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"Bruderherz" auf Disney Plus:Hogwarts für Footballspieler

Bruderherz

Rays kleiner Bruder Fahmarr staunt über den modernen Campus der Clemson-Universität.

(Foto: Disney+)

Der Film "Bruderherz" wäre gern alles: Sportfilm, Campus-Komödie und Uni-Werbefilm. Die Sozialkritik, die in der Geschichte steckt, kommt dabei zu kurz.

Von Nicolas Freund

Es ist kein gutes Zeichen, wenn Filme ihre eigene Kritik schon mitliefern. Ganz besonders dann nicht, wenn sie es unfreiwillig tun. "Sie helfen einem schwarzen Kind in Not, nur damit Sie nachts besser schlafen können. Hören Sie auf, Interesse zu heucheln", feuert Ray seinem Football-Coach einmal an den Kopf und es ist eine der wenigen Szenen in "Bruderherz", in denen dieser Film zum Kern der Geschichte vordringt, die er zu erzählen vorgibt.

Ray hat eigentlich Glück gehabt. Er kommt aus einem heruntergekommenen Viertel Atlantas, wo Gangs die Aufgaben von Familie und Staat übernommen haben. Eine Karriere als Drogendealer ist hier die aussichtsreichste und oft sogar die einzig mögliche. Ray aber hat sich eine andere Option erarbeitet: Als Sportstipendiat studiert er an der Clemson University in South Carolina. Der schicke Campus ist nicht nur ein krasser Kontrast zu dem Sozialbau, in dem er aufgewachsen ist, Ray weiß auch genau: Wenn er hier besteht, dann ist der Abschluss sein Ausweg in ein besseres Leben.

Klar, dass der Film das College inszeniert, als wäre Ray in Hogwarts zugelassen worden: Alles ist ein bisschen zu viel, die Studenten zu hübsch und nett, die Professoren zu grau und schlau, die Trainer so hart, dass sie auch Drill Sergeants sein könnten. Auf dem gesamten Gelände scheint das Tragen von Clemson-University-Merchandise Pflicht zu sein. Große Teile des Films wirken wie ein außer Kontrolle geratener Uni-Werbeclip.

Der Film basiert auf einer wahren Geschichte, die mit viel Aufwand recherchiert wurde

Aber immerhin einer, der Spaß macht, wenn man ihn als College- oder Football-Film und nicht als Sozialdrama ansieht. Jay Reeves, der Ray spielt, wechselt mühelos zwischen gut getimtem Humor und großer Ernsthaftigkeit. Man spürt, dass es hier für ihn um etwas geht, wenn er zwischen Football-Feld und Psychologievorlesung hin und her hetzt oder keine Ahnung hat, wie er mit der hübschen Kaycee und ihrem besten Freund, dem fiesen Quarterback Keller, umgehen soll. Das sind Klischees, so austauschbar wie Rays Kleiderschrank voller Clemson-T-Shirts, aber sie funktionieren.

Richtig lustig wird es, als Rays kleiner Bruder zu ihm auf den Campus kommt. Obwohl die Situation alles andere als witzig ist: Die Mutter der beiden wird mit Drogen erwischt und muss für Monate in eine Entzugsklinik. Ray steht jetzt vor der Entscheidung, ob er seinen 11 Jahre alten Bruder Fahmarr in eine Pflegefamilie geben möchte, oder ob er sich selbst um ihn kümmert. Er entscheidet sich für Letzteres, ohne einen Plan zu haben, wie er das mit einem Vollzeitstudium und einem brutalen Trainingsplan koordinieren will. Zum Glück machen Rays Campus-Kumpel mit und helfen, den Kleinen mit Videospielen zu bespaßen oder ihn in einer Reisetasche auf die Toilette zu schmuggeln. Niemand darf etwas von Rays Untermieter wissen, denn wenn er auch nur gegen die kleinste Regel verstößt, kann ihm sein Stipendium entzogen werden.

Kaum vorstellbar, dass ein weißer Student dieselben Ängste hätte

Der Film basiert auf einer wahren Geschichte, die für den Film mit viel Aufwand recherchiert wurde. Wirklich verstecken musste der echte Ray McElrathbey seinen kleinen Bruder nicht, er blieb einfach nach einem Besuch bei ihm im Wohnheim. Die übrigen Probleme sind aber echt: eine von Drogen zerrüttete Familie, die Härte des amerikanischen Bildungssystems, in dem Geld alles entscheiden kann, und Regeln, die für Schwarze immer noch etwas strenger ausgelegt zu werden scheinen.

Es ist kaum vorstellbar, dass ein weißer Student Angst vor einem Sorgerechtsstreit und vor dem Verlust seines Stipendiums hätte. Der Rassismus wird aber nur angedeutet, so wie die Armut, wenn Fahmarr einmal kurz über den modernen Campus staunt und dann gleich wieder lustig sein darf. Dass der echte Ray sein Stipendium schließlich doch wegen einer Verletzung verlor, wird nicht erwähnt. "Bruderherz" widmet sich lieber dem wärmenden Durchhalte-Pathos der Kommilitonen und Teamkollegen.

Der Film weicht den echten Fragen zugunsten unterhaltsamer, aber austauschbarer College- und Sportfilmversatzstücke aus. Das wäre nicht so störend, wenn diese Fragen nicht so ernst und offensichtlich wären, dass sie ständig durch die makellose Oberfläche dringen. Es fehlt etwas und das Interesse des Films an der Geschichte wirkt neben den vielen Witzen und der aufdringlichen Inszenierung der Universität wie Ray selbst sagt: geheuchelt.

Safety, USA 2020 - Regie: Reginald Hudlin. Buch: Nick Santora. Kamera: Shane Hurlbut. Mit: Jay Reeves, Thaddeus J. Mixson, Corinne Foxx. Mehr Credits auf imdb. Disney Plus, 122 Minuten.

© SZ/khil
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