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Britney Spears in Berlin:It's Britney, Kitsch!

Britney-Spears-Konzert 2017 in Taiwan

Britney Spears und ihr Wanderzirkus sind mit der Las-Vegas-Show auf Welttournee.

(Foto: Chiang Ying-Ying/dpa)

Übertrieben und über fast jeden Zweifel erhaben: Britney Spears mit ihrer Las-Vegas-Show in Deutschland.

Von Jonas Lages

Wenn man an diesen hirnerweichend heißen Tagen durch die Kreuzkölln genannte Schneise der Berliner Coolness läuft, könnte man manchmal glauben, in ein frühes Musikvideo von Britney Spears gestolpert zu sein. Denn jene jungen Menschen, die man Millennials nennt, stehen gerade besonders auf den Stil der Jahrtausendwende: Pigtail-Frisur und Spaghettiträger hier, Boyband-Mittelscheitel und klobige Sneakers da.

Man müsste jetzt nur noch die richtige Bar oder WG-Party finden und es würde Britney Spears laufen: der notorische Hauptstadt-Hipster-Humor.

Mit anderen Worten: die Voraussetzungen für das Berliner Britney-Spears-Konzert in der Mercedez-Benz-Arena waren am Montagabend ganz wunderbar. Fünf Jahre lang residierte Britney Spears zuletzt in Las Vegas im Planet Hollywood Resort & Casino und spielte 248 Mal ihre "Britney: Piece of Me" genannte Show - meist vor einem angeduselten Publikum, wie sie in einem Interview erzählte. Vor zwei Jahren veröffentlichte sie nebenbei ihr neuntes Studioalbum "Glory". Nun sind sie und ihr Wanderzirkus mit der Las-Vegas-Show auf Welttournee.

"Piece of Me": so heißt einer der wenigen biographischen Britney-Spears-Songs, in dem sie 2008 den Celebrity-Wahn um ihre Person kritisierte und sich als "Miss Bad Media Karma" bezeichnete. Mit elf Jahren im Mickey Mouse Club, mit 16 das Nummer-Eins-Debüt. 80 Millionen Albenverkäufe später dann mit Mitte Zwanzig die Stilisierung zum gefallenen Engel: Nervenzusammenbruch, Entmündigung und ein per Regenschirm demoliertes Autofenster eines Paparazzi.

Längst eine historische Figur

Andererseits ist der Titel "Piece of Me" natürlich ein Versprechen. Im schnelllebigen Pop ist Britney Spears ja im Grunde schon längst eine historische Figur geworden. Eine Zeitzeugin jener Ära, als Superstars ihr Leben noch nicht live in den sozialen Medien übertrugen.

Um also ein Stück Britney Spears zu erhaschen, waren sie zu dieser eng getakteten, gut neunzigminütigen Geschichtsstunde alle gekommen: mit Katzenohren und Schuluniformen, Paillettenkleider und antiken Tour-T-Shirts, als Tomboys wie Tomgirls und Diven aller Art. Gute Laune überall: die beliebteste Selfie-Pose war der erhobene Daumen. It's Britney, bitch.

Und so ähnelte das Konzert auch einer gigantischen Mini Playback Show. Oder wie eine Britney-Spears-Motto-Party, zu der eben auch Britney Spears erschienen war - eine Zeitreise in 27 Liedern. Die verlief nicht immer perfekt, zum Beispiel, wenn Spears mit ihren zwölf Tänzern den Catwalk entlang marschierte und ihre Lippen nicht ganz die zu hörenden Zeilen erwischten.

Doch solche Details spielen kaum eine Rolle: Im fernab der Zeitzonen des Pop gelegenen Britney-Spears-Universum steht die Zeit still. Oder genauer gesagt: sie läuft über eine Möbiusschleife. Und diese Möbiusschleife schaffte es sogar ins Bühnenbild, zerschnitten verzierte es als silberne Spiralnudeln zwei gigantische Lampenschirme.

Britney Spears ist nicht den Weg der anderen großen Queer-Ikone Madonna gegangen, die es mit ihrem Zeitgeist-Opportunismus immer wieder schaffte, Gegenwärtigkeit zu suggerieren. Genauso wenig hat sie den Pfad der gleichaltrigen Pop-Fürstin Beyoncé gewählt, die einfach selbst den Zeitgeist prägt ("cause I slay"). Nein, Britney Spears ist Britney Spears geblieben ist Britney Spears geblieben.

Die Kunst der Entsinnlichung

Deshalb ist es beim Konzert, sieht man einmal von den Überhits der Anfangsphase ab, fast unmöglich, die Entstehungszeit der aus sämtlichen Alben ausgewählten Songs am Sound zu erkennen. Sie alle folgen der gleichen Britney-Spears-Formel: Elektropop, bei dem glitzernde Synthies über die stampfende Kickdrum sprudeln, ohne von einem Groove im Basskeller geerdet zu werden. Jene Art Tanzmusik, bei der Menschen aus Vorfreude auf den Refrain ihre Arme in die Luft werfen. Um dann, wenn er einsetzt, wie Gummibärchen umher zu hüpfen. Am exzessivsten in Berlin bei "Gimme More".

Neben den Anbahnung-zum-Sex-Songs, bei denen Blicke über die Tanzfläche geschickt und Begierden suggeriert werden - "Get Naked (I Got a Plan)", "Do You Wanna Come Over?" - dominierten an diesem Abend die sich mehr auf Schlaf- und Badezimmer konzentrierenden Sex-Songs ("Clumsy", "Slumber Party"). Beide klangen so sinnlich wie die Betriebsanleitung eines Navigationsgeräts.

Und exakt das ist ja gerade die große Kunst von Britney Spears. Die Songs sind so entsinnlicht, dass man gar nicht anders kann, als die Platzhalter selbst auszufüllen. Sie sind so schrecklich, dass sie wieder gut sind. Anders gesagt: Britney Spears ist eine Meisterin des Camp, des größenwahnsinnigen Kitschs als Statement.

Und wenn man den campy Dreh heraus hat, ergibt plötzlich alles Sinn. So wie dieser Tänzer in goldgelben Latzhosen-Leggings. Oder dieser Move, bei dem es scheint, als wollten die Tänzer den Bühnenboden begatten. Oder der stühlerückende Remix der Reise nach Jerusalem, bei der sich die Möbel wie Legosteine stapeln. Oder diese SM-Nummer, in der ein Fan zum Song "Freakshow" angeleint auf der Bühne ausgeführt wird.

Im Grunde, ja, im Grunde brachte Britney Spears ihre Ästhetik schon auf ihrem Debütalbum auf den Punkt: "Oh crazy, but it feels alright".

© SZ.de/joku
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