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Brigitte Kronauers letztes Buch:Happy Endings mit Bitternote

Wenn dieser Mann erzählt, werden die Sätze und Ansichten schlicht und man muss sich mühen, die Ambivalenz zu finden, welche die meisten der hinreißenden Vogelgeschichten auszeichnet. Die sind fantastisch altmodisch, großartig lebensklug und erzählt, als würde Kronauer mit dem Florett durch die Zeilen tänzeln. Eigentlich handelt es sich bei diesen Geschichten um Novellen, an deren Ende etwas Unerhörtes bleibt, das immer sowohl in der Beobachtung als auch in der bewusst artifiziellen Sprache liegt, die (siehe Büchner-Preis-Rede) nicht immer zu ihren Figuren zu passen scheint.

Die Kunst und ihr Betrieb bekommen es dabei besonders ab. In der Geschichte "Der Höfling" widmet Kronauer alias Charlotte dem Dompfaff ihre spitze Feder. In ihm erkennt sie den Schriftsteller Triegel: "Er beherrschte die Gepflogenheiten der Kulturbranche wie geschmiert. Es war ein Furor des Verneigens, eine Raserei, bis er das plötzlich abbrach, stillstand mit starrer Miene und in Zitaten sprach. Er hatte es gar nicht nötig, einen eigenen Satz auszudenken."

Wenn es um den Spott über die Hybris und Heuchelei der Kunstszene geht, sind Pointen (Krawel, krawel) leicht zu holen. Brigitte Kronauer ist sich dafür nicht zu schade. Virtuos kaschiert sie das kokett Derbe mit einer manchmal wohl bewusst manierierten Originalität. Ihre Satiren wirken geradezu galant. Trotzdem gibt es noch stärkere Stücke als die Kunst-Betriebsgeschichten. Das sind diejenigen, die sich den Langsamen widmen. Zum Beispiel dem Gärtner, der zum Erzählen Anlauf nehmen muss und dessen Sätze wie Schritte in "schweren Arbeitsstiefeln" wirken. Das ist so eine Kronauer-Formulierung, die man voll Behagen und glücklich liest, wie auch die unerhörte Begebenheit, die sich mit diesem Gärtner abspielt.

Brigitte Kronauer: 'Das Schöne, Schäbige, Schwankende'

Brigitte Kronauer: Das Schöne, Schäbige, Schwankende. Romangeschichten. Klett-Cotta, Stuttgart 2019. 596 Seiten, 26 Euro.

(Foto: dpa)

Es geht dabei nur um eine Geste, und eben darin liegt die Kunst von Brigitte Kronauer: in dem Gespür für die Bedeutung solcher Gesten und in der Fähigkeit, sie skizzenhaft für die Leser-Imagination zu entwerfen. Dem Gärtner ist die Erzählerin immer mal wieder begegnet. Als sie ihn nach längerer Abwesenheit im Botanischen Garten wiedersieht, zieht er seinen Handschuh aus, um ihr die Hand zu geben, sie aber versteht zu spät die Bedeutung der für ihn raren Geste und der Moment ist vorbei. Es gab ihn aber und er hat gezeigt, welcher Wunder der Alltag offenbaren kann. Das ist nicht sentimental gemeint, sondern ganz "spröde", wie Kronauer die Menschenliebe der Literatur bezeichnet hat.

Der Schriftsteller Ernst-Wilhelm Händler beschreibt in seinem Essay über Gegenwartsliteratur, wie Brigitte Kronauer sich mit "kühlstem Herz" dem "Kleinen" widmet, indem sie den "Stilkörper" aktiviert. Ihre Eleganz tariert die Moral aus, so dass sie weder wie ihre Figur Rosetta, eine Gelbstirnamazone übrigens, Kunst mit Kitsch verwechselt noch wie die wirklichen Anti-Figuren ihrer Geschichten Eleganz als "Rundumpolitur" trägt.

Und dann ist da ja noch Kronauers Humor. In der Geschichte "Suppenkasper" zum Beispiel, die von einer Frau und ihrer fixen Idee handelt, sich physisch zu reduzieren. Da heißt es dann, wenn sie nachts im Bett liegt: "In schamloser Neugier betastete sie leicht raschelnd ihre Überreste. ('Was schürft hier so?', fragte gelegentlich der Mann schlaftrunken und träumte schon wieder von ihrer Antwort, die sie sich deshalb sparte.)" Gerade diese Geschichte bekommt ein Happy End. Dem bleibt bei Kronauer allerdings fast immer eine Bitternote, ein kleiner oder größerer Schreck eingeschrieben.

Nein, Mitleid zeigt Brigitte Kronauer mit ihren Figuren nicht. Sie schaut ihnen eher wie eine Göttin zu, deren Blick ihre Kreaturen aus dem "Gewimmel" heraushebt. Dieser Blick wird immer dann besonders intensiv, wenn er die Unscheinbaren, Gewöhnlichen trifft. Lieb seien ihr, schreibt Charlotte, "schiefergraue, beschwingte Büroangestellte, die an schönen Sommerabenden mit ihren Fahrrädern, auf denen ihnen Flügel wuchsen, und mit ihren Aktentaschen nach Dienstschluss aufatmend zu den Lauben in ihre kleinen Paradiese fuhren!" - Mit Ausrufezeichen.

© SZ vom 19.08.2019/asä
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