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Briefroman:Aber ich war doch immer beiden treu!

Ist das, was da aufblitzt, womöglich sogar Humor? In seinem neuen Band "Gar alles" schreibt Martin Walser Briefe an eine unbekannte Geliebte.

Je älter Martin Walser wird, desto privater wird sein Schreiben. Schon bei seinen letzten Büchern hatte der Leser oft den Eindruck, dass er gar nicht mehr gemeint war, wenn er ein immerhin veröffentlichtes Buch zur Hand nahm, sondern einem Selbstgespräch lauschte. Diesmal hat der Autor - nicht zum ersten Mal - die altertümliche Form des Briefromans gewählt, um von einem älteren Herren zu berichten, der sich, wie auch sonst schon oft, von der Person des Martin Walser schwer unterscheiden lässt, auch wenn er ein paar Jahrzehnte jünger sein dürfte.

Sein Alter Ego heißt Justus Mall, früherer Jurist in einem bayerischen Ministerium und, nach seiner Frühverrentung, ausweislich seiner Visitenkarte beruflich "Philosoph" - wobei er anmerkt, dass Philosoph sich jeder nennen darf, der nicht genau sicher ist, welchen Wochentag wir heute haben. Seine Briefe schreibt er einer "lieben Unbekannten", ja einer "lieben unbekannten Geliebten". Wie aber funktioniert das, wenn man gar nicht weiß, an welche Adresse der Brief sich richtet?

Nun, dieses Ich hat sich einen Blog zugelegt, sodass seine Texte als Streuschüsse in die Welt hinausgehen - im Grunde eine etwas längere Kontaktanzeige. "Ich bin darauf angewiesen, dass es Sie gibt", schreibt er, oder: "Es muss schon so sein, dass Sie mich erlösen, nicht ich Sie", und unterzeichnet mit "Ihr mutlos Hoffender", "Ihr Wartender", "Ihr Ohnmächtiger", ja "Ihr was Sie wollen" und endlich "Ihr Schwächling". Sein ersehntes Gegenüber will er gewissermaßen aus dem Nichts zu sich herbeisaugen und beginnt zu rätseln, wie die Prinzessin bei Rumpelstilzchen, welchen Namen sie wohl trüge.

Martin Walser

An Debatten muss er sich nicht mehr beteiligen: Martin Walser in Überlingen.

(Foto: Patrick Seeger/dpa)

Monika nicht, das fühlt er. Barbara vielleicht? "Dann sind Sie hochmütig." Daniela? Zu vernunftbetont. Elke oder Ellen? Sie leisten viel mit wenig Aufwand. "Dorothea kommt vor zu Herzen gehender Schwerfälligkeit durch keine Tür." Wie man sieht, ist der ergebene Anbeter der Frauen durchaus zu kleinen Bosheiten fähig.

Sein ersehntes Gegenüber will er gewissermaßen aus dem Nichts zu sich herbeisaugen

Vom Oktober 2016 bis "hoch im Sommer" 2017 schreibt dieses Ich unermüdlich, offenbar ohne auf positive Resonanz zu stoßen. Die potenziellen Adressatinnen mochten gewarnt sein von dem, was er nur allzu gern bekennt: dass er sich qualvoll aufreibe zwischen zwei Frauen, der altgedienten Gattin Gerda einerseits, andererseits der in Amerika forschenden Biologin Silke, die sich ihm als himmlische Erscheinung aufdrängte. Ihr gilt die Schwärmerei des altmodischen Kavaliers: "Aber die Augen. Himmelblau. So blau waren noch keine Augen. Und dieser Mund! Ein wohlgeschwungener, aber schwerer Vorhang für ein gleißend weißes Zähnetheater."

Beide Frauen drängen ihn zur Entscheidung, eine Forderung, die zu erfüllen er sich außerstande sieht. "Ich bin beiden treu. Wie es mehr als eine Art Liebe gibt, gibt es auch mehr als eine Art Treue." Im Grunde hält er solche Treue dem ganzen weiblichen Geschlecht, besonders dessen jüngeren Vertreterinnen; sie bieten sich ihm dar wie eine einzige "Weibsattacke", eine "Anmacharmee", die nicht zu ahnen scheinen, was sie anrichten, wenn sie vor seinen Augen ein heruntergerutschtes Trägerchen hochziehen. "Und so gut wie immer erlebe ich dann: Die Brandstifterin hat es nicht so gemeint. Sie war schon wieder anderweitig beschäftigt."

Man muss den Briefschreiber wörtlich zitieren, um diese eigenwillige Mischung aus Verehrung und Groll anschaulich werden zu lassen. Leute wie Justus Mall haben es zunehmend schwer in einer Stimmungslage, die von der "Me Too"-Diskussion geprägt wird. Wie sich allmählich herausschält, hat auch seine Frühverrentung mit einem Vorfall zu tun, der ihm den Ruf eines "Grapschers" einbrachte und Weiterungen nach sich zog, während er den ganzen Aufruhr mit dem ungläubigen Erstaunen des Operettentenors betrachtet: Und ich hab sie doch nur auf die Schulter geküsst!

Blick ins Buch

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Wer Walser, besonders seine letzten Bücher, kennt, wird manches entdecken, das ihm vertraut erscheint. Da ist eine gewisse trotzige Frömmigkeit, die sich im Alter neu hervorwagt. Da ist der publizistische Gegenspieler - Dolf Paul Alt heißt er diesmal, abgekürzt DPA -, der mit hämischem Vorsatz alles so übel missversteht, wie er irgend kann. Da ist die Ranküne gegen eine bestimmte Art mittelalter Damen, die meinen, dem romantischen Gentleman mangelnde Haltung und Altersgeilheit vorwerfen zu müssen. Und nicht zuletzt gibt es eine mystisch grundierte Neigung zum knappen Genre, das mit dem Zeilenbruch arbeitet. "Was soll ich denn tun/", heißt es da beispielsweise, "wenn ich nicht tun kann,/ was ich soll."

Dass Silke, die eine der beiden Frauen, denen er die Treue hält, eine halbe Amerikanerin ist, bietet Gelegenheit, in ihrem Namen ein sehr hübsches und agiles Poem über "squirrels" einzuflechten. Auch den Aphorismus handhabt der selbsternannte Philosoph in einer Weise, dass er viel von seinem mürrischen Gewicht verliert. "Mein Koffer sagt, wo immer er steht: Du gehörst nicht hierher." Das ist traurig und licht zugleich. "Gestehe nichts. Leugne. Leugne nicht nur, behaupte das Gegenteil. Lüge!" Dem lässt sich ein gewisser frecher Charme nicht absprechen. "Denken wie die Schwäne schwimmen. Über dem eigenen Bild und von selbst." Ja, das wäre ein schönes Ideal! Und nur ein bisschen eitel. "Vom Rechthabenmüssen zermürbt."

Doch das hat Justus Mall und hat wohl auch Walser hinter sich. Sie müssen nicht mehr recht haben. An Debatten nehmen sie nicht mehr teil, sie begnügen sich, zu sein, was sie eben sind, ohne sich um den Anstoß zu bekümmern, den sie erregen könnten. Wer Walser nicht liebt (und das sind etliche), wird ihn hier nicht lieben lernen. Aber seine Eigenart nimmt hier eine leichtere und schlankere Gestalt an, als man sie früher von ihm kannte. (Ein gewisser Erdenrest von Ressentiment bleibt freilich immer.) Ja, in der absurden Grundkonstruktion des Ganzen blitzt sogar etwas wie Humor auf.

Martin Walser: Gar alles oder Briefe an eine unbekannte Geliebte. Rowohlt-Verlag, Reinbek 2018. 107 Seiten, 18 Euro.