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Bruce Springsteens neue Platte:Weise Wehmut

Bruce Springsteen, 71, lebt immer noch in einer Welt aus Kies, Benzin, Wolken und Jeansstoff - zumindest werkimmanent

(Foto: AP)

"Letter To You" ist Bruce Springsteens erstes Album mit seiner sagenumwoben kraftvollen "E Street Band", bei dem es einen fröstelt. Soll man es wirklich schon als Letzten Willen des Meisters hören?

Von Joachim Hentschel

Faustregel: Wer seine Jugenderinnerungen in einer 500-Seiten-Autobiografie verarbeitet hat, dazu auch noch in einer Broadway-Liveshow, die mehr als 230 Mal vor vollem Haus gespielt wurde - der sollte es damit auch mal gut sein lassen. Nun aber beginnt das neue Album des Rocksängers, Songschreibers, Band-Dirigenten und liberalen Symbolamerikaners Bruce Springsteen - vier Jahre nach dem Buch, zwei Jahre nach der Show - gleich wieder mit den Güterzügen, die in den Fünfzigern durch Freehold, New Jersey fahren, den Penny-Münzen, die kleine Jungs auf die Schienen legen. Als Nächstes kommen die Schülerband-Gründung, die alten Freunde und so weiter. Entweder hat er wirklich keine anderen Geschichten mehr. Oder, auch das ist denkbar: Das zuletzt betriebene Studium der eigenen Historie hat Springsteen erst so richtig sentimental gemacht.

"Letter To You" heißt die Platte, ebenso die Dokumentation, die begleitend beim Streamingkanal Apple TV+ läuft. Wer dieses "you" ist, also an wen sich der Brief richtet - darauf wird man am Ende, nach zwölf Songs und 90 Minuten Film, ein paar mögliche Antworten haben. Das Publikum könnte gemeint sein, die legendäre Springsteen-Gemeinde, die Tickets für 2600 Konzerte gekauft hat. Oder die Weggefährten und Kupferstecher aus seiner E Street Band, mit denen er auf diesem Album wieder zusammenspielt. Dass Springsteen hier in Wahrheit schon den kosmischen Motor anwirft, um die Sphäre des Irdischen zu verlassen, dass man die Platte also als Letzten Willen und Testament hören kann, sozusagen als Brief an Gott: Vieles deutet darauf hin. Auch wenn hinterher, wie fast immer in der duldsamen Kunst, wohl wieder alle Antworten stimmen.

Springsteen ist 71, lebt immer noch in einer Welt aus Kies, Benzin, Wolken und Jeansstoff, zumindest werkimmanent. Dass das selten Konfessionen sein sollen, sondern Bilder, Gleichnisse und Heldenposen, kollektives United-States-Gedächtnis, komprimierter Steinbeck, auf Popotaschenformat gestauchter Scorsese, das hat er in seiner großartigen Broadway-Show (die auf Netflix zu sehen ist) selbst noch einmal thematisiert. "Ich habe nie im Leben fünf Tage pro Woche gearbeitet", sagt er da, "also bis jetzt." Eine Anspielung auf den Theaterspielplan, andererseits auf seine Working-Class-Aura. Die Leute lachen laut.

Dieser Humor geht Springsteens Musik leider völlig ab. Es dürfte einer der Gründe dafür sein, dass ein großer Teil des jüngeren, politisch reflektierten Publikums in ihm heute vor allem ein flanelltapeziertes Feindbild sieht. Der deutsche Rolling Stone bekam kürzlich eine Spottwelle ab, als bekannt wurde, dass das Magazin ein geplantes Titelbild mit den Musikerinnen Joy Denalane und Ilgen-Nur gekippt hatte, die sich im Interview zu Rassismus und Feminismus äußerten. Als Ersatz guckte Springsteen treu vom Cover. Man könnte das zum Vielzweck-Buzzword geronnene Alte-weiße-Männer-Problem nicht besser veranschaulichen.

Und so bebt auch die neue Filmdoku wieder vor Theatermonologen, in körnigem Schwarz-weiß geschlagenen Gitarren und starkem Cowboy-Gegenlicht. Springsteens Band, die seit gut 45 Jahren existiert, traf sich im November 2019 auf seiner Farm in New Jersey, nahm die zwölf Songs von "Letter To You" dort in nur vier Tagen auf, rockte sie sich gewissermaßen ohne Umweg von der Leber. Musikmachen sieht im Springsteen-Universum durchaus wie ein Kumpelsport aus, aber eben wie ein besonders sensibler, detailgenauer: Hier wird nicht ölig geschraubt, sondern gemeinsam feinjustiert, an jedem Break, jeder Saxofonlinie. "Ich begann mit dem Gitarrespielen, weil ich jemanden suchte, mit dem ich kommunizieren konnte", deklamiert Springsteen in einem seiner buschbrennenden Off-Kommentare, und hier meint er tatsächlich: Der Rock 'n' Roll hat Menschen seit jeher auch dadurch gerettet, dass er es ihnen erlaubte, zusammen in Bands zu spielen.

Pressebilder Bruce Springsteen 2020 zum neuen Album "Letter To You"

"Ich bin allein hier draußen / und ich komme nach Hause." - Bruce Springsteen und die "E Street Band" bei den Aufnahmen zu "Letter To You".

(Foto: Rob DeMartin/Sony Music)

"Last Man Standing": So ist das, wenn du der letzte Überlebende deiner alten Schülerband bist

Im Juli 2018 starb George Theiss, ein Freund und Mitmusiker Springsteens aus Teenagertagen. "Last Man Standing", einer der besten neuen Songs, dreht sich darum: um Springsteens Erkenntnis, dass er heute das letzte lebende Mitglied seiner fünfköpfigen Schülerband von 1965 ist. Die echten, nicht metaphorischen Einschläge kommen näher, auch die E Street Band hat zuletzt zwei Männer verloren. Und langsam versteht man dann auch die poetische Notwendigkeit, aus der heraus Springsteen die Kindheitsschnurren hier ein weiteres Mal ausgepackt hat. Nur so kann er den großen Zirkel erklären. Das Ende der Ära des Rock 'n' Roll, seiner Urmotivation und Aufführungspraxis, das nah herbeigekommen ist. Die Ablösung der Boomer aus der Popkultur, wie man auf Twitter sagen würde.

Das Leben, so scheint uns der Alte hier zuzurufen, ist wie ein Konzert, an dessen Ende man die Klampfe in den Koffer schließt, während die Verstärker auf der leeren Bühne immer weiterbrummen. "Ich bin allein hier draußen", singt Springsteen in "Ghosts", "und ich komme nach Hause." Dann wird der Rock 'n' Roll buchstäblich der Mythos sein, als der er ständig bezeichnet wird. Das erste E-Street-Band-Album, bei dem es einen fröstelt.

Aber okay, Mystik mal beiseite: Wie ist die Platte denn sonst so? Springsteen hat sich selbst immer als Dienstleister an seinem Publikum positioniert, der nicht an Konzeption oder Transzendenz gemessen werden will, sondern daran, wie gut er abliefert. In der Hinsicht ist "Letter To You" nur ein mittlerer Erfolg, natürlich im Rahmen des Markenkerns, der kernigen Gitarren, des Orgelfauchens, der feurigen Chöre, die zeigen, wie viel die Band zeitlebens vom Soul gelernt hat. Echte Höhepunkte fehlen, einige Songs klingen generisch. Drei stammen sogar aus den frühen Siebzigern, der Regierungszeit von Richard Nixon, über den Springsteen damals übrigens ebenso wenige Spottlieder sang wie heute über Trump. Einige kreiden ihm das an, der Vorwurf wirkt absurd, wenn man sein Werk kennt.

Man könnte auch sagen: "Letter To You" klingt nun mal wie eine Rockplatte, die in vier Tagen gemacht wurde. Darin, in dieser Anschauungssubstanz, liegen die einzigen Ratschläge, die Springsteen seinen historischen Nachfolgerinnen und Nachfolgern hinterlässt. Die Popsängerin Miley Cyrus, 27, zelebriert ja gerade öffentlich ihre Konversion zum Rock 'n' Roll, sie hat eine blutig geröhrte Version des Cranberries-Songs "Zombie" veröffentlicht und ein Album mit Metallica-Coverversionen angekündigt. Das könnte sogar gut werden. Ein T-Shirt mit dem Springsteen-Slogan "Born to Run" hat sie jedenfalls schon in ihrem Online-Shop.

© SZ vom 23.10.2020
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