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Brooks Brothers - Insolvenz:Hemden für Romanhelden

AMERICAN PSYCHO, Christian Bale, 2000 Lions Gate/Courtesy Everett Collection !ACHTUNG AUFNAHMEDATUM GESCHÄTZT! PUBLICATI

Der Mörder ist immer gut gekleidet: Christian Bale in der Verfilmung von "American Psycho", der in Buch und Film gerne bei Brooks Brothers, Armani und Co. shoppt.

(Foto: Lions Gate/Courtesy Everett Collection via www.imago-images.de/imago images/Everett Collection)

Theodore Decker in "Der Distelfink", Patrick Bateman in "American Psycho", der Erzähler in "Faserland" - die Brooks Brothers-Insolvenz hinterlässt eine modische Leerstelle in der Popkultur.

Von Theresa Hein

Was ist schlimmer: Von einem Irren den Schädel gespalten zu bekommen oder von einem Irren ohne Stilbewusstsein den Schädel gespalten zu bekommen? Eine ziemlich klare Meinung dazu dürfte Patrick Bateman haben, Protagonist, Serienkiller und Investmentbanker in Bret Easton Ellis' Roman "American Psycho" aus dem Jahr 1991.

Bateman ermordet nicht nur nachts bestialisch seine Dates, Arbeitskollegen und Prostituierte, sondern kauft auch noch - immerhin - gern bei Armani, Valentino und Allen Edmonds ein. Und, natürlich, bei Brooks Brothers. Zur 200-jährigen Geschichte des US-amerikanischen Modelabels, das am Mittwoch in den USA Insolvenz angemeldet hat, gehört schließlich eine erstaunliche Präsenz in der Garderobe einiger der bedeutendsten männlichen Romanfiguren der vergangenen 100 Jahre.

"Der Kragen bei diesen Hemden rollt sich ein bisschen"

Nicht alle fiktiven Brothers-Träger sind psychisch so derangiert wie Bateman. Manchmal haben sie auch einfach nur traumatische Verluste erlitten, wie Theodore Decker in "Der Distelfink". Nach dem Tod seiner Mutter wird der 13-Jährige von der Upper-East-Side-Familie eines Schulfreundes, bei der er unterkommt (und die den sprechenden Familiennamen "Barbour" trägt), neu eingekleidet. Theodore lässt sich von Mrs. Barbour "zu Brooks Brothers schleppen, wo sie mir Segelschuhe und leichte Baumwoll-Sweater kaufte, die ich auf dem Wasser tragen sollte, wenn es abends kühl würde."

Begeisterter äußert sich der Erzähler in Christian Krachts "Faserland": "Der Kragen bei diesen Hemden rollt sich ein bisschen und das Hellblau sieht immer frisch aus".

Kein Wunder. Die Marke ist assoziiert mit einem bestimmten, zuweilen sehr US-amerikanischen und sehr weißen Bild von Männlichkeit im 20. Jahrhundert: das, wofür es im Englischen das Wort "preppy" gibt, das sich etwas unbefriedigend vielleicht mit "adrett" übersetzen lässt. Das Wort kommt von den "Preparatory Schools", abgekürzt "Prep Schools", in den USA. Jenen weiterführenden Schulen also, die ihre Schüler in Bildung, Sozialverhalten und Etikette auf die amerikanischen Unis vorbereiten sollen - im besten Fall natürlich eines der Colleges der Ivy League.

Die perfekte Garderobe für Serienkiller, Cocktailgäste und jugendliche Kunstdiebe

Wer "preppy" ist, der sieht also nach "upper class" aus - reich, anständig, ein bisschen fad. Das funktioniert als Code in der Popkultur natürlich hervorragend: Wenn Donna Tarrt erzählt, wie Theodore Decker von seiner Stiefmutter-auf-Zeit in die Madison Avenue geschleift wird, damit er repräsentabel gekleidet ist, dann weiß der Leser: Aha, Brooks Brothers, und denkt an sanft eingerollte Hemdkrägen und leichte Kaschmirpullis in Farben wie "Sand", "Salbei" und "Mitternachtsblau". Brooks Brothers war damit nicht nur die perfekte Garderobe für Serienkiller, Cocktailgäste und jugendliche Kunstdiebe - es war auch eine popkulturelle Instanz.

Christian Kracht äußerte auf seiner Facebookseite am Mittwoch wohl auch deshalb Bedauern und postete das Bild eines Covers von J.D. Salingers "Der Fänger im Roggen" mit den Worten "Bye, bye Brooks Brothers. Sad to see you go." Auf dem Cover ist der Romanheld Holden Caulfield in seinem legendären roten Käppi zu sehen, über das es im Roman heißt: "Es war eine rote Jagdmütze mit langem Schild. Ich hatte sie in einem Sportgeschäft im Schaufenster gesehen, als wir aus der Untergrundbahn kamen."

Ob Holden die Mütze tatsächlich bei Brooks Brothers gekauft hat, wird nicht erwähnt. Allerdings war die Marke Autoren wie J.D. Salinger und 20 Jahre früher bei F. Scott Fitzgerald mehr als ein bloßer Begriff, und Holden - melancholisch, traurig, klug - die ideale Zielgruppe. Vielleicht war Holdens berühmte Mütze aber auch Vintage, denn für Brooks-Brothers-Neu-Kauf-Verhältnisse war sie schlicht zu günstig: Sie kostete nur einen Dollar. Außerdem dürfte Holdens Abscheu davor, einen Laden wie den in der Madison Avenue zu betreten, zu groß gewesen sein.

Zwei Fragen drängen sich also auf: Was sollen all die melancholischen, aber gesellschaftsfähigen und weltgewandten New Yorker anziehen, wenn es Brooks Brothers tatsächlich nicht mehr gibt? Und, wichtiger: Werden Romane nun verstärkt in Zeiten spielen, in denen es die Klamotten noch gab - in einem Hellblau, das immer frisch aussah?

© SZ/biaz/tmh

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