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Bruce Nauman in Basel:Ein IQ wie eine psychedelische Droge

"Green Horses", Video-Still aus dem Jahr 1988

(Foto: Bruce Nauman/VG Bild Kunst, Bonn 2018)

Bruce Nauman, der wohl bedeutendste lebende Künstler, wird in Basel mit einer großen Retrospektive geehrt. Niemand sonst hat für unser "bizarres" Zeitalter eine so prägnante Bildsprache gefunden.

Von Catrin Lorch

Das Foto "Self Portrait as a Fountain" zeigt den Künstler Bruce Nauman, wie er einen kleinen Bogen Wasser zwischen seinen Lippen hervorspritzen lässt, direkt in die Linse der Kamera oder auch in Richtung seines Betrachters, dessen Blick seine Augen amüsiert festzuhalten scheinen. Es ist unmöglich, die Titelzeile "Self Portrait as a Fountain" nicht als Anspielung auf Marcel Duchamp zu lesen, auf dessen "Fountain" betiteltes Urinal aus dem Jahr 1917, ein Schlüsselwerk des frühen zwanzigsten Jahrhunderts, ein erstes Readymade. Das Selbstporträt von Bruce Nauman aus dem Jahr 1966 dagegen markiert den Anfang eines Œuvres, das sich über mehr als ein halbes Jahrhundert entfaltet und dem derzeit eine mehr als 170 Werke umfassende Retrospektive "Disappearing Acts" im Baseler Schaulager gilt.

Der junge Bruce Nauman, der sich mit seinem Selbstporträt der Kunstgeschichte fast übermütig in den Weg stellt, scheint rückblickend in die Sechzigerjahre Kaliforniens zu passen, wo der im Jahr 1941 in Fort Wayne geborene Nauman damals lebte und arbeitete. Denn die Westküste der USA bildete den Gegenpol zum vom Kunstmarkt und großen Museen, von Pop-Art und Abstraktem Expressionismus beschwerten New York, wo Marcel Duchamp noch lebte und nicht arbeitete. In Kalifornien konnte man als Performer dagegen an der Erweiterung dessen, was Kunst ist, arbeiten oder die Außenlinien des Ichs etwas verschieben. Der 25-jährige Bruce Nauman, der zunächst Mathematik, Physik und Musik studiert hatte, schien Kunst wie ein Experiment zu betreiben. Dass man ausgerechnet ihn "nie unter Drogen" erlebt habe, darauf weisen Freunde wie Stephen Kaltenbach hin, nicht ohne anzufügen, Naumans Droge sei sein hoher IQ gewesen, "und der ist per se etwas psychedelisch."

Bruce Nauman hat sich vor laufender Filmkamera sein Gesicht, seinen nackten Oberkörper und die muskulösen Arme mit Schminke bemalt, in Weiß, Rot, Grün und Schwarz. Im Studio balancierte er auf weißen Linien, die aussahen wie die Markierungen eines Spielfelds, auch dazu ließ er die Filmkamera laufen; den Existenzialismus eines Samuel Beckett verwandelte er in einen exaltierten Tanzschritt namens "Beckett-Walk", bei dem ein Bein rechtwinklig in der Luft zu stehen scheint.

Seine Übungen müssen wie ein Spiel gewirkt haben, dessen Regeln keiner begreift

Auf das Kunstpublikum müssen die einsamen Übungen, diese Schwarz-Weiß-Bilder wie ein Spiel gewirkt haben, dessen Regeln keiner begreift. Nur wenige - wie der Künstler John Baldessari oder die Kritikerin Lucy Lippard - nahmen den jungen Mann wahr, ahnten, dass sich etwas gleichermaßen Epochales wie zutiefst Verstörendes anbahnte. Für die Videoperformance "Walk with Contrapposto" (1968) baute Nauman dann vor der Kamera einen klaustrophobisch engen Gang auf, in dem er selbst immer wieder ins Kontrapost stolpert, die klassische Pose, in der Bildhauer seit der Antike menschliche Figuren darstellen. Eine überreizte, verstörende Etüde, die sich abgrenzt von einem Ideal - und doch nicht davon lassen kann, bis in die Titelzeile hinein, die holpert, als habe der Künstler auch die Worte enger gefasst.

Die Avantgarde der Westküste - Ausnahmekünstler wie eben Bruce Nauman oder dessen Musiker und Freund John Cage - reizten ihre Disziplinen aus, sie führten den Zufall in die Komposition ein und die Stille oder filmten ihr leeres Atelier bei Nacht. Dass sich Bruce Naumans Werk in den folgenden Jahrzehnten nicht auf Handschrift, Stil oder Thematik reduzieren ließ, verwirrte das Publikum.

Der Amerikaner formulierte seine Themen zuweilen so schmallippig wie ein Philosoph, verwendete Begriffe wie Spiel, Leben, Laufen, Tod und Sterben oder setzte sie mit dem Bleistift auf Papier zu kurzen Zeilen wie "Make Me Think Me" zusammen. Und konstruierte aus allem anklingenden Nihilismus dann monumentale, technoide und knallbunte Lichtspiele, schließlich kann man jeden einzelnen Buchstaben aus Neonröhren formen und an- oder ausknipsen wie ein Küchenlicht.

In den gewaltigen Räumen des Basler Schaulagers kann man die einzelnen Etappen in kluger Verschränkung erleben. Der Faden, den die Kuratorin Kathy Halbreich vom "Museum of Modern Art" in diesem Labyrinth auslegt, ist das Motiv der Abwesenheit. Die engen, von Kameras überwachten Korridore, an deren Ende kleine Monitore das Verschwinden der Besucher zeigen, gehen über in kahle Räume, in denen eine körperlose Stimme dem Publikum zuflüstert: "Get Out of My Mind, Get Out of This Room."

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