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Britische Literatur:Englisches Schweigen

Julian Barnes Portrait Session

Englisches Schweigen sei, wenn alle das Unausgesprochene sehr wohl verstehen: Julian Barnes.

(Foto: Ulf Andersen/Getty Images)

Erinnerungen an die erste große Liebe des Lebens, vorgetragen im Gestus tragischer Festlichkeit: Julian Barnes' Roman "Die einzige Geschichte".

Von Alexander Menden

Paul ist in den Sechzigerjahren auf Semesterferien bei seinen Eltern im "Börsenmaklergürtel" südlich Londons, einer gut situierten, Tory-wählenden Gegend. Um der Langeweile zu entrinnen, folgt er dem Vorschlag seiner Mutter, dem örtlichen Tennisclub beizutreten. Dort trifft er die Endvierzigerin Susan Macleod, die seine Doppelpartnerin, und kurz darauf seine Geliebte wird. In dieser Ausgangssituation steckt das Potenzial für eine Sozialsatire, oder für eine Geschichte vom Erwachsenwerden, die den jungen Erzähler mithilfe einer erfahrenen älteren Frau zum Mann reift. Aber Julian Barnes wäre nicht Julian Barnes, wenn er es dem Protagonisten seines jüngsten Romans, dem Leser oder sich selbst derart leicht machen würde.

Mit neunzehn weiß Paul, "dass die Liebe unvergänglich ist, dass die Zeit ihr nichts anhaben und kein Schatten sie trüben kann". Der ältere Paul jedoch, der auf seine erste und tiefste Liebesbeziehung zurückschaut, weiß mittlerweile, dass alles viel komplizierter ist. Er weiß aber auch, dass nur die naive Kompromisslosigkeit, mit der sein jüngeres Selbst einst in die Beziehung mit der Jahrzehnte älteren, verheirateten Susan eintrat und an ihr festhielt, sie zu der lebensbestimmenden Geschichte machte, die er nun erzählt. Es ist, wie der Titel von Barnes jüngstem Roman versichert, "Die einzige Geschichte", die es sich für Paul zu erzählen lohnt. Paul ist einer jener Barnes'schen gealterten Mittelschichtmänner, die mit unterschiedlichen Graden der Verbitterung eine Existenz resümieren, die so viel mehr zu versprechen schien, als sie letztlich zu halten in der Lage war.

Christopher, der sich in "Metroland", Barnes Debütroman von 1980, in einer mittelprächtigen Ehe einrichtet, war so ein Mann, ebenso wie Tony, der Ich-Erzähler mit dem unzuverlässigen Gedächtnis in Barnes' Booker-Preis-Gewinner "Vom Ende einer Geschichte" (2011). Doch wo Tony sorglos war (und sorglos mit seinen Erinnerungen umging), ist Paul jetzt nur unbesorgt. Den Unterschied zwischen beiden Haltungen (im Original: "careless" und "carefree") zieht er ausdrücklich selbst. Diese Unbesorgtheit lässt ihn nie daran zweifeln, dass er mit Susan zusammen sein muss. Begleitende Faktoren sind die eigene "Schwanzvitalität", an die der gealterte Erzähler geradezu bewundernd zurückdenkt, sowie der Mangel an erotischen Vergleichsgrößen.

Susan trinkt, wird paranoid, ihre fröhliche Ironie wirkt immer mehr wie ein Schutzwall

Susan ist zwar älter, aber wenig erfahrener als Paul. Ihr Mann Gordon, der als groteske, rülpsende und Frühlingszwiebeln kauende Figur beschrieben wird, war als Ehekandidat zweite Wahl - der, den sie eigentlich heiraten wollte, starb früh. Paul ist, sehr zum Missfallen seiner Eltern, regelmäßig bei Susan zu Besuch, die Dynamik zwischen ihm, ihrem Mann und ihren beiden Töchtern ist verklemmt. Doch Pauls Sorge, er könne den anderen Menschen in ihrem Leben etwas von dem nach seiner Vorstellung begrenzten Vorrat an Liebe wegnehmen, vertreibt Susan leichthin: "Liebe ist dehnbar. Da wird nichts verwässert. Sie fügt hinzu. Sie nimmt nichts weg."

Dass die Liaison mit einer weit älteren Frau eine Provokation darstellt, nimmt Paul nicht nur in Kauf, er zieht eine jugendliche Befriedigung daraus. Bei einem Treffen in der Cafeteria der Royal Festival Hall vertreibt er zum Beispiel eine Frau, die sich ungefragt mit an den Tisch setzt, und "die meine Beziehung zu Susan garantiert missbilligen würde", indem er laut um Susans Hand anhält. "Sie wird rot, hält sich die Ohren zu und beißt sich auf die Unterlippe. Ein Knall, ein Stoß, ein Stampfen, und der Eindringling nimmt die Tasse und marschiert zu einem anderen Tisch."

Aber natürlich leiden andere doch, wenn zwei Menschen einander in derart beharrlichem, exklusivem Dauerflirt verfallen. Susan zieht mit Paul nach London, nachdem ihr Mann ihr im Suff aus Eifersucht zwei Zähne ausgeschlagen hat. Das könnte das Ende sein - eine Zäsur, welche die Möglichkeit eines glücklichen Zusammenlebens weitab jedes Konventionsdrucks zumindest offenlässt. Doch Paul erzählt mit der Draufsicht aufs Ganze, und so vollzieht er - einhergehend mit einer veränderten, distanzierenden Erzählperspektive, erst in der zweiten, dann der dritten Person - den langsamen Verfall Susans und seiner Beziehung zu ihr nach: Susan trinkt, wird paranoid, ihre fröhliche Ironie wirkt immer mehr wie ein Schutzwall.

Ein Leben, das unerforscht, unerfüllt, in säuerlicher Tristesse mündet

Grundproblem der zerfallenden Verbindung sei, konstatiert Paul selbst, dass beiden die Fähigkeit und das Vokabular fehlten, über sie zu sprechen. Aber es herrscht auch, was Barnes als "englisches Schweigen" bezeichnet - "ein Schweigen, bei dem beide Seiten die unausgesprochenen Worte sehr wohl verstehen". Dass er dieses Verständnis voraussetzt, statt es zu erforschen, ist womöglich Pauls größter Fehler.

"Die Liebe an sich war in der Regel einfach nur Liebe" beteuert Paul, vor allem sich selber, "selbst wenn sie manche Leute zu einem Verhalten trieb, das den Verdacht nahelegte, dass es da keine Liebe mehr gab und vielleicht nie gegeben hatte." Diese Erkenntnis wird sein gesamtes weiteres Leben überschatten - ein Leben, das unerforscht bleibt, unerfüllt, und das in säuerlicher Tristesse mündet, weil er an seiner ersten bedeutenden Erfahrung festhält, die irgendwann "zu einem Gemisch aus Mitleid und Zorn geronnen" ist.

Für diese Erkenntnis ist er klarsichtig genug - zugleich aber unfähig, weiteren Erfahrungen Raum zu lassen. "Man hatte eine Pflicht gegenüber der Liebe", konstatiert er, "umso mehr, als sie jetzt das wesentliche Glaubenssystem darstellte. Und die Liebe brachte viele Pflichten mit sich. Daher konnte die scheinbar so leichtgewichtige Liebe eine schwere Last und eine starke Fessel sein." So beschleicht einen das Gefühl, dass Pauls Geschichte vielleicht doch nicht die einzige ist, die es sich zu erzählen lohnte, sondern schlicht die einzige, die ihm zu erzählen bleibt.

Julian Barnes: Die einzige Geschichte. Roman. Aus dem Englischen von Gertraude Krueger. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2019. 304 S., 22 Euro.

© SZ vom 06.03.2019
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