkennen ließ, die er auf die Bühne zu wuchten imstande war, das eigentümlich Ätherische hervor, mit dem Bruno Ganz seine Figuren umgibt.

Es ist überhaupt seltsam, wie das Charakteristische dieses Schauspielers immer wieder im Kontrast zum jeweiligen Gegenüber hervortrat. So war es, als Klaus Michael Grüber ihm, als er 1982 in der kahlen Apsis der Berliner Schaubühne den Hamlet spielte, Bernhard Minetti als ersten Schauspieler gegenüberstellte. Der gab, durch alle Doppelbödigkeiten und symbolischen Brechungen hindurch, einen alternden Komödianten - und Bruno Ganz war ein Hamlet, in dem ein nicht-komödiantischer Seelenfänger-Schauspieler steckte.

Der amerikanische Freund

Quelle: Kinowelt Home Entertainment

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Damals war aus dem Theaterschauspieler schon der Filmschauspieler Bruno Ganz herausgetreten, und auch für diesen gab es ein Gegenüber, der seinen eigenen Typus markant hervortreten ließ. Dieses Gegenüber war Dennis Hopper in dem Film Der amerikanische Freund von Wim Wenders (1977). Zuvor, in Peter Steins Film Sommergäste (1976), der aus der Schaubühnen-Inszenierung hervorging, war Bruno Ganz Theaterschauspieler unter Theaterschauspielern gewesen, und so war es auch in Eric Rohmers Marquise von O ... (1975).

Nun stand er, als rätselhaft verschrobener Bilderrahmenmacher Jonathan Zimmermann in Hamburg, einem amerikanischen Filmschauspieler gegenüber und demonstrierte, was das Gesetz seiner Kino-Karriere sein würde: Dass er dabei unweigerlich und unverkennbar Theaterschauspieler bleiben würde, ob er über nasses Kopfsteinpflaster ging, in einem Restaurant in Venedig kellnerte, in einem Auto oder auf der Siegessäule saß.

Bambi 2004 - Bruno Ganz und Alexandra Maria Lara

Quelle: Ulrich Perrey/dpa

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Bis an die Spitze der Deutschen Filmakademie hat die Kino-Karriere Bruno Ganz geführt. In den Filmen ist er immer der Mann aus einer anderen Welt geblieben.

Bruno Ganz wird 70

Quelle: dpa

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Darum war seine ideale Kino-Rolle der Engel in Der Himmel über Berlin (1987) von Wim Wenders. Curt Bois, über den - und seinen Antipoden Bernhard Minetti - Ganz zusammen mit Otto Sander einen Dokumentarfilm gedreht hat, hatte darin eine Gastrolleund war wie der Amerikaner Peter Falk eine komödiantische Kontrastfigur zum Engel Bruno Ganz, der sich nach Körpergewicht und Bodenhaftung sehnte.

Bruno Ganz wird 70

Quelle: dpa

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Im Untergang (2004) war Bruno Ganz dann - als auf ähnlich geschminkter und seine Stimme schnarrend dem Original anpassender Hitler - so theatralisch, dass man sich den toten Curt Bois vom Himmel herabwünschte, damit er Bruno Ganz an den naturalistisch zitternden Parkinson-Händen nähme und ihn vollends in die Groteske entführte. Aber zum Glück hat der Hölderlin-Rezitator Bruno Ganz den Hitler-Darsteller überlebt.

Dutzende Filmauftritte sind seither hinzugekommen, zuletzt die prononcierten Altersrollen: als Tiziano Terzani mit weißem Rauschebart in Das Ende ist mein Anfang (2010) und an der Seite von Senta Berger in Satte Farben vor Schwarz (2011). An diesem Dienstag wird Bruno Ganz siebzig Jahre alt. Wir gratulieren.

© SZ vom 22.03.2011 /tolu
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