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"Puro Amor" von den Broilers:Ein gewisses Maß an Regierungsfähigkeit

Broilers

"Wenn der Rücken es erlaubt, die Mittelfinger hoch!" Die Broilers. Aus Düsseldorf.

(Foto: Robert Eikelpoth)

Die "Broilers" singen übers Saufen, Fußball, Frieden - und das Eheleben von Alice Weidel. Sie machen also: Punk. Ja, immer noch.

Von Joachim Hentschel

Die nützliche Frage, die in vielen Lebenslagen hilft: Das hier - ist das noch Punk? Bislang wurde sie in der Regel dann gestellt, wenn alte Ikonen, die man 1978 noch in löchrigen Rattenpullis rückwärts über Bühnen schleudertaumeln sah, plötzlich Werbung für Milchprodukte machten. Oder ehemalige britische Kunstradikale irgendwelche diamantbesetzten Objekte oder sonstiges teures, eitles Handwerk versteigerten. Oder, und danach kann man die Uhr stellen, sobald die Toten Hosen oder Die Ärzte neue Musik veröffentlichen.

Allerdings kann die P-Frage umgekehrt auch Leute treffen, die sich auf dem Papier zwar extrem punkig verhalten, aber das aus anderen Gründen eigentlich nicht mehr sollten. Wie zum Beispiel die sprichwörtlich Altvorderen, die noch mit Mitte 40 in Speckleder vor Supermärkten herumhängen und Passanten um Bierspenden anbetteln.

Natürlich tappt man also schnell in furchtbare Definitions- und Abwägungsfallen, wenn man klären will, ob irgendwas oder irgendwer einem schwer zu definierenden, fluiden Ideal entspricht. Als kürzlich Fotos auftauchten, auf denen man den einstigen Spindelheini Pete Doherty als Dickerchen in Westfrankreich sah, waren viele entsetzt. Obwohl man es ja als umso größere Punkgeste sehen könnte, wenn einer die Maßstäbe der Coolness ignoriert und die Buttercreme isst, anstatt sie stehen zu lassen. Brüllt Cholesterin nicht auch "No Future"?

"Komm und halt dein Maul, deine Tage sind gezählt"

Die Band Broilers aus Düsseldorf kennt die P-Frage gut, beantwortet sie jedoch mit einer ausgesprochen proaktiven künstlerischen Setzung. Wer ihre Musik hört, sie vielleicht sogar live erlebt, was unbedingt zu empfehlen ist, bekommt dabei gewissermaßen Schritt für Schritt vorexerziert, was wie wann auch über die Zeit hinweg Punk ist und bleiben wird. Welche ästhetischen Metamorphosen das szenetechnisch abgesicherte Subkulturelle durchlaufen kann, wenn seine Macherinnen und Macher halt erwachsener werden, wenn die Dinge sich verkomplizieren, der Rahmen größer oder einfach anders wird.

Definitionen sind immer schwierig, wie gesagt, aber falls Punk unter anderem heißen sollte, wutbereit zu sein, dabei aber nicht blind, kompliziert, aber nicht elitär, idealtreu, aber trotzdem beweglich, dann ist "Puro Amor", das neue, insgesamt achte Album der Broilers, wohl eine der besten deutschen Punkplatten, die man in absehbarer Zeit zu hören bekommen wird.

Was durchaus damit vereinbar ist, dass die Broilers mittlerweile eine der kommerziell erfolgreichsten heimischen Rockbands geworden sind. Ihre zwei jüngsten Alben erreichten Platz eins der Charts, verkauften sich je knapp 150 000 Mal, für die Tourneen müssen auch in Bayern und Berlin geräumigste Hallen gebucht werden. "Puro Amor" ist eben dasselbe gelungen. Drei in Folge. Die Musik scheint also nahbar und verständlich genug für ein eminent großes Publikum zu sein, dennoch tragen Songs und Körper der Bandmitglieder eine Menge sehr spezifischer Zeichen mit sich herum: Sounds, Kleidung, Haarschnitte, Tattoo-Embleme und womöglich sogar Handbewegungen aus Rockabilly, den Punkrock-Genres Oi! und Hardcore, komplex ineinander verschränkt. Dass die bulligen Broilers seit kurz nach ihrer Gründung in den frühen 90ern eine Bassistin in der Riege haben, zu allem Überfluss also auch gut angedeutet divers sind, setzt der French-Crop-Frisur am Ende noch den Pork-Pie-Hut auf.

Sänger und Songwriter Sammy Amara, Jahrgang 1979, Sohn einer deutschen Mutter und eines in den 50ern aus dem Irak emigrierten Augenarztes, wurde im Düsseldorf der frühen 90er zum Punk, nachdem er bei Karstadt im südlichen Trabanten-Stadtteil Garath eine CD von AC/DC besorgen wollte und die resolute Verkäuferin ihm gleich noch, regional gewitzt, ein Album der Toten Hosen oben drauflegte. Die Broilers-Band wurzelt in der Oi!-Community, einem schwer zu erklärenden Punk-Sprengel, der vor allem deshalb oft schräg betrachtet wurde, weil er auch politisch neutralen sowie dezidiert linken Skinheads ein Zuhause bot, die fürs unkundige Auge kaum von rechten Schlägern zu unterscheiden sind. "Komm und halt dein Maul, deine Tage sind gezählt", grölte Amara damals gegen Protestwähler aller radikalen Lager. Die Band knüppelte, es ging um Saufen, Fußball, den Frieden jenseits des Politischen. Tempo und Rüpelfaktor der Broilers sind durch die Jahre freilich moderater und lebenstüchtiger geworden, die Themen dafür deutlich entschiedener und definierter.

Sollte es in Deutschland ein Pendant zu Bruce Springsteen geben, würde es wahrscheinlich ungefähr so klingen

"Die Wut ist noch da, aber wir versuchen heute eher, für etwas zu sein statt nur dagegen", sagt Sammy Amara, was fast logisch ist für eine Band, die sich aus der rattigen Underground-Opposition bis auf die Großbühnen hochgespielt hat, für die man ein gewisses Maß an Regierungsfähigkeit braucht. Mit "Gib das Schiff nicht auf!" zum Beispiel haben sie fürs neue Album den rundherum anschlussfähigen Soli-Song geschrieben, der aus den berühmten vier Donnergitarrengriffen alles herausholt und genauso gut als Freundschaftslied wie als Europa-Hymne taugen könnte. Der Balkan-Ska "Alice und Sarah" ist eine kleine, erstaunliche Dramolett-Fantasie über das Eheleben von AfD-Ideologin Alice Weidel, "Diktatur der Lerchen" die bollernde Allmachtsvision eines Schlaflosen, "Trink mich doch schön" eine Studie über die alternde weiße Working Class im Düsseldorfer Süden, die selbst völlig Fachfremden die Tränen in die Augen treibt.

Natürlich sitzen die Broilers so genau zwischen den Extremen. Sind für bourgeoise Kunstfreunde wohl weiterhin zu primitiv und ruppig, für Oi!-Ultras dafür inzwischen zu lyrisch und verkehrsberuhigt. Aber die viel wichtigere Frage, wie sich die zentralen Qualitäten des Punkrock längerfristig bewahren, übersetzen und skalieren lassen, das im besten Sinne Aufrichtige und Ungestüme, die beantwortet das Album "Puro Amor" auf ganz bestechende Art. Als möglicher Entwurf dafür, wie sich auch jenseits jeder Berufsjugendlichkeit noch Rockmusik spielen lässt, die all diese Emotionen nicht immer und ewig nur behauptet, sondern sie in direkte Performanz verwandelt. Sich auf sie festlegt, sich dabei viel angreifbarer macht als der floskelhafte, in alle Richtungen abgesicherte Kitsch, mit dem so viele jeansjackige Songwriter Woche für Woche die Spotify-Playlisten füllen.

Anders gesagt: Sollte es in Deutschland ein Pendant zu dem geben, was Bruce Springsteen von den USA aus für die Welt macht, diese Mischung aus visionärer Rastlosigkeit, leicht schwitzender Volksnähe und, nun ja, herzpochendem Rock 'n' Roll, dann würde es wahrscheinlich ungefähr so klingen wie die Broilers aus Düsseldorf. Oder, wie Sammy Amara es singt: "Wenn der Rücken es erlaubt, die Mittelfinger hoch!" Geht klar, auch ohne Tätowierung.

© SZ/biaz
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