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Briefwechsel:Radiergummi fürs Gehirn

Von einem Mann zum andern, welche Abgründe: Die Korrespondenz Gottfried Benns mit dem Bremer Kaufmann F. W. Oelze, in dem er einen bedingungslosen Bewunderer fand. Ihm konnte er sich öffnen.

Gottfried Benn wollte immer "kaltschnäuzig" sein. Wie von einem fremden Stern schien er auf die menschlichen Leidenschaften herabzublicken. Deshalb war es eine große Sensation, als ab 1977, mehr als zwanzig Jahre nach dem Tod des Dichters, seine Briefe an den Bremer Kaufmann F. W. Oelze veröffentlicht wurden. Das rapide Auf und Ab seiner Biografie, die Begeisterung für die Nationalsozialisten und ihr Ende, die Stilisierung zum einsamen Olympier und der Erfolg in der frühen Bundesrepublik - all dies teilte sich nun unmittelbar mit. Es gab jedoch eine große Leerstelle: Was hatte es mit jenem ominösen F. W. Oelze auf sich? Dieser hatte testamentarisch erst einmal untersagt, seine Briefe zu veröffentlichen. Es blieb das Bild, das Benn von ihm zeichnet: ein hanseatischer Großbürger, ein Ästhet.

Ich empfange jeden Wert von Ihnen, schreibt Oelze, nur durch Sie bin ich überhaupt "etwas"

In der neuen, vorbildlich kommentierten Gesamtausgabe des Briefwechsels, die jetzt erscheinen kann, wird dies vor allem als eine Camouflage deutlich. Oelze war zwar reich und gebildet und lebte hinter einer bürgerlichen Fassade, aber dahinter verbargen sich nur mühsam kaschierte Abgründe. Die ersten Briefe Oelzes, der sich Ende 1932 begeistert an ihn gewandt hatte, wurden von Benn weggeworfen. So beginnt die erhaltene Korrespondenz mit 22 Briefen Benns an Oelze, der sie natürlich alle sorgsam archiviert hat. Am 31. März 1935 ist dann zum ersten Mal auch Oelze dokumentiert. Es wirkt wie ein großer, unerwarteter Trommeleinsatz, denn Oelze spricht in fremden Stimmen: "D'un homme à un autre homme, d'un cœur à un autre cœur, quels abimes!" (Von einem Mann zum andern, von einem Herzen zum andern, welche Abgründe!)

Oelze versteckt sich auf Französisch, es handelt sich um ein Zitat Flauberts. Das weist auf eine besondere Dynamik hin. Der Erbe einer Großhandelsfirma ist mit seiner bürgerlichen Existenz durch und durch unglücklich. Umso mehr verehrt er den Dichter, der für ihn den ersehnten geistigen Zugang zur Welt zu bieten scheint. Benn muss ziemlich zusammengezuckt sein, als er Sätze las wie: "Ich empfange jeden Wert von Ihnen, nur durch Sie bin ich überhaupt 'etwas', - - davor war, und danach ist, das Nichts."

Gottfried Benn mit Friedrich Wilhelm Oelze 1956

Herzliche Distanz - eine der wenigen Begegnungen des Dichters Benn mit dem Großkaufmann F. W. Oelze, zu Benns 70. Geburtstag 1956.

(Foto: Deutsches Literaturachiv Marbach)

Dass es sehr selten zu eher kurzen persönlichen Begegnungen zwischen Benn und Oelze kommt, ist im Sinne Benns. Die Beziehung zwischen den beiden Protagonisten ist eine fast ausnahmslos schriftliche, und von Privatem ist lange Zeit gar nicht die Rede. Relativ spät erfährt Benn auch, was hinter Oelzes Vornamen "F. W." steckt, obwohl ein "Friedrich Wilhelm" offenkundig in der Luft zu liegen scheint. Oelze trat 1933 der NSDAP bei. Wie Benn war er aber schnell desillusioniert. Oelze stand für ein deutsches Bürgertum, das sich elitär fühlte und die Demokratie als Herrschaft des Plebs ablehnte. Dass es damit dem Nationalsozialismus den Boden bereitete, wurde später verdrängt. Oelze zeigte wie Benn bald Verachtung für die pöbelhafte Unkultur der Nazis. Das Gefühl, von der herrschenden Vulgarität an den Rand gedrängt zu werden, verstärkte bei beiden die Neigung zu großen Einsamkeitsgesten, und die auf Distanz gehaltene Beziehung zu Oelze erhielt für Benn stärkere Bedeutung.

1936 kommt es aber zu einem erstaunlichen Ausbruch. Oelze bittet Benn um ein Foto: "Das einzige das ich besitze ist eins, das ich mir vor Jahren aus einer Zeitschrift ausschnitt und aufziehen ließ. Aber es ist klein und nicht gut gedruckt." Benn spürt instinktiv, welch psychischer Druck von Oelze ausgeht. Bald äußert er den "Wunsch, unsere Beziehungen zu unterbrechen. Vielleicht ist es nur die Notwendigkeit einer neuen Verschleierung meines Ich auch vor Ihnen." Oelze wird tief getroffen: "In einem durchweg beklemmenden Leben habe ich dennoch nur zweimal einen Schock erfahren, der die Fundamente erschütterte, der letzte ist Ihr Brief."

Die Kehre folgt prompt. Benn wird genau jetzt von der SS-Zeitschrift Das schwarze Korps diffamiert, und er hat nicht viele, bei denen er Unterstützung finden kann. Als ob zwischen ihnen nichts geschehen wäre, informiert er Oelze sofort über den Vorgang, er sucht bei ihm Halt. Der Gedankenaustausch mit dem belesenen Oelze wird für ihn in den nächsten Jahren lebensnotwendig. Aber er macht auch ein Kunststück daraus: Benn stilisiert sich als "Wanze aus der Bozener Straße", als kleiner, aus einem amusischen Elternhaus stammender armer Poet, während er Oelze mit "Senator" anspricht und ihn als Ideal einer großbürgerlichen Existenz fantasiert. Bei Benn wirkt diese Inszenierung spielerisch, während aus Oelze an jeder Stelle großer Ernst spricht und ein Pathos, das Benn immer mal wieder unterläuft.

Leseprobe

Einen Auszug aus dem Buch Gottfried Benn - Friedrich Wilhelm Oelze Briefwechsel 1932-1956 stellt der Verlag hier zur Verfügung.

Nach dem Ende der Nazi-Herrschaft herrscht bei Oelze eine paradoxe, dem Nihilismus huldigende Stimmung. Philosophisch umkreist er die "Freiheit vor dem Nichts", und inmitten allgemeiner soziopsychologischer Ausführungen macht er eine ungewöhnliche Bemerkung: "Wenn ich einen 16-jährigen Schlosserjungen liebe, so ist das, glaube ich, nicht eine Alterserscheinung, sondern es ist der Ausdruck einer wirklichen Verwandlung." Die Kriegsgefangenschaft sei daran nicht unbeteiligt: "Die wachsende Abneigung gegen das Weibliche kann von ihr nicht hervorgerufen, höchstens akut gemacht worden sein." Das Eingeständnis verschwiegener Homosexualität, ein Thomas-Mann'sches Surplus, durchbricht den Ton seiner bisherigen Briefe. Benn geht jedoch auf Oelzes intime Andeutungen nur am Rande ein. Er bereitet sich darauf vor, dass seine Isolation unter umgekehrtem Vorzeichen weiter anhält, und meißelt meisterhaft an einem Dichtermal in zeitloser Einsamkeit und Schweigen: "Was lebt, muss durchschnittlich sein, sonst wächst es ins Astrale u dort ist es kalt u. aufgelöst u. atemlos!"

Wir werden nicht fallen, schreibt Benn an Oelze, wir werden steigen

Die Dichter-Aura entwickelt aber eine gewaltige Sogkraft. Innerhalb kurzer Zeit gilt Benn als maßgebender Autor seiner Zeit und wird im demokratischen neuen deutschen West-Staat das, was er eigentlich im Dritten Reich werden wollte. Das ist eine der unvorhersehbaren Tücken der Geschichte. Die Briefe an Oelze werden, im Zuge von Benns Ruhm, allmählich wieder förmlicher. Und während Oelze an seinen klassisch-elitären Idealen festhält, öffnet sich Benn zusehends dem Alltag und dem Musikgeplätscher des Rias. Einmal schickt ihm Oelze eine Liste mit Fragen zu den neuesten Manuskripten. Benn beantwortet diese Fragen Punkt für Punkt: "Colt - aber, Herr Oelze! Lesen Sie keine Kriminalromane? Ich ständig, wöchentlich 6, Radiergummi fürs Gehirn - ein berühmter amerikanischer Revolver, ohne den kein Scotland Yardmann auftritt."

Die Neigung zum Radiergummi hinterlässt Spuren. Rosen kommen immer wieder vor, einmal auch die Eberesche, und manchmal streift es Sphären, die man sich gut und gerne von Zarah Leander oder Lale Andersen gesungen vorstellen könnte: "Wenn erst die Rosen verrinnen / aus Vasen oder vom Strauch / und ihr Entblättern beginnen, / fallen die Tränen auch."

Benn schreibt dieses Rosen-Gedicht, das ist die ironische Pointe dabei, für die Ehefrau Oelzes, nachdem er ein Foto ihres Gartens gesehen hat. Oelze ist also auch hier für ihn eine Art Sparringspartner, bei dem er ästhetische Positionen und Posen ausprobieren kann. Benns letzten kurzen Brief, auf dem Totenbett im Krankenhaus, hat Oelze damals für die Öffentlichkeit auf seine Weise gekürzt. Er besteht in Oelzes Version aus einem nahezu goetheanischen Schlusswort: "Jene Stunde wird keine Schrecken haben, seien Sie beruhigt, wir werden nicht fallen, wir werden steigen." Jetzt ist eine Abschrift des ganzen Briefes aufgetaucht, die als authentisch gelten kann und darauf schließen lässt, dass Benns Frau Ilse, die Zahnärztin war, ihm wohl Sterbehilfe geleistet hat: "Meiner Frau, die mir in diesen Tagen sehr nahe ist, habe ich das Versprechen abgenommen, dass sie mir die letzten Tage erleichtert, es wird alles rasch zu Ende gehen."

Dass sich Oelze scheute, seine eigenen Briefe zu veröffentlichen, hat mit derselben Art von Diskretion zu tun. Denn er erscheint jetzt nicht mehr als der souveräne Großbürger, als den Benn ihn skizziert. Oelze war ein Ungetrösteter, ein Dienender, ein Fan. Aber als solcher ein grandioses Medium für eines der bedeutendsten dichterischen Selbstzeugnisse des 20. Jahrhunderts.

Gottfried Benn / Friedrich Wilhelm Oelze: Briefwechsel 1932-1956. Hrsg. Harald Steinhagen, Stephan Kraft, Holger Hof. Gemeinschaftsausgabe der Verlage Wallstein und Klett-Cotta, 2016. 4 Bände, zusammen 2334 Seiten, Abbildungen, 199 Euro.

© SZ vom 11.04.2016

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