Süddeutsche Zeitung

Bruce Springsteen in Frankfurt:Mit Klimax, Quark und Tränen

Ohne Vorgruppe oder Sektpause: Bruce Springsteen spielt drei Stunden in Frankfurt. Und bevor wir lange herumtun: Es war ein gewaltiger Abend, ein Popkonzert, wie man es alle paar Sternstunden mal erlebt. Eine Show, in der keiner wusste, was als nächstes passieren würde. Nur Springsteen, der aber nichts verriet - sondern zeigte, was für ein verdammter Teufelskerl er ist.

Joachim Hentschel, Frankfurt

Wir steigen nicht in den großen Donnerzug, der uns mit sonnenblitzenden Stahlrädern ins Land der Hoffnungen und Träume bringt. Sondern in die S1 Richtung Wiesbaden. Statt der Thunder Road nehmen wir die Otto-Fleck-Schneise, raus zum Frankfurter Fußballstadion, und falls auf dem Weg dann plötzlich eine Mitfahrerin dazukommt, heißt sie niemals Sandy, Candy oder Wendy, sondern allerhöchstens Kathrin.

Das ist auch schon die maximal banale Antwort darauf, warum es keinen deutschen Bruce Springsteen gibt. Weil man Mythen nicht einfach behaupten kann, wenn das Material sie nicht hergibt. Weil die amerikanische Geschichte - die ja keine reine Historie ist, sondern eine echte Erzählung - es nun mal schafft, bestimmte Metalloberflächen, Dornbüsche und Jeans-Hosenböden auf eine Art und Weise zum Schwingen zu bringen, die bei uns nicht funktioniert. Dabei wurde dem Sänger Springsteen sogar schon im eigenen Land vorgeworfen, seine Songs handelten doch immer nur von Autos und Mädchen. Hat zwar nie gestimmt, aber: Himmel, was für Autos das waren! Was für Mädchen!

Heute, mit 62, gilt er in den USA als einer, der mit seiner Wahlempfehlung Präsidenten küren und stürzen kann (solange er nicht noch selbst kandidiert). Während man in Deutschland nicht mal wüsste, in welche Partei man ihn notfalls stecken sollte. Bei uns ist der anderswo so realpolitische Bruce Springsteen vor allem eine Glaubenssache. Und wäre der Vergleich im Zusammenhang mit Rockkonzerten nicht so irrsinnig ausgeleiert und tendenziös, müsste man jetzt sagen: Es war ein Gottesdienst, als Springsteen und seine E Street Band am Freitagabend in der Frankfurter Commerzbank-Arena spielten. Bei strahlendem Licht, vor mehr als 40.000 Menschen, der erste von drei Deutschlandauftritten. Über drei Stunden lang, ohne Vorgruppe oder Sektpause, das fünfundzwanzigste Konzert auf einer 63 Auftritte umfassenden Superwelttournee.

Und bevor wir lange herumtun: Es war ein gewaltiger Abend, ein Popkonzert, wie man es alle paar Sternstunden mal erlebt, mit Klimax, Quark und Tränen, retardierenden Momenten, Antäuschen, leichtem Schlingern und scharfer Schussfahrt aus der Kurve. Eine Show, in der keiner wusste, was als nächstes passieren würde, nur Springsteen, aber der verriet nichts.

Im großen Stadion: vor allem die Träumer und Gläubigen. Leute, die nicht unbedingt einen großen Papa aus Amerika brauchen, aber deren Fantasie ausreicht, um Springsteens alte Fallbeispiele (Dust Bowl, Highway, Hügel über der Stadt) doch ein wenig auf sich selbst zu beziehen. Dem Mann selbst - der seine typische Hemd-Jeans-Riesenpulswärmer-Tarntracht trug und übrigens von niemandem mehr "Boss" genannt wird - schien es eher um die neueren Beispiele zu gehen. Gleich als zweites Stück spielte er "We Take Care Of Our Own", seinen Schlachtruf für 2012, sein Depressions-Szenario, in dem die Autos keinen Versicherungsschutz mehr haben und die Mädchen keinen Job. Es bleibe keine Wahl mehr, als das Schicksal in die eigene Hand zu nehmen, singt er - endlich mal eine praktisch weltweite Krise, auf die Bruce Springsteen als Oppositionsführer reagieren kann. Und die nun wirklich alle kapieren.

Höhepunkt des Abends ist einer der unheimlichsten Songs, die er je geschrieben hat. Eben ist die Sonne hinterm Stadionkessel verschwunden, einen Moment lang wird es richtig dunkel, im winzigen Scheinwerfermond singt Springsteen "Jack Of All Trades". Ein New-Orleans-Beerdigungslied mit Klavier, in dem es um die entwürdigende Mühe des Arbeiters geht, der mitansieht, wie die Bänker immer reicher und fetter werden. Simpelster, alleredelster Agitprop. Der Unterkiefer bebt, als der Sänger schwört, er werde die Saubande erschießen, sobald er ein Gewehr in die Hand bekäme. Und auch bei solcher Rollenprosa ist er derart bei sich, dass ein kalter Schauer durch die Arena zieht wie sonst die La-Ola-Welle.

Anderes klingt dann mehr nach irischem Trinklied oder Superhitparade der amerikanischen Volksmusik, und nach knapp zwei Stunden spielt die Truppe sogar mal etwas, was halbwegs als Hit durchgeht ("The River"), obwohl trotzdem schon alle fix und fertig sind. Springsteen parodiert sich selbst so gut wie kein anderer, küsst mitten im Song eine spanische Mädchenhand aus dem Publikum, sinkt in die Knie wie ein predigender Sumpfpriester, lässt den 2011 gestorbenen Band-Saxofonisten Clarence Clemons hochleben. Nimmt sich ein Handy und singt eine Strophe von "Spirit In The Night" hinein, macht Clowngrimassen dazu, so voluminös angelegt, dass sogar die Leute auf der Westtribüne sie sehen. Zu wie viel Plattheit ein einzelner, kleiner Entertainer vor einem so riesigen Auditorium bereit sein muss, weiß er auch. Am Ende wird so das Pathos gebändigt.

In Amerika redet Bruce Springsteen - dank der echten politischen Fallhöhe, die er dort erreicht hat - in Interviews oft so geschwollen über Schuld und Sühne, wie er es auf der Bühne nie tun würde. Und steht auf den Beobachtungslisten republikanischer Wadenbeißer, die ihm Steuerbetrug und Liebesaffären vorhalten. Kürzlich hat der Politikwissenschaftler Christopher Borick untersucht, warum trotz allem so viele Konservative seine Musik lieben: weil Springsteen seine liberalen Botschaften oft in extrem konservativ kodierte Bilder und Wörter fasst, über Flaggen, Familie, Gott, Grund und Boden singt, bis alle durcheinanderkommen - und ihn aus Versehen wählen.

Wie beim berühmten "Born In The U.S.A.", das eigentlich eine Reflexion über den Gewissenskrieg eines Vietnam-Heimkehrers sein soll, aber viel zu krachledern geriet. Ausgerechnet an diesem Stück - gespielt um die 140. Showminute herum, in der ersten Verlängerung, der großen Segnungsrunde - droht das Konzert dann noch zu zerbrechen. Springsteens Stimme beginnt zu bröseln, er kriegt die Brülltöne nicht mehr. Hat der Gigant sich übernommen, an der eigenen Botschaft verschluckt? Es gehört zu den unfassbarsten Momenten des Abends, wie er sich danach dann wieder zurück in den Ring handelt, mit der Mimik eines irren Wichtels ins Publikum rennt, die von Fans hochgehaltenen Pappkarten einsammelt und - allerletzter Akt, gemütliches Beisammensein - einfach noch Hörerwünsche erfüllt, wie der Onkel im Radio.

Zum Beispiel "Sherry Darling", ein monumental swingendes Sommerlied, in dem der Erzähler die zeternde Mutter der Geliebten durch den Rush-Hour-Verkehr zum Arbeitsamt fahren muss. Das Flutlicht ist längst an, das ganze Stadion hell, 40.000 Gesichter in Großaufnahme.

Warum Bruce Springsteen kein Konservativer ist, obwohl er oft so klingt? Weil dieser verdammte Teufelskerl sich keine Angst einjagen lässt. Weil die Angst an sich im Springsteen-Universum keinerlei Funktion hat, nicht zum Stimmenfang, nicht zum Machterhalt. Das ist das einzige, was manchmal etwas gruselig an ihm ist.

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